Eine Rede zum 2. Mai (Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen)

Die Rede ist, zugegebenermaßen, etwas pathetisch, aber so sollen Reden ja auch sein. Für die, die nicht wissen, was es mit dem 2. Mai auf sich hat: Es geht grob gegen den Zwang zur Lohnarbeit und für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Online hier für alle, die nicht kommen können, oder falls ich sie nicht halten können könnte (oder sollte, hier ist ja auch nicht alles Ponyhof).

2. Mai, 13 Uhr, Senefelder Platz, Berlin. Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen

2. Mai 2005

Ich liebe meinen Job

Um es vorneweg zu sagen: Ich liebe meine Arbeit. Ohne sie wäre ich vielleicht kein unglücklicher Mensch, aber mit ihr fühle ich mich in der Regel besser. Ich mag es, meinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen, weil es nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine ideelle Honorierung dessen ist, was ich tue.

Wenn ich ein Bier trinken gehe oder zwei, dann tue ich das in dem Bewusstsein, dass ich dieses Bier einem kreativen Schöpfungsprozess verdanke, den irgendjemand für Wert befunden hat, mir Geld dafür zu geben, damit ich Bier trinken kann. Das ist eine feine Sache.

Ich denke, vielen Menschen geht es so, dass sie Freude an ihrer Arbeit haben, und dass sie ohne sie zwar leben könnten, aber nicht leben möchten.

Aber mindestens ebenso viele sind unglücklich mit dem, was sie tun, und sie können sich aus dieser Situation nicht befreien, in der Regel aus existenziellen Gründen, oder aus Furcht, auf dem sozialen Abstellgleis zu landen.

Andere wiederum, und ich meine vor allem Hartz IV. Empfänger, werden regelrecht zu Tätigkeiten gezwungen, die sie als sinnlos empfinden, schlimmer noch, die sie unglücklich und im schlimmsten Fall krank machen, und als I-Tüpfelchen werden sie, und das betrifft nun nicht nur die Bezieher von staatlichen Transferleistungen, sondern einen gehörigen Teil der „normalen“ Werktätigen, als Gipfel der Perfidität, der Niedertracht und Heimtücke also, werden sie noch nicht einmal anständig dafür bezahlt, oder zumindest so, dass sie wenigstens davon leben könnten.

Sie müssen trotz Vollzeitarbeit weiterhin unter demütigenden Bedingungen zum Amt rennen, für ein Almosen, denn anders kann man die Höhe des Regelsatzes nicht bezeichnen, bis zu dem ihr Einkommen aufgestockt wird, oder das man als Hartz Empfänger bekommt.

Wer arbeitet, der soll deutlich mehr bekommen als derjenige, der Sozialleistungen bezieht – das finde ich allerdings auch.

2. Mai 2007

Der Abstand wird aber nicht dadurch vergrößert, indem die Sozialleistungen gekürzt werden, sondern indem man die Löhne deutlich, und ich meine deutlich, anhebt, und die Sozialleistungen völlig abschafft, abschafft und ersetzt durch ein Grundeinkommen, dessen Höhe ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht, und das nicht an Bedingungen, wie den Zwang zur Lohnarbeit, geknüpft sind.

Überhaupt sollte kein Mensch gezwungen werden, etwas zu tun, was ihn unglücklich macht, oder das er als sinnlos empfindet; kein Mensch sollte zu überhaupt irgendetwas gezwungen werden.

Denn jemand, der eine Arbeit ausführt, die er gar nicht haben will, der wird seine Arbeit auch nicht gut machen, und damit ist keinem gedient; und unglückliche und angsterfüllte, schlecht gelaunte und gedemütigte Menschen, Menschen, die ständig unter Druck stehen, werden diese Gesellschaft nicht voran bringen.

