Raketenautos und Tulpenzwiebeln #13

10.02.2016 – 14:53 Uhr.

Diese ganze Aufregung. Wie soll ein Mensch so arbeiten? Schmerzlich vermisse ich meine Armbanduhr. Die Nachbarin ständig nach der Zeit zu fragen, erscheint mir doch mehr als unwürdig. Aber Geld für eine Uhr, und sei sie noch so billig, kann ich mir nicht aus den Rippen schneiden. Katzenfutter und Reis steht auf meinem heutigen Speiseplan. Muss ich mehr dazu sagen? Auch ist mir ein Minimum an täglicher Körperpflege nicht mehr möglich. Aus den Hähnen kommt nur kaltes, rostiges Wasser und vor den Fußpilzkulturen in der Duschwanne graut sogar mir. Hinzu kommt die verstopfte Toilette, die mich dazu nötigt, mein tägliches Geschäft im Café gegenüber zu verrichten, was mich jedesmal den schmerzhaften Obolus von 50 Cent kostet. Hanna hat mir den Umgang mit den Kindern bis auf weiteres verboten, mir sogar den entsprechenden Gerichtsbeschluss unter die Nase gerieben. Inge will mir nichts mehr leihen, solange sie die 2000 Euro nicht zurück hat, ein sogenannter “Kollege”, den ich zufällig auf dem Bahnsteig getroffen und in einem spontanen Reflex um 500 Euro angepumpt habe, mit dem Hinweis, dass ich mir nicht einmal mehr Brot leisten könne, redete sich damit heraus, dass er so viel gerade nicht einstecken habe, aber die 50 Euro, die er bei sich trüge, würde er mir nötigenfalls auch schenken. 50 Euro! Was bildet dieser Tropf sich ein? Sehe ich aus wie ein zurückgebliebener Schuljunge, der sich ein paar Lutscher kaufen will? Ich habe natürlich wutschnaubend abgelehnt. Auch meine Selbstanzeige wegen Volksverhetzung wurde vom zuständigen Staatsanwalt nicht weiter zur Kenntnis genommen. Er habe Wichtigeres zu tun, als einem, so wortwörtlich, verwahrlosten Spinner der um ein bisschen Aufmerksamkeit bettelt, zu Diensten zu sein, aber er könne mir versprechen, dass er mich, sollte ich noch einmal bei ihm auftauchen oder ihn weiterhin mit Anrufen belästigen, in die Geschlossene einweisen lassen würde. Die Krönung der vergangenen Tage jedoch war mein erneutes Bemühen, eine Putzhilfe in der Lageso-Schlange anzuheuern, das heißt, zur Schlange bin ich gar nicht erst vorgedrungen, weil zwei vierschrötige Polizeibeamte mich mit dem Hinweis daran hinderten, mein letzter Auftritt hätte dazu geführt, dass die Behörde von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, um weitere Unruhen zu vermeiden. Daher habe man mich zur Persona non grata erklärt, die unverzüglich zu entfernen sei. Ich dürfe mich auf unabsehbare Zeit bis auf Sichtweite nicht mehr blicken lassen. Ich tobte, ich zeterte, ich geiferte, ob sie denn nicht wüssten, wer da vor ihnen stünde? Als Antwort bekam ich eine Ladung Pfefferspray in mein edles Antlitz, begleitet vom Johlen und Applaus der fremdländischen Menge. Faschisten allesamt. Wen wundert es also, dass ich mit der Arbeit an meinem literarischen Hauptwerk “Raketenautos und Tulpenzwiebeln” kein Stück weiter gekommen bin? Mich nicht.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #12

06.02.2016 – 14:09 Uhr

Weggeblasen ist die Trübsinnigkeit der vergangenen Wochen, wenn nicht Jahre. Ich fühle mich auf dem Höhepunkt meines literarischen Schaffens, auf meinem kreativen Zenit, der Literaturnobelpreis rückt in greifbare Nähe, mein Kopf überschlägt sich und die Finger wollen kaum hinterherkommen, die zahllosen, fantastischen Ideen, die ausgereiften Formulierungen, die sich mühelos wie von selbst ihren Weg bahnen, die grandiosen Metaphern, die sich mir ständig aufdrängen auf Papier bzw. auf die Festplatte meines MacBooks zu bannen. Ich fühle mich wieder wie 20, als ich meine ersten, noch zaghaften Schritte in die Welt der Geistesgrößen wagte, noch nicht ahnend, dass ich einst einer der ihren sein würde. Aber genug der eitlen Selbstbespiegelung, dass 4. Kapitel schreit, fleht, wimmert nach Vollendung.

