Keule und das Auge Gottes

Gestern war für mich der schönste Tag der Woche, obwohl die Woche behördlicherseits ja erst heute anfängt, aber früher, da fing die Woche gestern an, weil sich Gott, nachdem er die Sonne geschaffen hat, auf eine Wiese legte und sich selbst einen guten Mann sein ließ.

Ich bin Freiberufler und lege meinen Wochenanfang selber fest. Wochenanfang ist für mich immer dann, wenn ich einen schönen Tag hatte, das kann gestern sein oder morgen wieder, dann hat die Woche eben nur zwei Tage. Gestern deswegen, weil ich mit Keule oder Quasselstrippe, wie ihn manche auch nennen, am Tresen stand und mich widerstandslos von ihm beschimpfen ließ.

Ich sei ja eine Unverschämtheit, meinte er, ihn einfach aus der Kneipe zu werfen, das wäre ihm ja noch nie passiert. Vieles ja, aber das nicht und wie ich denn überhaupt dazu käme? Er meine, ihn am Arm zu packen und aus der Kneipe zu zerren, wo er doch noch gar nicht fertig gewesen sei, mit seinem Vortrag, den er meiner Begleitung hielt, von der er annahm, sie sei meine Frau gewesen, weil er mich ja sonst noch nie mit einer Frau zusammen gesehen habe.

Die Sache trug sich so zu: Ich saß mit meiner Begleitung, die nicht meine Frau war, aber durchaus hätte sein können, weil auch sie eine Schönheit, wenn auch nicht so schön, wie meine Frau, und Keule saß daneben. Wir unterhielten uns und Keule hörte ausnahmsweise mal zu und als eine Pause eintrat, auf die er nur gewartet hatte, holte er tief Luft und legte los. Mit was, weiß ich nicht mehr so genau, es ging irgendwie um Selbstverbrennung (demnächst aber um Wachkoma, wie er mir androhte, nach Selbstverbrennungen würde ich mich noch zurücksehnen), sein aktuelles Lieblingsthema. Auf eine Gesprächslücke wartet man bei Keule meist vergeblich und ich war eigentlich auch froh, meine Begleitung nicht mehr durch Konversation bei Laune halten zu müssen und mir Keule diese  Aufgabe abnahm, aber irgendwann wurde es ihr augenscheinlich wohl doch zuviel und als das Stichwort ‘Gott’ fiel, preschte ich in die kurz entstandene Bresche.

Wie, er glaube nicht an Gott? Er glaube nur an das, was er sehe. Und Gott habe er noch nie gesehen? Nein. Dann würde ich ihm Gott jetzt zeigen, griff ihm unter den Arm, gar nicht unfreundlich, mehr so kameradschaftlich, und zog ihn, während sein Redeschwall weiter anhielt, nach draußen auf die Straße.Und, wo Gott jetzt sei? Und ich deutete in den Himmel. Er sehe immer noch nichts. Er könne ja auch nichts sehen, weil er immer noch mich ansehe, sagte ich und er solle doch mal nach oben sehen. Keule sah kurz nach oben und sagte, da wäre nichts. Ich sagte, er müsse schon etwas genauer hinsehen, dann würde er schon was erkennen, vielleicht nicht Gott als Ganzes, aber doch sein Auge, das immer von dort oben auf einen herab blicke.

Das Auge Gottes (Quelle: Eso)

Das Auge Gottes (Quelle: Eso)

So ein Quatsch, meinte Keule und machte sich auf den Heimweg, angezogen und bezahlt hatte er sich glücklicherweise schon vorher.

Das war vor einer Woche, ein guter Tag, ein typischer Wochenanfangstag, wenn auch ein Samstag und Keule hatte sich seitdem immer noch nicht beruhigt. Unverschämt wäre ich gewesen, nahezu eine Sauerei, als das Telefon klingelte. Keule zückte sein Handy, sagte ja, wurde blass und steckte sich einen Finger in den Mund. Als er, der er, wie es sich gehört, zum Telefonieren auf die Straße ging, wieder zurück kam, war er noch blasser und sein Finger immer noch dort, wo ich ihn zuletzt gesehen habe.

Das war grad aus Amerika, meinte er. Er meine, aus A-M-E-R-I-K-A. Ein Jurymitglied des Bachmannpreises, deren Name er aber schon wieder vergessen habe. Er sei in die engere Wahl gekommen und man werde ihn in zwei Stunden noch mal anrufen, jetzt gelte es, nüchtern zu werden, er habe ja schon zwei oder vier Bier intus. Andererseits: Hinten sind die Schweine fett, wie seine Oma zu sagen pflegte und vielleicht sollte er doch auf den Schrecken, wozu ich ihn ermutigte… Nein, lieber doch nicht, wer weiß, was die noch von ihm hören wolle. Du musst ja nicht sprechen, sagte ich, zuhören ist der Trick, die Leute, besonders Jurymitglieder des Bachmannpreises, haben es gern, wenn man ihnen zuhört, weil sie viel lieber Reden, als sich etwas anzuhören. Ich hätte Recht, meinte Keule, 75 Prozent des Gespräches werde er einfach dem Jurymitglied überlassen, bei 25 Prozent Redeanteil, da könne nicht viel schief gehen, aber Bier trinke er lieber doch keines mehr.

Das sei übrigens Gott gewesen, der ihn da aus Amerika angerufen habe, meinte ich, das müsse er doch wohl einsehen, dass das kein Zufall sei, dass ich letzte Woche versucht habe, ihm Gott zu zeigen und der sich jetzt telefonisch aus Amerika melde. So ein Quatsch, meinte Keule, das sei ein Jurymitglied des Bachmannpreises gewesen, deren Namen er jetzt aber schon wieder vergessen habe. Die Wege des Herrn wären unergründlich, so ich, und seine Werkzeuge seien Legion. Wie dem auch sei, meinte Keule, er müsse jetzt gehen und sich auf das Gespräch vorbereiten, andererseits, hinten wären die Schweine fett, also warum sich verrückt machen, trotzdem gehe er jetzt.

Heute schrieb er mir, dass die Schweine hinten fett wären und er eine Seite aus seinem Text habe vorlesen müssen, was wohl daran läge, so ich, dass man feststellen wolle, ob er abends um neun schon betrunken sei, weil Alkoholiker könne man in Klagenfurt seit Rainald Götz nicht mehr gebrauchen, also Leute, die im Fernsehen Bier trinken und sich womöglich auch noch die Stirn aufschlitzen, das ginge einfach nicht mehr, aber er würde ja wohl ohnehin, wenn er denn in diese Richtung denke, mehr an Selbstverbrennung denken, was man ihm aber, so beruhigte ich ihn, telefonisch und dann auch noch via Überseekabel, bestimmt nicht würde anhören können, und ob er denn jetzt an Gott glaube? So ein Quatsch, so Keule, er glaube nur an das, was er sehe,  und ob wir nachher nicht lieber ein Bier trinken wollten, statt solchen Unsinn von uns zu geben, denn bei einem Bier, da gehe das doch erheblich leichter.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter scheinwelt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s