Eine Rede

Ach wie schön, wenn man auf sich auch mal eine Laudatio gehalten bekommt. Hier die von Boeldecke, Fan der Surfpoeten der ersten Stunde:

Der lange Abschied des Robert Weber

Autor: Bong Boeldicke

Wie alles anfing

Ein guter Freund aus grauen Punkvorzeiten gab mir damals den entscheidenden Tipp:

„Guck dir das mal an“, meinte er, „und sag mir, was du davon hältst.“ Gerade als studierter Besserwisser, allerdings mit Hang zum Abseitigen, war ich natürlich sofort Feuer und Flamme. Ein Lesekreis literarischer Laien, wohl als Gegenentwurf zu verbildeten Literaturveranstaltungen und neumalklugen Colloquien gedacht,  genialische Kleinkunst  in feuchten Kellergewölben, das klang interessant.

Also ab in die Bergstraße, ins Bergwerk, der ersten Surfpoetenlocation. Den Einlass machte damals noch der Chef selbst. „Herzlich willkommen bei den Surfpoeten“, hieß es mit entwaffnender Freundlichkeit, die so gar nicht zu den radikalen Kurzhaarfrisuren der Ahnes und Tubes passen wollte. Man war plötzlich in einer anderen Welt. Da war eine verschworene Gruppe praktizierender Autodidakten, die die versammelte Gemeinde in ihren Bann zog, indem Alltägliches liebevoll dekonstruiert und mit feinem Gespür für Komik weiterbearbeitet wurde. Auftritte fanden statt, wenn mindestens so viele Zuschauer wie Literaten anwesend waren. Allerdings war es bald so voll, dass man ins Stasiobjekt am Weinbergswegpark umzog, um  schließlich im Mudd Club zu landen. Anfangs mit dabei die Gründungsmitglieder Stein, DJ Lt. Surf , der Stimmakrobat und Womanizer Sascha Rasowich, Gunnar Klemm, Ahne, Tube, dann natürlich Robert Weber, der hier zum letzten Mal auftritt und um dessen Wirken es im Folgenden geht.

Zunächst etwas Grundsätzliches: Ob Weber, wie Stein ein Wessi ohne Künstlernamen, je Mitglied im Votzenblock, dem militanten Arm der Surfpoeten, gewesen ist, weiß ich nicht, nehme aber an, dass er sich den Spaß, eine Scientologenversammlung durch lautes Absingen von Udo Jürgens – Hymnen  zu beenden, trotz aller Andersartigkeit und Distinktion nicht entziehen konnte.

Ich habe mich zwar immer als Mitglied des Votzenblocks gesehen, habe aber leider nur an wenigen Aktionen, so es denn viele waren, teilgenommen. Beim genannten Ereignis war ich nicht zugegen, auch nicht, ebenfalls leider, beim sozial Essen gehen.

Andersartigkeit und Distinktion? Genau das ist das Thema. Während sich die anderen Mitglieder des ostig geprägten Lesekreises darin gefielen, Publikumserwartungen auf immer  ähnliche  Weise zu bedienen, um ein „entrücktes Dauergrinsen“  – so damals der Deutschlandfunk – auf die Gesichter der Zuschauer zu zaubern , gefiel sich Weber schon früher darin, endlose Hörspielserien zu ersinnen und diese live zu präsentieren. Eins wurde sofort klar: Hier ging es nicht um „Ich hab da mal was geschrieben …“ – hier zeigte sich bereits der Weber’sche Hang zum Monumentalen, zur Konzeptkunst. Seine damaligen Mitstreiter, alles keine Schauspieler, dafür Artikulationskünstler und Rampensäue, selbst der Leutnant, jeder erhielt von Robert lange Textfahnen, die ohne Probe vorgelesen und möglichst originell performt  werden sollten. Aber es funktionierte perfekt, das Publikum war begeistert.

Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass heutige Großproduktionen für namenhafte Sender ohne legendäre Serien wie „Die unglaublichen Abenteuer des Kai von Kühn“  oder „Mike Vamp – der Monsterjäger“ gar nicht möglich gewesen wären.

Monster auf der Schrankwand

Das Monströse und die Lust an der Grenzüberschreitung ziehen sich leitmotivisch durch das gesamte Werk des Robert Weber – inhaltlich und formal. Ganz deutlich immer die Abwendung von stereotypen Lese- bühnenkonventionen, sei es durch minimalistische Kurztexte oder monologische Extravaganzen wie die sprachgewaltigen „guten Gründe, sich vorzeitig zu verabschieden“. Dennoch: Im Mittelpunkt des Weber’schen Werkes steht immer das Serielle, die Wiederholung des ewig Gleichen, das Spiel mit Wiedererkennbarem. Es geht um die Lust an möglichtst abwegigen Rahmenhandlungen, wo bizarr überzeichnete Haupt- und Nebenfiguren aufeinanderprallen und es zu einem möglichst grotesk konstruiertem Schlagabtausch kommt.

Im Idealfall entstanden so Perlen, die unvergesslich bleiben, auch wenn ihnen nicht gleich europäische Hörspielpreise beschieden waren.

Die im folgenden genannte Folge war zwar eine andere („Rostock“) bzw. verquierlt der gute Boeldicke hier zwei Folgen miteinander, was aber nicht schlimm ist. Den Vergleich mit Fassbinder halte ich doch sehr gewagt.

Zum Beispiel meine Lieblingsfolge aus der Kai von Kühn – Reihe, „Achmed, die U-Bahn – und das Kind“: ein vietnamesischer Vietkong, der aus seiner Rostocker Imbissbude auf  friedensbewegte Gegende- monstranten feuert, da deren Cannabisausdünstungen ihn an kiffende GI’s und entsprechende Kämpfe erinnern. Mit dabei Stein in seiner Paraderolle als Kommissar Schulz, mit grünen Trenchcoat, roter Baseballmütze und martialischem Flammenwerfer,  Chef des SEK Mustafa. Ein Schlag ins Gesicht der Berliner Polizei, krass konkreter Klamauck. Unglaubliche Plots, viel Situationskomik, handwerklich hervorragend gemacht. Die von Sascha  vorgetragenen Weisheiten des alten Meisters schafften einen pseudophilosophischen Rahmen und zeugten schon damals von Robert Webers Gabe, das Profane mit dem Tiefgründigen zu verknüpfen, ohne auf massenkompatible Unterhaltungselemente zu verzichten. Hat Fassbinder nicht ähnlich gearbeitet? Die frühen Serien  mit all ihren Trash- und Comedy-Anleihen zeugten von der Lust des Autors, es mal richtig krachen zu lassen. Als gelernter Sozialpädagoge nahm er trotzdem keine Rücksicht auf zartbesaitete Studentenseelen; vielmehr gab es beim epischen Ungetüm „Käptain Ahabs Flaschenpost“ immer wieder drastische Szenen mit  albanischen Schwanzlutschern und einem über die Reling scheißenden, von Stein verkörperten Anti-Helden. Webers obsessive Bearbeitung von  Melvilles Roman wirkte am besten, wenn sie draußen, im Verein der Visionäre, dargeboten wurde: Man saß selbst am Wasser, umgeben von vorpro- duzierten und authentischen Umweltgeräuschen, und genoss einen Hörspieltrip in merkwürdige, männlich konnotierte Wahnwelten mit anal-sadistischer Prägung. Vielleicht, wie mir  vor kurzem auffiel, war das die unbewusste Fortsetzung von Webers erster Veröffentlichung, dem angeblich mit 18  verfassten Traktat „Der platonische Polygamismus des Exhibitionisten Robert W.“ ?

Das Traktat habe ich tatsächlich mit 18 verfasst und ist leider verschollen.

