Lakonischer geht’s nicht – „Wasserstand und Tauchtiefe“ von Karsten Krampitz

Loslassen, damit die Hände frei sind. Der Mensch kann nicht neu anfangen, er kann nur anders weitermachen. – Karsten Krampitz neuer Roman ist eine buddhistische Meditation. Der Mensch, auf sich selbst zurückgeworfen, hat eine Vergangenheit, eine Gegenwart, aber keine Zukunft. keine nennenswerte jedenfalls.

Die Frau fürs Leben, wo sie nur steckt? – Glaub mir, Vater, das willst Du nicht wissen. Manchmal zahle ich dafür, dass ein anderer Mensch mich berührt.

Der Vater des Ich-Erzählers, nach dem dritten Schlaganfall weder in der Lage zu sprechen, noch sich zu bewegen. Das, was er zum Leben braucht, wird durch einen Schlauch hinein gepumpt, ein anderer Schlauch entsorgt.

Schlimm ist es zu lieben, ohne geliebt zu werden. Noch schlimmer ist es aber, scheißen zu müssen ohne gegessen zu haben.

Gepflegt von einer polnischen Schwarzarbeiterin und seinem Sohn, der das Wachkoma des Vaters dazu nutzt, um endlich einmal all das loszuwerden, was ihm auf der Seele brennt.

Am Ufer zanken sich die Enten um die Brotstücke, die man ihnen hinwirft. 
Nicht so die Kormorane. Die schauen auf uns herab wie im Sommer, in ihrer typischen Arroganz. Die scheißen auf Deutschland. Die gehören gar nicht hierher. (…) Hätten längst in den Süden ziehen müssen. (…) Die Haubentaucher wären bereit, sich am Ufer integrieren zu lassen. Aber der Kormoran! (…) Wir haben kaum genug Fressen für unsere einheimischen Vögel.

Zeitlich bewegt sich Wasserstand und Tauchtiefe zwischen Gegenwart und Anfang der Achtziger:

Man hat Alte Juwel geraucht. Und gespuckt. Weil doch in jedem Western, in jedem Krimi die coolen Typen immer spucken. Die Achtziger waren ein einziges Ausspucken. Beim Gehen, beim Reden, beim Herumstehen: Wer etwas auf sich hielt, der spuckte.

Räumlich größtenteils zwischen einer angemieteten Erdgeschosswohnung im Seniorenheim und der Tankstelle, dem einzigen Ort in Schehrsdorf, wo man noch Bücher kaufen kann, richtige Schmöker, und Bier natürlich. Die Tankstelle, der Treffpunkt der verlorenen Seelen, wie z.B. Trötsch.

Einer wie Trötsch, und ich sage das mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, gehört nicht in den Sophienhof. (…) Wie oft habe ich den Mann gebeten, nach 22 Uhr von etwaigen Reit- und Schießübungen in seiner Wohnung Abstand zu nehmen! Habe gesagt, beinahe gefleht: Lieber Herr Trötsch, bitte kein Exerzieren während der Nachtruhe.

Oder Fred, der seine Tage damit verbringt, vor dem Minimarkt zu stehen und die Kunden zu begrüßen, der sich, ähnlich wie ein Qeen’s-Guard, nur in Ausnahmefällen zu einer Reaktion bewegen lässt.

Aber das schätze ich so an ihm, das zeichnet diesen Mann aus: Standfestigkeit. Was auch immer passiert, einem Baum gleich wird Fred nicht von der Stelle weichen. Die Kinder kommen immer näher! Rufen: Freddybär! Freddybär! Ähnlich einer fleischfressenden Pflanze wartet er, bis die Beute nahe genug ist und sich in Sicherheit wiegt. Und dann: klatsch! Erst rechts, dann links: klatsch!
Einfach wunderbar. Ich liebe diesen Augenblick (…) Der müsste jetzt nur noch sagen: Junge, mir tut das genauso weh wie dir!

In Schehrsdorf, der Stadt, die keine ist, und die auf der Landkarte so aussieht, als hätte sich der Kreis Märkisch-Oderland einen Dorn eingetreten, haben die Menschen mit dem Leben abgeschlossen. Allen voran der Ich-Erzähler, der schmarotzerhaft von der Rente seines Vaters lebt. Zwei Männer, ein Konto.

