Raketenautos und Tulpenzwiebeln #27 und Schluss.

30.04.2016

16:38 Uhr.

Wie konnte es einem Mann mit derart überragenden, intellektuellen Fähigkeiten wie den meinen passieren, die Hinterlist und Heimtücke, die Durchtriebenheit und niederträchtige Bösartigkeit des albanischen Regenten, meines Widersachers, zu unterschätzen? Einem Kuhhirten, der sich vermutlich einst mit einer Ziege entjungfert hat, bin ich auf dem Leim gegangen, habe mich leichtgläubig an den Verhandlungstisch gesetzt, um die Bedingungen seiner Kapitulation auszuhandeln, doch noch ehe ich das von mir vorbereitete Dokument aus der Tasche ziehen konnte, war ich umringt von Söldnern aus CIA-Beständen und starrte in den Lauf eines Sturmgewehrs.

Ich hätte es wissen müssen: Stets wenn sich in einem unterdrückten Lande das zarte Pflänzchen der Freiheit erhob, waren die Amerikaner zur Stelle, um es in ihrer grobschlächtigen Art gewaltsam niederzutrampeln. Mandela, Che Guevara, Mossadegh, Guzmàn, Allende – die Liste der von der CIA gestürzten Volkshelden ist endlos und nun würde sich auch Heribert Günzelsau darin einreihen. Man steckte mir eine gefälschten, deutschen Pass in die Westentasche und zwang mich, unter Waffengewalt, in ein Flugzeug, das mich zurück in die inzwischen ungeliebte Heimat verbrachte. Trotz meiner lautstarken Proteste, ich sei gar nicht jener, dessen Name in den Papieren Erwähnung fand, mich auf meine Abschiebung nach Albanien berufend, zerrten mich, der ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, zwei Bundespolizisten mit Gewalt aus dem Kontrollbereich in die Eingangshalle des Tegeler Flughafens und warfen mich dann, wie einen Sack nasser Kartoffeln, vor die Tür, wo ich unsanft auf deutschem Boden landete.

Und so geschah es, dass ich, Revolutionsheld und Großwesir von Albanien, mich plötzlich wieder wie ein geprügelter Hund in den nasskalten Straßen des tristen Berlins wieder fand, mit nichts als den Kleidern, die ich am Leibe trug und dem zerfledderten Manuskript von „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ in der Tasche. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, was denn nun zu tun sei oder wie ich meine Zukunft in die Hände nehmen könne, irrte ich durch die Straßen einer Stadt, die mir fremd geworden war, und abermals lenkte die göttliche Vorsehung meine Füße an einen Ort, der mein Leben erneut aufs Radikalste verändern sollte.

Nachwort von Robert Weber

Als ich Heribert zum ersten Mal begegnete, ich saß, wie üblich, in meiner Stammkneipe, der Baiz, da hielt ich ihn für einen dieser Verrückten, die, vor sich hinbrabbelnd, die Straßen Berlins bevölkerten, aber irgendwie tat er mir in seinem abgerissenen Zustand leid. Ich hatte genügend Geld von meinem letzten Hörspielmanuskript in der Tasche, und so gab es eigentlich keinen Grund, den alten Mann, der sich neben mich an den Tresen stellte und und um ein Glas Leitungswasser bat, nicht zu einem Bier einzuladen, was Heribert dankbar annahm, obschon er, wie er betonte, Retsina und Ouzo bevorzugen würde, aber derartige Kulturgetränke wären in einem solchen Saftladen wohl kaum zu erwarten.

Er käme gerade aus Albanien, wo man ihn gewaltsam zurück nach Deutschland verschleppt hätte um einen Volksaufstand zu zerstreuen, dessen Anführer er gewesen war, und tatsächlich fächerte er vor mir einige zerfledderte Zeitungsartikel auf, die ich zwar nicht lesen konnte, da sie offenbar aus Albanien stammten, aber auf den Fotos war eindeutig Heribert zu sehen und die Schlagzeilen der Artikel beinhalteten stets das Wort „revolucion“.

Wie gesagt, zunächst dachte ich, ich hätte es mit einem Verrückten zu tun, aber das Kneipengespräch nahm eine unerwartet interessante Wendung. Heribert erzählte mir von den abenteuerlichen Umständen, aufgrund derer er nach Albanien gelangt war und schob mir dann einen zerfledderten Packen Papier herüber, das Manuskript seines „Jahrhundertwerkes“, wie er sich ausdrückte und das den absurden Titel „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ trug.