Nach dem Abdanken von Sascha und Steins tragischem Tod fehlte das klassische Personal zur Umsetzung der Weber’schen Hörspiele. Andererseits trieb ihn sein offensichtlich eiserner Wille sowie die manisch anmutende Produktivität zur Arbeit an neuen Großprojekten: Zunächst die endlose Reihe „Vom Vergessen der Zeit“, eine 40-teilige Odyssee durch 40 Jahre Leben, eine Sisyphosarbeit, um die Jahre 1966 –2006 begreifbar zu machen. Ein Kaleidoskop aus O –Tönen und kuriosen Nebensächlichkeiten. Empfehlenswert als Alternative zum herkömmlichen Geschichtsunterricht, gleichzeitig ein weiterer Abschied von den Surfpoeten und dem damit verbundenen Lesebühnendogmatismus.

Seit dem 2002 mit dem Plopp-Award prämierten Hörereignis „Hinter jeder Ecke ein Heckenschütze vom Arbeitsamt“, wo das Erfurter Schulmassaker mit Hartz IV Tritesse zusammengefummelt wurde, sind Roberts Hörspielproduktionen immer professioneller geworden und werden auf der Homepage als „relevant“ bezeichnet. Komisch: Waren das die frühen Surfpoetenauftritte  nicht auch? Was ist relevanter als die eigenen Roots, die archaische Ursuppe des eigenen Frühwerks?

Die Surfpoeten stehen bei meiner Vita ja ganz oben und haben damit bereits einen Sonderstatus.

Egal, der Mann macht weiter. Ob nun beim  RBB Kulturradio mit  „Zahltag – Die Serie zur Krise“ oder, fast nostalgisch, mit Radio Voodoo, eine regelmäßig ausgestrahlte Sendung mit vielen alten Bekannten aus längst vergangenen Zeiten, offensichtlich die Fortsetzung der gleichnamigen Ich AG, allerdings audiophiler.

Alles weitere findet man  bei „Nachrichten aus  der Scheinwelt“, übrigens ein altes Thema von Uschi 66, dem Verein für Streitkultur und Unterhaltung, an dessen Sitzungen Herr Weber zwar häufig teilnahm, ohne jemals die monatlich anfallenden Mitgliedsbeiträge entrichtet zu haben.

Abschiedsrituale

Warum Weber erst jetzt die Surfpoeten verlässt, ist eigentlich unklar. Hat die derzeitige Veranstaltung doch nur noch wenig  Magisches, und das leider seit Jahren. Wie ich höre, war Mobbing im Spiel. Vielleicht auch Überdruss, Langeweile.

Mobbing ist ja so ein Schlagwort, das aber hier nicht passt. Letzten Endes dachte ich ja schon seit Michaels Tod daran, auszusteigen. Und nachdem Ahne und Spider weg waren, waren die Surfpoeten für mich einfach nicht mehr die Surfpoten, sondern just another Lesebühne, in der ich mich nicht mehr zuhause fühlte. Ich stand vor der Alternative anpassen oder loslassen.

Auf jeden Fall muss es sehr befreiend sein,  pro Woche nicht mehr ein bis zwei neue Texte zum Besten geben zu müssen.

Ja und nein. Schwierig ist für mich zunächst, eine neue Form, eine neue Struktur des Arbeitens zu finden. Mittwochs ist eben immer Abgabetermin gewesen. Den muss ich mir jetzt selber setzen.

Heute Abend also das Finale.

Ein letztes Mal Grenzüberschreitung. Eingeweihte wissen: So ein Abschied kann dauern. Im Falle von Robert Weber, dem Meister des Doch-nicht-Losgehens, des Nur-so-Tuens, weiß man nie, was kommt. Nachher sind wir schlauer.

Eine Rückkehr zu den Surfpoeten wird es sicher nicht geben, aber vielleicht mache ich im nächsten Jahr was Anderes mit Anderen.

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