In Bodennähe der Salzkruste, die die Wüste Nevadas überzog wie feiner Puderzucker den Gugelhupf (Googlehupf?), wetteiferten wie wilde Welpen flirrende Hitze und Staubschlieren, die der heiße Westwind vor sich hertrieb, miteinander um die Vorherrschaft über das unwirtliche Terrain, das, eben wie ein Spiegel, nur von Gottes mächtiger Hand eigens für den Zweck geschaffen schien, die Schallmauer auf vier Rädern zu durchbrechen.

Julius zurrte den Helm fest, der seine Löwenmähne kaum bändigen konnte, kontrollierte noch einmal den Sitz der Handschuhe und verfluchte zum wiederholten Male sein prächtiges Gehänge, oder vielmehr die im Schritt viel zu eng geschnittene Hose, die jedoch, wie er mit einem letzten, prüfenden Blick in den Spiegel seiner Garderobe bewundernd feststellte, seine durchtrainierten Hinterbacken mehr als vorteilhaft zur Geltung brachte. Ein Umstand, der auch Tatjana, der russischen Raketenexpertin, nicht zu entgehen schien, kniff und betatschte sie doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und davon gab es viele, sein muskulöses Hinterteil begleitet von einem wolllüstigen Grunzen, wie es nur die Frauen der slawischen Rasse zustande bringen.

Lefthand-Onethumb-Foureye, der bebrillte Mechaniker im Lada-Team, hob den Daumen seiner linken Hand, der einzige Finger, der ihm dort verblieben war, nachdem ihm einmal ein Motorblock um die Ohren geflogen war, zum Zeichen, dass das Lada-Raketenauto, vom Team mit dem geschichtsträchtigen Namen “Sojus 11” getauft, startklar war.

Julius zwängte sich in die viel zu knapp bemessene Fahrerkabine, die für seinen Vorgänger, einem kleinwüchsigen Tartaren aus der Tundra, konstruiert worden war. Die Knie auf Tuchfühlung mit seinen ausgeprägten Schultern, die Arme 90 Grad angewinkelt, die Ellbogen an die Innendwand der Kabine gepresst, den Kopf zwischen den Oberschenkeln gebettet, drückte Julius den Knopf, der das Vorglühen der fünf Feststoffraketen einleiten würde, Restbestände aus dem Sputnik-Programm, baugleich mit jenen, welche bereits die Hündin Laika in den Weltraum befördert hatten, wie Tatjana immer wieder speckig-feixend betonte. Über den Helmfunk hörte er, wie in zähflüssiger Zeitlupe, die durch das Stundenglas des Lebens tropft, dass Herunterzählen des Countdowns, was diesmal, als Zugeständis an die Sponsoren, von einem Vertreter der Haribo-Werke übernommen wurde.

… Fünf kleine Goldbärlein, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.
 
Vier kleine Goldbärlein, die kochten einen Brei;
Der eine fiel zum Kessel rein, da blieben nur noch drei.
 
Drei kleine Goldbärlein spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.
 
Zwei kleine Goldbärlein, die wuschen am Nil sich reine;
Den einen fraß ein Krokodil – da blieb nur noch der eine.
 
Und als auch der letzte der Haribo-Goldbären unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommen war, trat Julius das Gaspedal durch bis zum stahlverstärkten Bodenblech des Lada-Raketenautos. Die fünf Sputnik-Feststoffraketen begannen zu fauchen wie einst Fafnir, als ihm Siegfried das vom Zwergenkönig Regin geschmiedete Schwert tief ins Herz rammte. Der Wagen vibrierte wie eine unausgewuchtete Waschmaschinentrommel im Schleudergang und schien jeden Augenblick dem Zerbersten nahe, Julius krallte seine Hände in das mit dem Fell eines sibirischen Tigers überzogene Lenkrad, Sojus 11 machte einen Satz nach vorne und blieb etwa einen Meter hinter der Startlinie sprotzend liegen. Onethumb-Lefthand-Foureyes Daumen erschien wieder vor dem Bullauge, das anstelle der Windschutzscheibe eingesetzt worden war, nur diesmal war der Daumen nach unten gerichtet, begleitet von einem schiefen Grinsen und einem bedauernden Achselzucken. Sojus 11 machte überraschend noch einen Satz vorwärts, dem letzten Aufbäumen eines waidwunden Tieres gleich, und erstarb dann vollständig.