Ich glaube ja, sagte Jenny, dass Lohnarbeit das letzte große Abenteuer unserer Zeit ist.
Das denke ich auch. Und das verbindet uns: Jenny und ich sind nicht mehr auf Abenteuer aus.

Wachkoma, Pflegenotstand, ostdeutsche Tristesse, eine Stadt, die keine ist und in der sich nur der Countryclub als kulturelle Errungenschaft der DDR über die Wende hat retten können, ein desillusionierter Ich-Erzähler der größtenteils nur vor sich hin monologisiert – was klingt, wie der deprimierendste Roman der Saison ist tatsächlich das witzigste Buch, das ich seit langem gelesen habe, auch das bösartigste, gleichzeitig merkwürdig anrührend und von einer wohltuenden Melancholie erfüllt. Ein guter Stoff für Andreas Dresen.

Robert Weber

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P.S.

Hörspiel des Monats ist dann doch was anderes geworden. Gedichte aus dem australischen Outback mit viel Naturuntermalung, so wie ich das verstanden habe.

So wird das nie was mit meiner Karriere. Ich sollte mich doch lieber auf die kongeniale Umsetzung der akustischen Gebärdensprache oder so was konzentrieren statt auf so einen Quatsch wie Krieg.

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Alles neu

Neuer Computer (Mac Mini) eingerichtet, endlich wieder flüssig online und überhaupt, arbeiten können. Ohne Computer fast nicht mehr möglich, zumindest in meiner Branche. Was heißt flüssig? Was heißt neu? Tatsächlich scheinen die Dinger etwas schneller zu laufen als 2005, das Geburtsjahr meines kürzlich verstorbenen Powerbooks (G4), das ich aber gerne noch weiter benutzt hätte. Der ganze Bedienscheiß ist mir eh titte, Tiger, Panther, Lion, Mavericks… Das funzt auch nicht mehr als vor neun Jahren. Ok, ich kann jetzt im Internet Filme gucken und das Iphone und das Ipad mit dem dem Mini zusammenfunken, Zeugs übertragen, drahtlos etc., bloß brauche ich kein iPhone und kein Ipad und ich könnt’s mir auch nicht leisten; was ich groß zu übertragen hätte, wüsste ich auch nicht.

Morgen dann Versuch der Datenrettung.  Musik, Fotos, Texte der letzten zehn Jahre, Audiodateien, Mailadressen… Im Großen und Ganzen sehe ich schwarz, obwohl “weiß” meine Farbe sein soll. Und ich frage ich mich: Will ich das überhaupt? Was soll das eigentlich? Diese Fotos, diese Musik, diese Adressen und Telefonnummern? Mit Menschen, mit denen ich Kontakt habe, habe ich Kontakt.

Diese Texte, diese Hörspiele. Alles eigentlich abgeschlossen, gesendet, gedruckt, vorgelesen oder nichts wert gewesen, – und als ob die “Nachwelt” meine Festplatten auswerten würde… Absurde Vorstellung.

Die Festplatte zwischen den Ohren, abhörsicher. Ein ganzes Leben abgespeichert, zeitlich kaum messbare Übertragungsraten, Backups, Updates, seit 48 Jahren. Unwichtiges gelöscht, Relevantes eingebrannt. Zugriff auf Programmstruktur Nachts in den Träumen.

 

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Hörspielkritik

Zu Heinrich. Hier: http://hoerspielkritik.de/?p=3668

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Apocalypse Now für die Ohren

Heinrich, Vorname Hauptfeldwebel

Hörspiel von Robert Weber

Ursendung am 07.07.14 um 0:05 auf Deutschlandradio Kultur

Zum Nachhören: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/07/07/drk_20140707_0005_e88f9321.mp3

2014. Der Krieg in Afghanistan ist für die NATO vorbei. Bis auf ein Restkontingent haben die ISAF Truppen das Land verlassen. Auch die Soldaten der Bundeswehr sind nach Hause zurückgekehrt. Heinrich, Mitglied des “Kommando Spezialkräfte”, gilt als vermisst.