2. Mai 2008

Nicht jeder wird oder kann in der Arbeit seine Berufung oder seine Erfüllung finden, das ist klar, aber diejenigen, die nur des Geldes wegen arbeiten, die sollen, verdammt noch mal, auch genügend Geld dafür bekommen, und diejenigen, die das tun, was sie erfüllt, wozu sie sich berufen fühlen, unabhängig davon, ob sie damit das Bruttosozialprodukt steigern oder zum Wirtschaftswachstum beitragen, sollen, verdammt noch mal, soviel Geld bekommen, dass sie halbwegs vernünftig davon leben können, und zwar ohne, dass sie sich den entwürdigenden Prozeduren der Job-Center unterziehen müssen, für einen Betrag, der nicht einmal für das Notwendigste ausreicht.

Ich demonstriere nicht für die Abschaffung der Arbeit, ich demonstriere dafür, dass diejenigen, die arbeiten wollen, auch gut dafür bezahlt werden.

Ich demonstriere dafür, dass diejenigen, die unglücklich mit ihrem Job sind, diesen ohne Existenzängste einfach hinschmeißen können.

Ich demonstriere dafür, dass diejenigen, die ihren Job eigentlich gern machen, dies aber unter Bedingungen tun, die ihnen die Arbeit vermiesen, ohne Existenzangst zu ihrem Chef gehen können, ihm sagen können: Entweder du änderst diese Bedingungen, oder du kannst mich mal am Arsch lecken, du mieses, kleines Kapitalistenschwein.

2. Mai 2009

Ich demonstriere dafür, dass diejenigen, die es vorziehen, lieber etwas anderes zu tun, als zu arbeiten, weil sie entweder keine Lust dazu haben, oder weil sie mit ihrer Arbeit unglücklich sind, oder weil sie mit den Bedingungen ihrer Arbeit nicht einverstanden sind, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen versorgt werden.

Ich demonstriere dafür, den Menschen ihre Existenzangst zu nehmen, denn eine Gesellschaft, die in Angst lebt, kann auf Dauer nicht funktionieren.

Und weitergedacht: Was wäre es denn für eine Gesellschaft, in der sich Arbeitgeber darum bemühen müssten, dass die Leute ihre Arbeit gern tun, weil sie gut dafür bezahlt werden, weil sie Anerkennung finden, weil die Motivation und das Betriebsklima stimmt, oder, was jetzt ganz, ganz schlimm ist, weil sie womöglich sogar Spaß an ihrer Arbeit haben.

Was wäre es denn für eine Gesellschaft, in der kein künstlich gesäter Neid herrscht, und keine Missgunst zwischen denen, die in Lohn und Brot stehen und jenen, denen auch das Brot genügt?

Was wäre es denn für eine Gesellschaft, in der man sich am Monatsende nicht fragen muss, wovon man das Essen, die Kleidung, die schon wieder gestiegene Stromrechnung oder einfach nur das Glas Bier in seiner Stammkneipe bezahlen soll?

Was wäre es denn für eine Gesellschaft, in der man nicht schon am Sonntag Abend kotzt, und kotzen ist hier wörtlich gemeint, weil man am Montag wieder zu einer Arbeit muss, die einem den Tag, die Woche, den Monat, das Jahr, vielleicht das ganze Leben versaut?

Was wäre es denn für eine Gesellschaft, in der Angst und Demütigung längst vergessene Reliquien aus vergangenen Zeiten sind?

Diese Gesellschaft wäre eine Horrorvision für Wenige, eine Utopie für die Meisten, ein Weg, den es sich zu gehen lohnt, für mich.

Und deswegen bin ich hier, deswegen war ich letztes Jahr hier, deswegen war ich schon vor sechs Jahren hier, und deswegen werde ich auch nächstes Jahr wieder hier sein und die Jahre darauf.

2. Mai 2010

Ich werde solange hier sein, hier, am 2. Mai, auf der Demonstration gegen den Zwang zur Lohnarbeit, bis sich endlich etwas verändert.

Danke.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Eine Rede zum 2. Mai (Internationaler Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen)

  1. Eine sehr, sehr gute Rede.

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