Jäh wurde es totenstill in der Wüste von Nevada. Nichts mehr war zu vernehmen, bis auf das Röcheln des sterbenden Mechanikers, das sich verband mit den irrwitzigen Pirouetten der Staubschlieren und dem hallizunogenen Flimmern der glühenden Sonne, deren Strahlen vom weißen Salz potentiert wurden. Schließlich verstarb auch das Röcheln von Onethumb-Lefthand-Foureye und zu hören war nur noch der kalte Hauch des Todes, der schlussendlich jedem von uns ins Ohr blasen würde.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #11

04.02.2016 – 14:10 Uhr

Endlich komme ich dazu, weiter an meinem vielversprechenden Buchprojekt zu arbeiten. Die Aufregungen der letzten Tage haben mich doch zu sehr von meinem eigentlichen Ziel abgelenkt und tatsächlich komme ich ein gutes Stück voran.

Raketenautos und Tulpenzwiebeln, Kapitel 4.

Julius erwachte mit einem unbestimmten Gefühl in der Magengegend, einem Gefühl, mit dem er seit seiner Kindheit vertraut war und dem er ebenso lange vertraute. Neben ihm drehte sich Petunia um die eigene Achse, eine entzückende Haarsträhne auf dem niedlichen Näschen. Behutsam, um sie nicht zu wecken, schälte sich Julius aus der gemeinsamen Bettdecke, tapste barfuß in die Küche und bereitete sein übliches Frühstück, bestehend aus zwölf rohen Eiern, im Mixer vor. Oh, wie er diesen Mixer liebte. Ein 68er Braun Atomic-Püree, Erbstück seines viel zu früh verschiedenen Vaters, und wie immer, wenn er an seinen Vater dachte, also jeden Morgen, stahl sich eine Träne aus dem Augenwinkel und suchte sich ihren Weg die stoppelige Wange entlang hinunter zu seinem energischen Kinn.

Julius kippte die Eier in einem Zug herunter und schüttelte die trübseligen Gedanken ab, wie eine naßgewordene Promenadenmischung, dann machte er sich an das Ritual der täglichen Körperertüchtigung, 20 Kniebeugen mit nacktem Oberkörper am offenen Fenster, wohl wissend, dass seine verwitwete Nachbarin ihn, wie jeden Morgen, verstohlen hinter der Gardine, die jetzt eine Spalt weit geöffnet war, dabei beobachete. Schweiß perlte auf seiner muskulösen Brust, die im Sonnenlicht des beginnenden Tages funkelte, wie die Rüstung eines urzeitlichen Ritters. Heute war der Tag, er wusste es, er spürte es, er fühlte es mit jeder Faser seines Seins. Heute würde er den Rekord seines erbitterten Widersachers Stan Barret, den sich dieser mit dem Budweiser Rocket 1979 erschlichen hatte, ins Reich der Fabeln und Legenden verweisen. Heute würde er als erster Mensch auf vier Rädern die Schallmauer durchbrechen, was der niederträchtige Barret bislang nur mit dreien erreicht hatte. Der Gedanke an das Röhren der Raketen, die Vibrationen, die sie unter dem Fahrersitz auslösten, die Beschleunigungskräfte, die seinen durchtrainierten Körper in den Hartschalensitz pressen würden, ließen sein mächtiges Glied anschwellen.

Das wird die weiblichen Leser entzücken. Jetzt nur nicht nachlassen.