Als er sich ein Jahr später den afghanischen Behörden stellt, hat er über 100 Menschen getötet. Heinrich ist der erste Bundeswehrsoldat, der wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt wird.

Wann hat der Scharfschütze den schmalen Grat zwischen Töten auf Befehl und Morden auf eigene Faust überschritten? Robert Webers Hörspiel schildert die Gerichtsverhandlung und zeichnet das Psychogramm eines Soldaten, “der selbst zum Krieg geworden ist”.

Länge: 50’53

Autor: Robert Weber

Redaktion: Barbara Gerland

Regie: Giuseppe Maio

Mit: Oliver Urbanski, Hansjürgen Hürrig, Jens Wawrczeck, Gerd Grasse, Karim Cherif, Susanne Bormann, Ingo Hülsmann, Uli Plessmann, Sebastian Becker

Ton: Martin Eichberg

Technik: Philipp Adelmann

Regieassistenz/Fotos: Susanne Franzmeyer

Produktion: Deutschlandradio Kultur 2014

Heinrich, Vorname Hauptfeldwebel” wurde von der Film- und
Medienstiftung NRW gefördert.

http://www.deutschlandradiokultur.de/freispiel.1020.de.html?dram:article_id=285453

K800_IMG_7502Oliver Urbanski als Heinrich

K800_IMG_7514Gerd Grasse, Richter (links), Giuseppe Maio – Regie.

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K800_IMG_7523Danke Euch allen für die tolle Arbeit. Ihr habt aus dem Manuskript großartiges Hörkino gemacht. Und ohne die unermüdliche und strenge Barbara wäre das Skipt nicht so gut geworden, wie es ist.

 

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Dämonen, Monster, Mutationen

Trashfilm – Die Radioshow #5

Mit Karsten Krampitz, Dirk Knieriem, Robert Weber und DJ Oz Ordu

Monster: Lat. monstrum („Mahnzeichen“), monstrare („zeigen“) und monere („mahnen, warnen“).
Dämon: Griechisch δαιμόνιον – daimonion (‚Schicksals‘ oder ‚Gewissens‘, das den Menschen jederzeit unsichtbar begleitet ) bzw. δαίμων – Daimon. Geist der Abgeschiedenen
Mutant / Mutation: Lat. mutare (“ändern,verwandeln“)

Anlässlich des neusten Godzilla-Remakes (“Ein freundliches, melancholisches Monster” Jörg Buttgereit) begeben wir uns in die Abgründe des Monströsen und Dämonischen. Unter anderem klären wir die Fragen: Was ist überhaupt ein Monster, woher kommen sie und gibt es sie überhaupt? Inwiefern grenzen sie sich von Dämonen und Mutanten ab? Sind Vampire und Zombies Monster oder bilden sie eine eigenständige Gattung?

Dies und vieles mehr am kommenden Mittwoch (04.06.) um 21:30 bis 23 Uhr auf Pi-Radio, UKW Frequenz:  88,4 Mhz. (Berlin) oder 90,7 Mhz. (Potsdam) oder per Livestream.

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Psychophysiognomie im urbanen Raum #10

Der Plan

Mantel schwarz, Hose grau, Bluse weiß, Schuhe lack, Haare gebunden, Brille Fielmann. Abitur 1,2. Derzeit Bachelor, anschließend Master. Eventmanagement, Nebenfach Finanzbuchhaltung. Kreativ durch Improtheater. Der Plan: Fünf Jahre Berufspraxis, Heirat mit Immobilenmakler, dann zwei Kinder. Wohnortwechsel in Peripherie. Gewichtszunahme. Erste Depression. Scheidung. Fitnessstudio, Workout, Selbsthilfegruppe. Rückkehr ins Berufsleben (Kinder flügge), Datenerfassung, Zeitarbeit, 300 Anschläge in 60 Sekunden. Schlafstörung, Medikamente, Suchttherapie, Kontaktanzeigen, Kuraufenthalt. Zweiter Frühling, kirchliche Trauung. Umzug aufs Land. Obstgarten, Töpferkurs, Ehrenamt, Witwenrente. Wiederkehrender Traum: Kirschblüten, die wispernd sich wiegen im Frühlingswind. (Das Glück ist Nahe)*

* Lexikon Traumdeutung.

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