Nach einigen, überflogenen Seiten war mir klar, dass ich nie etwas derart Miserables gelesen hatte, was mich auf Anhieb begeisterte. Ob er nicht Lust habe, einen Auszug davon in der „Nacht der schlechten Texte“ einzureichen, einem jährlich stattfindenden Wettbewerb, der gerade ausgeschrieben war, fragte ich ihn, was Heribert jedoch empört zurückwies. Doch schließlich konnte ich ihn, nach einigen weiteren Bieren, davon überzeugen, dass, sollte er diese fragwürdige Trophäe tatsächlich gewinnen, er zumindest etwas Aufmerksamkeit für sein Manuskript bekommen würde, was für eine Veröffentlichung in der heutigen Zeit unabdingbar wäre, zudem könnte man seine Blog- und Tagebucheinträge überarbeiten und im folgenden Jahr zum Ingeborg-Bachmann-Preis einreichen. Die dazu nötige Verlagsempfehlung wäre nach „Der Nacht der schlechten Texte“ sicherlich kein Problem, und dann wäre ihm eine Veröffentlichung gewiss, trotz dass er nicht über Schönheit und Jugend einer Nachwuchsschriftstellerin verfüge, die in der Verlagslandschaft bevorzugt gehandelt wurden.

Was soll ich sagen? Heribert gewann den Preis für den schlechtesten Text des Jahres und er wurde zum Bachmann-Wettlesen eingeladen, aus dem er als Sieger und Publikumsliebling hervorging. Gefeiert als Enfant terrible der deutschsprachigen Literatur fand „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ einen, wenn auch kleinen Verlag und wurde unerwartet zum Bestseller, der zudem noch verfilmt werden sollte.

Auch heute noch pflege ich mit Heribert, der mich zum Dank zu seinem Agenten ernannte und mit der Ausübung seiner Rechte beauftragte, einen regelmäßigen Briefverkehr, wenn auch das albanische Postwesen nicht sonderlich zuverlässig ist.

Seinem letzten Schreiben zufolge sei er gerade mitten in der Vorbereitung eines weiteren, groß angelegten Feldzuges. Beim letzten Mal sei er zu kleingeistig an die Sache herangegangen, diesmal werde er das Pferd jedoch von hinten aufzäumen und vor den Karren spannen, statt umgekehrt, also ohne Umschweife direkt nach Athen marschieren. Die finanziellen Mittel für ein modernes Waffenarsenal zur Ausrüstung seiner Truppen stünden ihm ja, aufgrund seiner Buchverkäufe und dem Erlös aus den Filmrechten, nun zur Verfügung und selbst die Beschaffung von Panzern, ja Kampfhubschraubern und Kurzstreckenraketen seien in Albanien kein Problem. Zudem verfasse er gerade seine zweite Autobiographie mit dem Titel „Heribert der Große – Meine Kämpfe, meine Siege“ und ich, als sein Agent, solle mir keinen Zwang antun, mich bereits im Vorfeld nach einem renommierten Verlag umzusehen. Er denke da an Suhrkamp, Rowohlt oder Luchterhand. Auch wolle er mir den Posten des Großkonsuls in Deutschland ans Herz legen, sobald er sich zum Regenten des großgriechischen Reiches aufgeschwungen habe. Er erwarte und freue sich auf meine Anwesenheit zur Krönungszeremonie auf der Akropolis, die er im Anschluss restaurieren und wieder in alter Pracht erstrahlen lassen wolle.