Er fühlte, wie seine Hoden anfingen, eine überproportionale Menge Samen zu produzieren. Petunia wäre entzückt und für einen kurzen Moment dachte Julius daran, sie mit seiner Erektion zu beglücken, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Er hielt sich an die goldene Regel der Raketenautofahrer, so schwer es ihm fiel. Der Beischlaf würde nur seine Beine schwächen, Kraft, die er zum durchtreten des Gaspedals bitter benötigen würde. 19 … 20. Er warf sich in seinen hautengen Rennfahreranzug, umgab sich mit einer feuerfesten Schicht aus Asbest, die von den Logos altehrwürdiger Unternehmen geadelt wurde. Ritter Sport, Bahlsen, Toffifee und Haribo – ihr Engagement für die edelste aller Sportarten sollte nicht enttäuscht werden, heute würde er mit einem lauten Knall in die Geschichte eingehen.

Erschöpft sinke ich auf meinem Stehpult zusammen. Der Normalsterbliche hat ja keine Ahnung, welche übermenschliche Kraft es kostet, derartige Perlen zu Papier zu bringen. Außerdem – 14:49 Uhr – Zeit für mein Mittagsschläfchen. Danach notdürftiges Reinigen der Wohnung, was ich aufgrund des Desasters vor dem Lageso notgedrungen selbst übernehmen muss. Eine Zumutung, die mich von meiner eigentlichen Bestimmung ablenkt. Aber es hilft nichts, die Kinder kommen zu einem ihrer immer rarer gewordenen Besuche, angeblich wegen ihrer Mutter, die, so wortwörtlich am Telefon, keine Lust mehr habe, jedesmal die Läuse von den Köpfen ihrer Töchter zu klauben, nachdem sie bei mir waren.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #10

01.02.2016 – 14:24 Uhr

Trotz des niederschmetternden Wochenendes an meinem Plan festgehalten und heute morgen zur Lageso marschiert. Zurück kam ich mit einem blauschillernden Auge, das ich jetzt mit einem blutigen Rindersteak kühle, um das die Fruchtfliegen aus meiner Küche einen tollkühnen Tanz aufführen. Was war geschehen?

Zunächst einmal haben mich die Zustände vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales mehr als erschüttert. Man ist ja nicht nur Chronist, man ist ja auch Christenmensch. Die Schlange der Verzweifelten, die hier um ihre tägliche Ration Bananen anstehen (oder was immer sie sonst dort zu essen bekommen mögen), reicht drei Mal um den Häuserblock. Frierend, durchnässt, aphatisch wie Schlachtvieh harren sie dort ihres ungewissen Schicksales. Ich kann natürlich nicht allen helfen, aber wenn es mir gelingt, auch nur das Los eines Einzelnen etwas zu mildern, ist doch etwas erreicht. Spontan überreiche ich dem Nächstbesten eine etwas ranzig gewordene Butterstulle, die ich aus einer meiner Manteltaschen hervorkrame. Hier meine erste, herbe Enttäuschung. Nach ein paar Schritten luge ich verstohlen zu dem so reich Beschenkten zurück und traue kaum meinen Augen. Nachdem er das Brot mit seinem gewaltigen Riechkolben beschnüffelt hat, wirft der Unsägliche es einfach in den Matsch und versenkt es mit seinen zerrissenen Latschen. So wird einem also das Mitgefühl vergolten. Das wird mir eine Lehre sein. Aber sei’s drum, auch, wenn es mich wurmt. Ich bin hier, um jemanden in Lohn und Brot zu stellen und nicht, um Almosen zu verteilen.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt schreite ich, jedes Gesicht gewissenhaft prüfend, die Reihe der Entrechteten ab. Mein Blick bleibt an einer intelligent aussehenden, jungen Dame hängen, trotz ihrer misslichen Lage durchaus sauber gekleidet, insgesamt eine gepflegte Erscheinung. Die stünde mir als Puthilfe gut an und über das Kopftuch ließe sich angesichts meiner Großzügigkeit sicher noch diskutieren. Ich trete auf sie zu und versuche zunächst auf Deutsch mein Ansinnen vorzutragen, obwohl ich mir dabei närrisch vorkomme, denn wie auch sollte sie meiner Landessprache mächtig sein? Sie hebt mit einer entzückenden Geste die Hände und schüttelt den Kopf zum Zeichen des Nichtverstehens. Nun gut, vielleicht komme ich mit Altgriechisch oder Latein weiter, aber auch damit ist mir kein Erfolg beschieden. Ich greife zur universellsten aller Sprachen, zücke mein Taschentuch, simuliere das Polieren einer Gardinenstange und wedle dabei mit einem fünf Euro Schein vor ihrem Gesicht herum, eindeutiger geht es kaum.

