Und noch eins (Weihnachtsmärchen)

Wenn ich schnell da bin, bin ich schnell wieder dort

Im unwirtlich hereinbrechenden Herbst wirkte die Stadt noch trostloser als der Verlagsblog von Voland & Quist, es fehlten eigentlich nur noch die Dornensträuche, die vom Wind durch die Straßen getrieben werden, um die triste Stimmung zu komplettieren, die mich seit meiner Ankunft befallen hatte. Eigentlich wollte ich mich in eine Kneipe setzen und ein Bier trinken, aber die Vorstellung, in einer Kneipe ein Bier zu trinken ohne dabei eine Zigarette zu rauchen, war völlig absurd und ich war nahe daran, einfach wieder nach Hause zu gehen und mich zur Geliebten aufs Sofa zu lümmeln, als die Rettung in Form eines Schildes nahte, angebracht an einer typisch bayerischen Eckkneipe, die sich von einer Berliner Stampe in nichts unterscheidet. Es darf geraucht werden stand auf dem Schild, das im Fenster hing. Zwei Männer, einer alt, der andere jung, und eine Frau dazwischen an der Bar. Dahinter Charlotte, Ende 70 mit deutlichen Symptomen der Parkinsonschen Krankheit.
„Schön, dass man bei Ihnen rauchen darf“, sagte ich mich setzend und sie erwiderte, das dürfe ich nicht, dazu müsste ich erst Mitglied in ihrem Verein werden, was mit 12 Euro im Jahr zu buche schlage. Ich sei ein Tourist und ob nicht eine Tagesmitgliedschaft in Betracht gezogen werden könne, fragte ich, und sie sagte, das könne es nicht und woher ich denn käme?
„Berlin“, sagte ich und sie:
„Das ist was anderes, dann sind sie mein Gast.“
Ich bestellte einen Wein, den ich mir selbst öffnete, da Charlotte sich schwer tat, mit ihren zittrigen Fingern. Nach ein paar Fachsimpeleien über die hiesigen und die Berliner Raucherverordnungen legte sie mir ihre Vereinsbroschüre vor – 43 Mitglieder habe sie inzwischen – und widmete sich wieder dem Polieren der Biergläser. Die Drei an der Bar bestellten noch eine Runde und ihr Gespräch glitt von dem Hartz IV. Veteranen Charlie, der mit seinen 62 Jahren immer noch fünf Bewerbungen im Monat schreiben müsse – alle waren sich einig: völlig wahnsinnig, die Typen von der ARGE – hinüber zu den unbestrittenen Vorteilen von Rasenmähern und Kulturbeuteln. Ich legte die Broschüre des Rauchervereines zur Seite und bekam von Charlotte prompt einen schlecht kopierten Zeitungsartikel offeriert, der sich mit der Gefährlichkeit von Radler beschäftigte, welche höher als die von Alkopops eingestuft und gar als Einstiegsdroge zu weit Schlimmeren bezeichnet und daher als prinzipiell jugendgefährdend bewertet wurde.
„Völlig meschugge, die da oben“, meinte die altehrwürdige Wirtin mit dem Gesicht vor der Hand wedelnd, sie sei mit dem Biermixgetränk aufgezogen worden, was ihr sichtlich auch nicht geschadet habe, und ob ich denn noch etwas noch Verrückteres lesen wolle. Ich wollte und bekam ein Schreiben vom Würzburger Ordnungsamt vorgesetzt, welches sie von selbigem erhalten habe. Ihre zittrigen Finger pochten auf den obersten Punkt, den sie besonders empörend fand und laut dem das Wegwerfen einer abgerauchten Zigarette in der Öffentlichkeit mit 10 Euro Bußgeld geahndet wurde, natürlich nur, wenn man erwischt werde, wie bei allem eben. Das Füttern von Tauben dagegen schlage mit 15 Euro zu buche, was sie allerdings ganz vernünftig und weit weniger widerwärtig fand, als dass das Betteln im Innenstadtbereich 25 Euro Strafe koste, denn woher die armen Teufel, die darauf angewiesen seien, einen derartigen Betrag hernehmen sollten, das wisse nur liebe Gott und selbst der wäre wohl ratlos.
Ohne Ansatz und mit den Worten: „Wenn man schnell da ist, ist man auch schnell wieder dort.“, betritt ein fünfter Gast die Stube, setzt sich und bestellt einen Obstler nebst einer Halben. Alle Anwesenden, mich ausgenommen, nicken zustimmend. Weitere Erklärungen oder gar einen Zusammenhang braucht es da nicht. „Wenn man schnell da ist, ist man auch schnell wieder dort.“ Der Satz spricht für sich, wie die Welt, die sich dreht.
„Da haben Sie jetzt daheim aber ganz schon was zu erzählen, wenn Sie wieder daheim sind“, meint Charlotte, als ich zahle, und das ich gerne wieder einmal vorbeischauen könne, auch ohne Mitgliedsausweis, ich sei ja jetzt wohl häufiger hier, wegen der schönen Frau, von der ich ihr erzählt habe, und zum Glück wäre Berlin ja jetzt nicht mehr so weit weg, seit die Mauer gefallen sei, wobei, ob das nun im Guten oder im Argen liege, das wisse sie nicht – aber das wäre schließlich nicht ihre Angelegenheit und ohnehin stünde es nur dem lieben Herrgott an, darüber zu urteilen, obwohl der vermutlich auch dazu keine Meinung habe. Und ich sage:
„Ja, da ist man inzwischen schnell und auch schnell wieder dort.“ Und alle Anwesenden, mich ausgenommen, nicken bedächtig und wünschen mir noch einen schönen Tag.

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