Der alte Mann und das Wetter

„Wenn es nach Scheiße riecht, schlägt das Wetter um“, so der alte Matrose, der sich auf der Flussschifferkirche in Hamburg um die sanitären Einrichtungen und vermutlich auch darum kümmert, dass sich der alte Kahn, der ein bewegtes Leben als Fracht- und Lazarettschiff hinter sich hat und sogar von den Nazis zu Kriegszwecken eingesetzt wurde, was aber vermutlich auf jedes Gefährt jener Zeit zutrifft (so hatte ich mal ein altes Postfahrrad, dass mit Sicherheit auch zum Verfall des Tausendjährigen Reiches seinen Beitrag geleistet hat), über Wasser hält.

Jedenfalls 60 Leute trägt das Schiff noch, 40 waren da und obwohl sich die Landesverräter Spider und Ahne lieber auf Norderney einen schönen Lenz gemacht haben, als, wie es sich für eine patriotische Lesebühne gehört, mit uns den Tag der deutschen Einheit zu flankieren, hätte ich um nichts in der Welt mit ihnen tauschen mögen, außerdem kam ich so in den Genuss, wieder einmal dem großartigen Robert Naumann, der heldenhaft in die entstande Bresche gesprungen ist, zu lauschen.

Das Gebet gegen den Zwang zur Lohnarbeit entfaltete auf den geweihten Planken so richtig und wie kaum ein anderes Mal sein morphisches Feld und, spirituell derart gestärkt, fühlten wir uns zur Krönung unserer Lesung dazu berufen, eine neue Religion auszurufen, die auf den Grundlagen der Quantentheorie basiert.

Zum Abschluss des Abends ging es noch in eine kleine, wohlgefüllte Raucherkneipe, die uns lautstark mit AC/DC begrüßte und deren Bierpreise denen des Freudenhauses in nichts nachstanden. Auf meinen Wunsch hin wurde nach einiger Zeit AC/DC durch Johnny Cash ersetzt, der den tanzenden Ausklang unseres Abends einleitete.

Am nächsten Morgen wurde das Fundament unser neuen, noch namenlosen Religion weiter erhärtet, so stellten wir gemeinschaftlich fest, dass der dicke Mann auf der anderen Seite des Raumes aufgrund seiner Masse unser Raum-Zeit-Kontinuum störte, weshalb das wir manchmal und zwangsläufig aneinander vorbeiredeten, was, laut Konrad, noch dadurch verstärkt wurde, dass grundsätzlich jeder für sich in seiner eigenen Zeitdimension lebt, was irgendwie mit der Relativitätstheorie zusammenhängt.

Auch der Ursprung und Sinn des Geldes mit all seinen Auswüchsen wurde ausführlich erörtert. Die bundesdeutsche Staatsverschuldung, so stellten wir fest, war keinesfalls dadurch begründet, dass die Regierung bei Banken Kredite aufnahm, sondern das der gemeine deutsche Landwirt, sobald er einen Eimer Kartoffeln geerntet hat, sich in Erwartung auf weitere Eimer einen Flachbildfernseher kauft, obwohl es die alte Röhre noch gut und gern ein paar Jahre gemacht hätte. Kommt ein schlechtes Erntejahr, womit er ja eigentich jederzeit hätte rechnen müssen, reichen die Kartoffeln nicht mehr aus, um die Raten für den Fernseher zu bezahlen und bums, haben wir eine Staatsverschuldung.

Dass die Bankiers gar nicht so dumm sind, wie es den Anschein hat, wurde uns nach ausführlicher Erörterung weiterer und ähnlich gelagerter Wirtschaftsmechanismen ebenfalls klar. Der volkswirtschaftliche Nutzen des Rauchens wurde von mir nachgewiesen, dass wir nebenbei noch über das Bürgergeld und deren Höhe (das nach unserem Dafürhalten und unter Zuhilfenahme eines Taschenrechners zwischen 1000 und 1500 Euro betragen müsste, allerdings unter Inflationsvorbehalt, Tube forderte 3500 um sich dann mit „Denen da oben“ auf 2000 zu einigen), über die Verschlankung bzw. Verstaatlichung des Gesundheitsapparates und die Reform der Gesellschaft überhaupt diskutierten, versteht sich von selbst.

Schlussendlich kamen wir zu dem Schluss, dass die Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft, Religion, Wissenschaft, Kartoffeln und Flachbildfernsehern unbedingt als eines der obersten Ziele unserer neuen Heilslehre, für die noch ein Name gefunden werden muss, anzusehen ist. Und damit schließe ich meinen vorläufigen Bericht. Ach, eines noch: „Wenn es nach Scheiße riecht, schlägt das Wetter um.“

Filmaufnahmen in Kürze auf Konrads Blog.

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