Was dann geschieht, lässt sich kaum in Worte fassen. Sogleich stürzen sich drei, nein vier dunkelhäutige Vollbartträger mit gutturalem Gegrunze auf mich und ich weiß nicht, was geschehen wäre, wären nicht zufällig ein paar Polizeibeamte in meiner Nähe gestanden. Diesem glücklichen Umstand verdanke ich es, dass ich mit dem bereits erwähnten blauen Auge davongekommen bin. Offenbar hat sich auch bei den Flüchtlingen der deutsche Mindestlohn herumgesprochen, aber deshalb gleich derart ausfällig zu reagieren? Skandalös, sich in einem fremden Land, welches sie mit den offenen Armen der Gastfreundschaft empfängt, derart aufzuführen. Integrationswille sieht anders aus. Aber ich will nicht alle über einen Kamm scheren. In jeder schlechten Ernte finden sich auch ein paar unverdorbene Getreidekörner, die die Saat für den nächsten Frühling bilden. Morgen werde ich einen zweiten Anlauf wagen.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #9

31.01.2016 – 18:55

Sinnlos. Es ist alles sinnlos. Was habe ich mir für Mühe gegeben und wer war letztlich anwesend? Gauck – nicht gekommen. Merkel – nicht da. Grass – tot. Handke – unabkömmlich. Sloterdijk – verschollen. Precht war da, weil er immer da ist, wenn es was umsonst gibt. Ansonsten eine handvoll aus meinem Freundeskreis, wenn ich ihn so bezeichnen will. Dafür bei Kredithaien den Heimathafen Neukölln gemietet (800 Plätze ohne Bestuhlung). Was für ein Schlamassel. In der Spendendose ein paar Hosenknöpfe. Ich bin am Ende. Ob mir Inge noch mal was leihen wird?

19:30 Uhr

Jetzt nur nicht aufgeben. Die nachfolgende Generation nicht im Stich lassen.

22:45 Uhr

Wenn das deutsche Volk seine Dichter nicht ehrt, dann soll es mit Stumpf und Stiel verrotten, dann soll es untergehen.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #8

29.01.2016 – 14:15 Uhr

Meine ukrainische Putzfrau, die mir von einem russischen Kollegen vermittelt wurde, hat sich seit zwei Wochen nicht mehr blicken lassen, und alleine werde ich dem Chaos nicht mehr Herr. Betrete ich die Küche, steigen Wolken von Fruchtfliegen auf. In, um und auf der Spüle hat sich eine veritable Pilzkultur auf den Geschirrbergen entwickelt, der Wäschekorb quillt über vor dreckigen Kleidungsstücken. Ich versuche daraus noch eine halbwegs saubere Unterhose zu extrahieren und ein paar Socken, die man noch nicht durch das Schuhwerk riechen kann. Meine Anrufe werden von Olga, so der Name der ukrainischen Perle, nicht entgegengenommen, so dass ich mich zu Fuß auf den Weg zu ihrer Wohnung mache. Ich klingle, sie öffnet.

Olgas Schimpfkanonade würde selbst einen hartgesottenen, fronterfahrenen Landser in die Flucht schlagen, ich jedoch widerstehe dem unwillkürlichen Reflex und gebe Olga mit Händen und Füßen zu verstehen, dass ich zwar Aristoteles und Plinius im Original lesen könne, mir aber das Ukrainische stets fremd geblieben sei. Schließlich erbarmt sich ihre pubertierende Tochter Alena und übersetzt mir das slawische Kauderwelch, das ungebrochen aus Olgas mächtigen Resonanzkörper hervorquillt.

