Ein Weihnachtsmärchen

Klebezettel

Ich setze mich zu dem alten Mann, der ein Gehleiden hat, welches sich später als Multiple Sklerose herausstellt, an den Tisch. Nein, es störe ihn überhaupt nicht, dass ich rauche, er rauche ja selber, seit Anfang des Jahres, aus Solidarität. 68 Jahre habe er nicht geraucht aber damit sei jetzt Schluss. Die würden einem ja alles verbieten. Demnächst dürfe man wohl auch nicht mehr auf die Straße kacken, oder was? Seine Frau sei ihm vor fünf Jahren weggestorben und kurz darauf das Wohnmobil abgebrannt, mit dem Hund der Frau darin. Er habe noch den Benzinkanister herausgeholt, zehn Minuten vorher, sonst hätte man ihm das womöglich als Brandstiftung ausgelegt, so war es nur ein Kurzschluss, wegen der Versicherung, dabei mochte er den Hund, habe ihm viel Freude bereitet, wenn auch nur kurz und sein Sohn habe gesagt, der komme jetzt zum Abdecker. Nix da, habe er geantwortet, der Hund sei ihm ans Herz gewachsen und ob er ihn nicht in seinem Garten vergraben könne. Ja, habe sein Sohn gesagt, aber dessen Frau habe nein gesagt. So habe er den Hund in einen Müllsack gesteckt, in den Kofferraum geladen und ihn in seinen eigenen Garten beerdigt, weil die Frau seines Sohnes eine nichtsnutzige Tussi sei, dass müsse er jetzt mal loswerden. 300 Kilometer, mit einem verbrannten Hund im Kofferraum, zum Glück sei er nicht angehalten und kontrolliert worden. Die Frau seines anderen Sohnes sei auch eine Tussi, habe sich vor kurzem scheiden lassen, weshalb der Sohn jetzt bei ihm wohne, das habe er ihm angeboten und der habe gesagt, er zahle aber keine Miete. Das sei ihm doch scheißegal, habe er geantwortet, er würde sowieso nicht mehr lange leben und dann könne er sich mit seinem Bruder und dessen missratener Frau um das Erbe streiten. Wenn er wenigstens im Garten helfen würde, wenn er schon keine Miete, aber dafür sei sich der Herr zu fein. Die Frauen hätten seine Söhne verdorben, alle Beide, aber er sei ja selbst Schuld, habe sie studieren lassen, danach ein Schweinegeld verdient und blöde Tussies geheiratet. Ete pötete, für alles zu fein, sich wie die Maden in den Speck gesetzt und wo denn der Ring und die goldene Uhr und der übrige Schmuck und auf wen das Wohnmobil zugelassen sei, habe man ihn gefragt, dass sei doch jetzt ihr Erbe, nachdem er seine Frau gerade Mal unter die Erde gebracht habe, noch warm quasi, und er habe die Sachen und den Fahrzeugbrief auf den Tisch geknallt und gesagt. 12,5 % für jeden, dass ist euer Anteil und den könnten sie auch gleich haben, in bar, jetzt sofort. Da seien sie davongeschlichen, seine sauberen Söhne, der eine zurück nach Bielefeld und der andere in seine mietfreien 150 qm, die direkt über den seinen lägen. Er kommuniziere überhaupt nur noch mit selbstklebenden Zetteln mit seinem Sohn. Wenn er was wolle, ein Zettel, wenn er was wolle, ein Zettel, wenn ihm was missfalle, ein Zettel, wenn ihm was missfalle, ein Zettel und wenn weder er noch er etwas wolle, wenn weder ihm noch ihm etwas missfalle, dann auch ein Zettel. Vernünftig reden ginge ja überhaupt nicht mehr. Drei Worte und dann pfffft, weg. Also dann eben Zettel. Seinen Humor habe er wenigstens behalten, er könne ja ohnehin nichts dagegen machen, das sei Gottes Angelegenheit, es laufe eben so, wie es laufe, und wie es laufe, wäre der Wille des Herrn und wenn der wolle, dass einem die Zeit um ist, dann pffffft, sei sie eben um, da müsse man nicht groß drüber lamentieren. Er habe sich ja im ganzen Jahr noch nicht so viel unterhalten mit seinem Sohn so wie mit mir eben. Nur über selbstklebende Zettel. Einen Brief schreiben, einen langen Brief schreiben, statt eines Zettels, alles in den Brief hinein schreiben, was ihm so durch den Kopf gehe, bezüglich seines Sohnes, damit dieser nicht sofort reagieren müsse, sondern erst mal nachdenken könne, über das Gelesene. Ja, da hätte ich vielleicht sogar Recht, das könne vielleicht wirklich keine schlechte Idee sein.

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