Ich hatte keine Ahnung, ob Heribert nun völlig übergeschnappt oder an seinen Ausführungen tatsächlich etwas dran war. Beides wäre ihm zuzutrauen und die Zeit wird es weisen. Letzten Endes ist es aber auch nebensächlich. Denn was wäre schon die Welt ohne Menschen wie Heribert Günzelsau? Ein trostloser, grauer und fantasieloser Ort, und egal, was er in Zukunft zu tun beabsichtigt oder in die Tat umsetzt, es kann eigentlich nur besser werden.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #26

30.04.2016

17:19 Uhr

Bereits auf den ersten 50 Kilometern des langen Marsches nach Tirana musste ich unter meinem Tross zahlreiche Todesfälle, verursacht durch Herz- und Schlaganfälle, Hirnschläge, Nierenversagen und Thrombosen verzeichnen, und das, bevor auch nur einziger Schuss abgegeben worden war, und ich begann mich zu fragen, ob überhaupt noch jemand am Leben sein würde, wenn ich die Grenze der albanischen Hauptstadt erreicht hätte, doch waren meine Sorgen völlig unbegründet, denn je weiter wir voranschritten, desto größer wurde die Zahl derer, die sich uns anschlossen, was die Verluste mehr als ausglich, hatte sich doch wie ein Lauffeuer herumgesprochen, was das scheinbare Ziel unseres Aufstandes war: Der Anschluss Albaniens an Griechenland und damit an die Europäische Union, wovon sich ein Großteil der einheimischen Volksgruppen, ob sie nun Griechen, Bosniaker, Balkanägypter, Aromuner oder Albaner waren, eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse versprach. Mir ging es natürlich nur um eines, aber ich ließ diese Narren in ihrem Glauben, sie schritten einer glorreichen Zukunft entgegen.

Doch merkwürdigerweise beschlichen mich, je näher wir Tirana kamen, immer größere Zweifel an meiner ursprünglichen Absicht. Was galt denn der Prophet im eigenen Lande? Man hat mich als Geisteskranken abgestempelt, mir jede Existenzgrundlage entzogen, mich wie einen Idioten behandelt und keine Gelegenheit ausgelassen, sich lächerlich über mich zu machen. Meinem literarischen Werk wurde mit Missachtung begegnet, die Mutter meiner Kinder ließ sich vor mir verleugnen, die wenigen Freunde, die ich hatte, bestritten vehement, jemals etwas mit mir zu tun gehabt zu haben und in meiner Wohnung hauste ein Mohr. Was also sollte ich eigentlich dort? Hier hingegen war ich der Anführer einer sich immer mehr ausweitenden Revolte. Man begegnete mir mit Respekt und Hochachtung, mein Wort war Gesetz und wenn ich es geschickt genug anstellte, konnte ich mich zum Staatsoberhaupt eines, wenn auch völlig verwahrlosten Landes aufschwingen. Meine Werke wären Pflichtlektüre in den Schulen und an den Universitäten, ich würde in die Geschichte eingehen … Nein, mein Entschluss stand fest! Die göttliche Vorsehung hatte mich zweifellos hierher geführt und ich wäre ein Narr, würde ich die sich mir bietende Gelegenheit nicht mit beiden Händen am Schopfe packen.

Als die albanische Regierung in ihrer geistigen Stumpfheit endlich zur Kenntnis nahm, dass das, was sich da auf sie zubewegte, sich inzwischen zu einem veritablen Volksaufstand ausgewachsen hatte, war es längst zu spät. Natürlich schickten sie ihre verlotterte Armee gegen uns zu Felde, doch die braven Soldaten weigerten sich, auf ihre Landsleute, ihre Brüder und Schwestern, ihre Väter und Mütter zu schießen, sie liefen in Scharen zu uns über und so hatte die albanische Staatsmacht uns schließlich, als wir die Stadtgrenze von Tirana überschritten, nichts weiter entgegenzusetzen als ein paar verlauste Polizisten und verwirrte Intellektuelle, die von dem Wahnsinnigen aus Deutschland orakelten, der, wie alles von dort, nur von Übel sein könne, wobei sie ausgerechnet bei meinem Erzfeinde, dem Sprachverweser Thomas Mann, eine Ausnahme in ihren Pamphleten machten.

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2. Mai – Das Dutzend ist voll!

Wenn ich mich nicht verzählt habe findet am Montag, den 02. Mai, zum zwölften Mal der Internationale Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen statt. Wir treffen uns, wie jedes Jahr, um 13 Uhr am Senefelder Platz. Kein Schweiß für Geld, gegen den Zwang zur Lohnarbeit und für ein bedingungsloses Grundeinkommen! Die kleinste und lustigste Demo Berlins.