Sie, Olga, weigere sich, noch einmal meine Wohnung zu betreten. Es ekele sie bereits, die Klinke meiner Wohnungstür durch die Putzhandschuhe hindurch anzufassen, vom Gestank meiner Behausung ganz zu schweigen. Die hygienischen Zustände meiner Wohnung seien zudem ihrer Gesundheit abträglich, so habe sie jedesmal mit einem juckenden Hautausschlag zu kämpfen, nachdem sie diese verlassen habe, hinzu kämen Atemwegsprobleme und der Stundenlohn, den ich ihr bezahlt hätte, entspräche mit fünf Euro wohl längst nicht mehr den aktuellen Standards. Mindestlohn, höre ich immer wieder. Kurz, ich solle mein Glück in einer der Flüchtlingsunterkünfte suchen, die derzeit wie die Pilze in meiner Küche aus dem Boden sprössen, sie jedenfalls werde meinen Saustall nicht mehr beseitigen, und ich könne froh sein, dass sie mir nicht das Gesundheitsamt oder das für Schwarzarbeit zuständige Hauptzollamt auf den Hals hetze. Mit einem lauten Knall der Wohnungstür verabschiedet sie sich auf ukrainisch von ihrem einstigen Arbeitgeber, der völlig verdaddert zurückbleibt.

 

14:41 Uhr

Was bildet sich diese fette Matrone aus den Ostgebieten eigentlich ein? In der Ukraine könnte sie sich mit den fünf Euro, die ich ihr die Stunde bezahlt habe, einen Monat über Wasser halten, aber kaum sind sie in Deutschland, stellen sie Ansprüche. Mindestlohn, Sozialversicherung! Was glaubt sie, wo sie hier ist? Im Schlaraffenland? Dankbar bin Olga allerdings für den Tip mit den Flüchtlingsheimen. Werde am Montag mal mein Glück in der Schlange vor dem Amt für Gesundheit und Soziales versuchen. Die syrischen Frauen sind vermutlich von den Segnungen der sozialen Hängematte Deutschland noch nicht so verzogen. Eine leichte Haushaltstätigkeit für drei Euro die Stunde, danach lecken sie sich dort doch die Finger. Möglicherweise gelingt es mir sogar, eine gebildete Akademikerin an Land zu ziehen, jemand mit Esprit und Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt eines Künstlers, eine Philosophin gar.

 

15:05 Uhr

Erhalte erfreulichen Anruf von meinem Anwalt. Er habe bewirkt, dass die Anzeige wegen Volksverhetzung zurückgezogen werde. Meine Theorien zu Göring seien derart krude, dass sie weder die Staatsanwaltschaft noch sonst jemand ernst nehmen könne. Zudem hätte ich mich ja einsichtig gezeigt, indem ich die entsprechenden Passagen aus meinem Blog gelöscht hätte.

15:10 Uhr

Erst jetzt dämmert es mir, was mir mein Anwalt gerade mitgeteilt hat. Was soll das eigentlich heißen, krude Theorien? Rufe noch mal meinen Anwalt an und lasse mir den Namen des zuständigen Staatsanwaltes geben, den ich auch prompt am Telefon habe. Was er denn unter kruden Theorien verstünde, frage ich? Ich sei ein seriöser Schriftsteller der sich auf seriöse Quellen stütze und er habe die Anzeige gefälligst weiter zu verfolgen, allein schon um der Wahrheit willen, auf die das deutsche Volk ein Recht habe. Diese Geschichtsklitterung sogenannter Historiker sei doch unerträglich, ob er mir da nicht zustimme? Die Antwort erfolgt umgehend in Form eines Freizeichens. So nicht, mein Freund und Kupferstecher. Ich werde mich selbst anzeigen. Das letzte Wort in der Akte Göring ist noch nicht gesprochen.

18:12 Uhr

Jetzt aber flugs weiter an die Vorbereitungen zu meinem morgigen Geburtstag. Immerhin gilt es noch 28 Ein-Terrabyte-Platen mit Fotos aus meinem Leben zu sichten. Eine schier übermenschliche Aufgabe, aber wenn sie von jemandem zu meistern ist, dann von mir. Im Fernsehen laufen die Simpsons.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #7

27.01.2016 – 10:25 Uhr

Gramgebeugt quäle ich mich mit ächzenden Knochen aus meiner durchgelegenen Matraze, die ich in jungen Jahren von der Straße aufgelesen und seither nicht mehr weggegeben habe. Ich kann mich überhaupt schwer von etwas trennen, was meine Wohnung nicht gerade geräumig gestaltet. Als wären die niederschmetternden Nachrichten der letzten Tage nicht schon schlimm genug, quält mich nun auch noch eine verdalemeite Grippe, aber eins nach dem anderen.