Beim ersten Mal mussten wir noch auf dem Bürgersteig laufen:

Beim fünften Mal sah es schon so aus:

Vom zehnjährigen gibt’s leider keine Filmaufnahmen.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #26

25.04.2016

14:12 Uhr

Wenige Tage später war das Dorf von einer ausgedehnten Zeltstadt umgeben. Dem Aufruf, den Ausführungen jenes heldenhaften EU-Komissars namens Günzelsau ihre Zukunft betreffend, zu lauschen, schienen wahrhaftig alle Griechen in Albanien nachgekommen zu sein, denn ihre Zahl war unüberschaubar, wenn nicht gar Legion und von mir nicht einmal ansatzweise einzuschätzen. So stand ich nun, das Dach ein Hütte als Podium nutzend, vor Tausenden und Abertausenden, die begierig darauf warteten, mir jede Silbe von den Lippen zu reißen. Über das ganze Gelände waren blecherne Lautsprecher verteilt, die wohl noch aus Beständen der Sowjetunion stammten, und deren Kabel in dem, ebenso historisch anmutenden Relikt von Mikrophon, vor mir zusammenliefen. Nur Gott alleine weiß, wie der Älteste es geschafft hatte, dieses Sammelsurium von Stimmverstärkern aus vergangenen Zeiten zusammenzuklamüsern.

Über dem Areal herrschte eine erwartungsvolle Totenstelle, in der man selbst den Aufprall einer Hühnerfeder auf den Boden hätte hören können, und nachdem ich, das Ausmaß dieser Stille bis aufs unerträglichste ausgedehnt hatte, setzte ich an zu meiner Rede, die ich in den vergangenen Tagen verfasst und vor dem Spiegel eingeübt hatte.

Edle Griechen! [Tosender Applaus] Ich stehe heute nicht als Fremder vor euch, nicht als ein Abgesandter einer menschenfernen, ja menschenfeindlichen Organisation, die für eure Sorgen und Nöte in der Vergangenheit nicht als Missachtung und Ignoranz übrig hatte, nein, ich stehe vor euch als Mensch unter Menschen, ich stehe vor euch als Heribert Günzelsau, ich stehe vor euch als einer der euren, die ihr mich mit so unglaublicher Herzenswärme aufgenommen habt, als wäre ich selbst ein Grieche, und fürwahr, ein Grieche bin ich, nicht im Blute, aber umso mehr im Geiste, denn alles was mein Sein ausmacht, alles, was ich bin, meine gesamte Existenz habe ich nur der glorreichen, griechischen Vergangenheit zu verdanken und nicht nur ich, das gesamte Abendland steht in der Schuld eurer Ahnen. [Frenetischer Beifall, erste, epileptische Anfälle in der Menge.]

Wo wäre denn die Zivilisation ohne die Rechenkünste eines Pythagoras, dessen Formeln damals wie heute unter den Schülern Angst und Schrecken verbreiten? Wo wären wir ohne die Erzählungen eins Homer, die den Grundstock einer jeglichen Geschichte bilden, die nach ihm geschrieben wurde? Was wären wir ohne die philosophischen Erkenntnisse von Platon und Aristoteles? Nichts als Würmer, Amöben, Halbaffen, die unter der Erde hausen und ihr Dasein mit Kopulation und dem Verzehr von halb verwesten Fleisches fristen. [Tobende Zustimmung.]

Doch nicht nur hehre Dichter und Denker hat das griechische Volk hervorgebracht, auch unvergessene Helden, wie Achilles, den Kühnen, Herakles, den Starken, Odysseus, den Listigen oder Theseus, Bezwinger des schrecklichen Minotaueren. Das Blut jener Heroen fließt auch heute noch durch eure Adern, ja, das Blut von Zeus selbst, der sich, als Schwan getarnt unter die Menschen mischte und zahlreiche Nachkommen zeugte. [Johlen, Brüllen, Stampfen.]

Was aber hat Albanien vorzuweisen? Welchen Künstler, welchen Denker, welchen Krieger oder Staatsmann? Ein Albaner hat niemals etwas anderes hervorgebracht, als seine Ausscheidungen. Albanien, ein Land, von dem vor nicht allzu langer Zeit noch keine Menschenseele etwas gehört hat und dessen Existenz generell bezweifelt werden muss.

Wie lange schon hat dieses nichtswürdige Volk eure edle Abstammung mit Füßen getreten? Wie lange schon musstet ihr die Demütigungen dieser inzestuösen Sippe von Höhlenmenschen ertragen? Und wie lange noch wollt ihr unter der Knute eines Despoten leben, der behauptet, lediglich den Volkswillen zu erfüllen, von dem er vorgibt, rechtmäßig gewählt worden zu sein? Gewählt vielleicht, aber gewählt von einem Volk von Analphabeten die ihr Gesicht nicht von ihrem Arsch zu unterscheiden vermögen. Wie lange noch, frage ich euch? [Etliche Herzanfälle unter den Zuschauern, der Rest hat Schaum vor dem Mund.]

Deshalb sage ich: Lasst uns gen Tirana marschieren, lasst uns jenem Tyrannen die Ohren abschneiden und die Nase, die Zunge herausreißen und die Augen ausbrennen, auf dass er, für alle Ewigkeit verdammt, als Gesichts- und Namenloser, als Aussätziger im Hades umherirren möge. [Zustimmendes Gebrüll.]

Eure Waffen mögen stumpf sein vom Gebrauch in vergangenen Kriegen, eure Körper gebrechlich, eure Jugend mag sich feige ins Ausland abgesetzt haben, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ihr aber seid von anderem Schrot und Korn, in euren Adern fließt das Blut von Ajax dem Großen, von Perseus, von Leonidas, der einst mit seinen 300 tapferen Mannen der 100.000fachen persischen Übermacht in der Enge der Thermopylen trotzte, so wie auch wir jedem trotzen werden, der es wagt, uns aufzuhalten. [Johlen, Geschrei, Schüsse.]

Und wenn ihr am Morgen nach der Schlacht erwacht und euch auf dem Rücken eines Pferdes wieder findet, über grüne Wiesen und Auen reitend, dann wundert euch nicht, denn dann seid ihr im Elysium. [Gelächter.]

Was sagt ihr, Männer? Was wollt ihr tun?

Das darauf folgende dampfende, brodelnde, fiebrig ohrenbetäubende Getose der Masse lässt sich wahrlich nicht in Worte fassen. Ein infernalisches Gebrüll umbrandete mich, flankiert von Maschinengewehrsalven, Karabiner- und Pistolenschüssen und den Explosionen von versehentlich gezündeten Handgranaten, die nicht wenige ins Jenseits beförderten. Was ein Triumph, was ein Erfolg. Nie hatte ich mir erträumt, derartiges allein mit der Macht meiner Worte zu erreichen.

Und so kam es, dass ich am folgenden Morgen an der Spitze eines dementen, sklerösen, rheumatischen und von Herzschrittmachern angetriebenen Heeres gen Tirana marschierte, um meine Rückkehr nach Deutschland zu erzwingen.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #25

23.04.2016, 11:13 Uhr.

Nach einer abenteuerlichen Fahrt, die mehr einer wilden Jagd in einer Pferdekutsche über die schmalen Gebirgspässe der Karpaten glich, umringt von alten Vetteln, die fortwährend den Propheten und Allah anflehten, sie mögen sie doch unversehrt ans Ziel ihrer Reise bringen, eingekeilt zwischen Hühnerkäfigen und mit absonderlichen Krimskrams gefüllten Müllsäcken, erreichte ich schließlich, als letzter noch verbliebener Fahrgast, jenes Dorf mit dem unaussprechlichen Namen. Eine Geisterstadt aus zusammengewürfelten Bretterbuden und Verschlägen, von denen die Hälfte schon unter einem zu scharf eingestellten Blicke zusammenzuckten und auseinander fielen, während die andere Hälfte von sabbernden Greisen bewohnt war, bei denen bereits die Fäulnis eingesetzt zu haben schien, die aber, sobald ich aus dem keuchenden und qualmenden Klapperkasten ausgestiegen war, von Neugier getrieben durch den knöcheltiefen Schlamm auf mich zu wateten, und mich, wie ein prähistorisches Tier begaffend, umringten.

Der Älteste von ihnen, offenbar der Anführer der geriatrischen Sippe, richtete das Wort an mich, und als ich ihm in der Sprache seiner Vorfahren antwortete, ich käme von weit hinter den Bergen im Norden aus einem Lande, dass mir die größte Ehrerbietung entgegenbrachte und der Zweck meines Aufenthaltes sei, etwas Kultur in diesen faden Landstrich zu bringen, da brach das Völkchen, zu meinem nicht geringen Erstaunen, in lautstarken Jubel aus.