Zum Frühstück gönne ich mir Haferflocken, aus denen ich mühsam die Lebensmittelmotten herausklaube und die dazugehörige Milch schmeckt auch schon leicht säuerlich, doch sind das derzeit meine geringsten Sorgen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat mein Stipendium für “Widerstand im Dritten Reich am Beispiel von Hermann Göring” nicht nur abgelehnt, sondern dem Schreiben auch gleich eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung beigefügt. Volksverhetzung! Das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das ausgerechnet mir! Pazifist der ersten Stunde, Kämpfer wider das Vergessen, aktiver Unterstützer der bolschewistischen Volksfront, es ist einfach nicht zu glauben.

11:02 Uhr

Habe mich einigermaßen gesammelt und die Niedergeschlagenheit ist dem Zorn gewichen. Was bitteschön ist denn die Aufgabe des seriösen Journalisten? Die Thesen zweifelhafter Historiker wie Knopp und Fest nachzuplappern? Beileibe nicht. Es geht doch nicht um moralische Zuordnung, sondern um Fakten.

Fakt ist, dass Göring mit der Einberufung der Münchner Konferenz den 2. Weltkrieg um ein Jahr verzögert hat, und damit tausenden das Leben rettete. Fakt ist, dass er über 4000 Kunstwerke aus den besetzten Gebieten in Sicherheit hat bringen lassen und damit vor der Verschleppung und Zerstörung bewahrte. Fakt ist, dass er beim Angriff der alliierten Luftstreitkräfte auf deutsche Städte die Luftwaffe bewusst am Boden gelassen hat und damit Hitlers erfolgsversprechende Verteidigungsstrategie aktiv sabotierte. Fakt ist, dass er die Wende im Russlandfeldzug einleitete, letztlich auch das Ende des 2. Weltkrieges, indem er sich weigerte, eine Luftbrücke einzurichten, um die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee zu versorgen. Sicher, letztgenannte Beispiele haben Zig-Tausenden das Leben gekostet, aber wie Göring bei den Nürnberger Prozessen selbst sagte: “Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit Blut begossen werden.” Fakt ist schlussendlich auch, dass er eine Woche vor Kriegsende versucht hat, Hitler zu entmachten und dafür auf dem Obersalzberg unter Arrest gestellt worden ist.

Für seinen Widerstand im Dritten Reich hat Göring mit seinem Leben, mehr noch, mit seinem Ansehen bezahlt. Wurden nach dem Krieg Schulen, Straßen oder Plätze nach ihm benannt? Nein. Aber einen Geschwister-Scholl-Platz gibt es, nur, weil zwei Hippies ein paar lausige Handzettel verteilt haben. Was für ein Hohn.

12:33 Uhr

Wage einen Blick in den Spiegel. Mir bietet sich ein erschreckender Anblick. Mein einst so wallendes, blondes Haupt ist über Nacht schütter und weiß geworden. Jedes graue Haar heißt Rosa Luxemburg.

12:55 Uhr

Der Deutsche Schriftstellerverband, bei dem ich seit meiner ersten, geschriebenen Zeile Mitglied bin, lehnt es ab, mir einen Anwalt zu stellen. Die Begründung: Bei vorsätzlich begangenen Straftaten greife die Rechtschutzversicherung des DSV nicht.

12:58 Uhr

Ich sollte es nehmen wir Göring, der bei seiner Verurteilung zum Tode gesagt hat: “Wenigstens hatte ich zwölf gute Jahre.”

17:50 Uhr

Vergeblich den Nachmittag über versucht, ein weiteres Kapitel für “Raketenautos und Tulpenzwiebeln” zu verfassen, aber nicht eine vernünftige Zeile will mir gelingen. Der Dolchstoß der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Verflucht seien sie bis ans Ende ihrer Tage. Auch der erneut gefasste Vorsatz, einen hitlerfreien Tag einzulegen, war einfach nicht umzusetzen.

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