Man freue sich über alle Maßen, so der Älteste, nachdem dieser abgeklungen war, nun ebenfalls auf Griechisch, dass die Europäische Union endlich ihre zahlreichen Bitt- und Flehbriefe erhört habe, und einen ihrer obersten Kommissare höchstselbst zu ihnen gesandt hätte, und ich, Heribert Günzelsau, listenreicher als Odysseus, der Listenreiche, tat einen Teufel ihm zu widersprechen oder den Irrtum aufzuklären, schienen sich doch all meine Probleme durch dieses Missverständnis in Luft auflösen zu lassen, sofern ich geschickt genug vorging.

Man schlachtete eine Ziege, ich wurde aufs Gastfreundlichste zu einem üppigen Mahle geladen und man richtete mir eine der verwaisten Hütten, rührendst bemüht um meine Bequemlichkeit, als Schlafstätte her. Man nötigte mich, Unmengen von Retsina und Ouzo zu trinken und versicherte mir, dass ich bereits in wenigen Tagen in der Lage sein würde, vor der versammelten, griechisch stämmigen Minderheit Albaniens auf dem Dorfplatze zu sprechen, was dieses quasi in ein albanisches Woodstock verwandeln würde, den man erwarte nichts weniger, als dass alle 20.000 albanische Griechen, abzüglich der Bettlägerigen, sich auf dem Wege hierher machen würden, sobald meine Anwesenheit bekannt würde, wofür man bereits, mittels Brieftauben, Sorge getragen habe. Viel zu lange hätten sie in Agonie verharrt, und nur das Fehlen eines gebildeten und charismatischen Anführers, der nun gefunden sei, hätte sie von einer Revolution gegen die albanische Regierung, die sie jahrhundertelang unterdrückt habe, abgehalten. Ich würde sie zweifellos gen Tiflis führen, wie einst Achilles seine tapferen Mannen gegen Troja, und sie würden bis zum Tode hinter mir stehen. Waffen aus dem Kosovo Krieg seinen noch genügend verborgen geblieben und ich müsste nur das Zeichen zum Losschlagen geben, und nichts anderes gedachte ich, Heribert Günzelsau, nach kurzem, ouzogeschwängerten Nachdenken über die sich mir daraus erwachsenen Möglichkeiten, zu tun, wie ich sogleich, unter lautstarkem Beifall, versicherte.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #24

21.04.2016

20:54 Uhr.

Albanien! Was für ein Schweinetrog von Land, ausschließlich von Ausländern bevölkert, die zudem der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Wen wundert es da, dass nahezu jeder, der an diesem Ort der inzestuösen Unzucht das Licht der Welt erblickt, sein Heil in der Flucht sucht, und so war auch mein erster Gedanke jener, mich nach einer Möglichkeit umzusehen, diesem Babylon, diesem Sodom, dieser von Gott und allen guten Geistern verlassenen Provinznation den Rücken zu kehren.

Leichter gedacht als getan. Zwar wurde ich, als fälschlicherweise Abgeschobener, wie alle armen Teufel, die mit mir in der Maschine saßen, bereits am Flughafen von finsteren Visagen angesprochen, die sich erboten, mich ohne Umschweife wieder zurück nach Deutschland zu schleppen, doch die Summe, die sie dafür verlangten, war ein Vielfaches dessen, was mir als vermeintlich albanischer Heimkehrer vor Ort von einer Art Kommissar, dessen Uniform ebenso verdreckt wie abgerissen war, als Begrüßungsgeld in die Hand gedrückt wurde.

Wie sollte ich einen derartigen Betrag auftreiben, hatte ich doch Zeit meines Lebens nichts anderes getan, als mich mit dem Schwert der Sprache zu verdingen? Immerhin reichte der kleine Betrag, um mich für einige Tage in einer verwanzten Unterkunft, gelegen in einer vor Dreck starrenden Seitenstraße, einzumieten, sowie für einige warme Mahlzeiten, wenn man diesen bakterienverseuchten Schlangenfraß denn so bezeichnen möchte. Der Wirt jener Herberge, ein an Schmierigkeit kaum zu überbietendes Individuum, welches mehr einem gefüllten Saumagen ähnelte als einem menschlichen Wesen, bot mir bereits am ersten Abend seine minderjährige Tochter zum Beischlafe an, was ich selbstverständlich lautstark mit Händen und Füßen ablehnte, was diesen dazu veranlasste, mich mit einer scheinbar endlosen Schimpftirade zu überschütten, von der ich selbstverständlich kein Wort verstand, aber ich konnte mir den Inhalt der Kanonade denken, die seinem fauligen Munde entströmte.

Ich also, mutterseelenallein in der Fremde, sah mich mit folgenden Problemen konfrontiert:

Das spärliche Almosen des albanischen Staates würde besten Falles eine Woche vorhalten. Was dann?
Ich musste zudem an eine beträchtliche Summe gelangen, um einen jener verruchten Schlepper zu bezahlen, um zurück nach Deutschland zu gelangen.
Kein Mensch sprach meine Sprache. Ein Großteil der Albaner kommuniziert mittels affenartiger Grunzlaute.
Zwar gab es eine griechischstämmige Minderheit, doch die lebte im weit im Süden des Landes. Aber immerhin, dort konnte ich mich vermutlich mit meinen Kenntnissen des Altgriechischen zumindest verständlich machen, vielleicht gar, Homer, Aristoteles und Platon nacheifernd, ein kleines Zubrot mit dem fabulieren von Geschichten verdienen.
Und so fasste ich den Entschluss, meine letzten Münzen in eine Busfahrt zu investieren, die mich, unter Lebensgefahr, in jene abgelegene Region des Landes bringen sollte, in der Hoffnung, dort wenigstens fragmentarische Reste von so etwas wie Zivilisation vorzufinden.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #23

20.04.2016, 13:31 Uhr

Julius spürte es an den Vibrationen des Ladas, lange bevor er den so lange ersehnten Knall hörte. Er hatte den Schall überholt und das Tosen der Welt hinter sich gelassen. Mit 1237 Kilometern die Stunde fuhr er dem infernalischen Gebrüll der Sojus-Raketenstufen davon und war von einer nahezu überirdischen Stille umgeben. Julius fiel in einen Zustand der Trance, er hätte bis ans Ende der Zeit weiterfahren können. Wie weit mochte er inzwischen von der Startlinie entfernt sein? 80, 100 Kilometer? Nur der reine Überlebensinstinkt brachte ihn schließlich dazu, den Hebel für den Bremsfallschirm zu ziehen und die Treibstoffzufuhr zu den Raketen zu kappen, doch, welcher Schrecken, nichts geschah! Ungebremst und unverdrossen schoss der Lada weiterhin durch die Wüste und erst 15 Minuten später, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, stellte der Antrieb seinen Betrieb ein und das Gefährt begann langsam an Geschwindigkeit zu verlieren, bis es schließlich ausrollte.

Tatjana und Stalingrad hatten ganze Arbeit geleistet. Julius überschlug schnell, wie weit er von seinem Ausgangspunkt entfernt sein mochte. Bei gut 1200 Kilometern die Stunde und einer 20minütigen Fahrt etwa 400 Kilometer, umgeben von nichts als einer ebenen Salzfläche und einer mörderischen Hitze, die selbst das Blut von Skorpionen zum Kochen brachte. Er bezweifelte, das Stalingrad seiner Anweisung Folge leisten würde, die besagte, dass er ihn mit dem Trabanten auflesen solle. Der Russe und seine Gefährtin würden zweifellos seine Abwesenheit dazu nutzen, die von ihm requirierten Wodkabestände zu plündern. Julius gab sich keinen Illusionen hin, Treibstoffzufuhr und Bremsfallschirm waren manipuliert worden, man wollte sich seiner auf perfideste Weise entledigen. Ohne einen Tropfen Wasser und fernab jeglicher Zivilisation war er dem Tode geweiht. Er würde vertrocknen wie eine Meeresschildkröte in der Wüste Sinai. Niemand würde je erfahren, dass er der schnellste Mensch auf vier Rädern gewesen war.

Und so bettete Julius ergeben sein Haupt in das Salz der Wüste, bereit, mit seiner geliebten Petunia im Jenseits wieder vereinigt zu werden.

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