Surfpoeten Old School

Und falls Ihr mal wissen wollt, wie es damals so gewesen ist:

Scheiß Nostalgie, und alles nur, weil ich Spider vor der Kaufhalle treffe.

Und weil’s so schön war, noch ein Bericht über unsere Frankreichtournee von dunnemal:

Avec Plessier

Schon vor der Abfahrt unserer Tour de France wusste ich, dass alles ganz anders kommen würde, als wir es erwarten. Rechnet mit allem, sagte ich noch zu meinen Kollegen, nur nicht damit, dass irgendetwas klappt.

Die drei Goethe Institute Strasbourg, Nancy und Lyon hatten mich schon Monate vorher mit zahllosen E-Mails und Telefonanrufen überschüttet, Praktikanten, Dozenten, Übersetzer, Institutsleiter und deren Assistenten, das alles mal drei – es war einfach nicht mehr auseinanderzuhalten, wem ich jetzt schon auf welche Mail geantwortet hatte oder wer gerade in der Leitung hing, um mir eine jener Fragen zu stellen, die ich schon mehrmals zu beantworten mich bemüht hatte. Wieviel wir denn seien, was wir denn machen, was wir so brauchen, was wir denn lesen und in welcher Reihenfolge, ob wir Fleisch äßen, wann wir denn ankämen und wie lange wir führen und überhaupt, ob wir schon ein Konzept für den Workshop hätten, den man am zweiten Tag (in Nancy) mit uns geplant hätte?

Ach ja, der Workshop. Wir hatten noch nie einen Workshop gehalten und daher auch keine Ahnung, wie man so was macht und so beschlossen wir, uns einfach mit einem Sixpack und zwei Flaschen Wein auszustatten, und so gerüstet zu sehen, was auf uns zukommt. Die Dozentin jedenfalls hatte von ihren Studenten keine hohe Meinung. Dumm wie Brote und stumm wie Fische, so könnte man ihre vorab gemailte Einschätzung zusammenfassen. Ach ja, der Workshop.

Montag früh um acht, einer Zeit, in der sich jeder rechtschaffende Mensch noch einmal im Bett umdreht, ging es los ab Ostbahnhof. Tube hatte sich, aus welchen Gründen auch immer, ausgeklinkt. Als Ersatz war zunächst Kirsten Fuchs eingeplant, aber nach dem Auftritt in Magdeburg, wo sie als Ahne-Ersatz fungierte, wollte sie nicht mehr mit uns Reisen, aus welchen  Gründen auch immer, und so musste Robert Naumann herhalten, was sich im nachhinein auch als die bessere Wahl herausgestellt hat. Männer sind einfach die besseren Menschen.

Wir waren also auf dem Weg nach Strasbourg. Ankunft Strasbourg, niemand da. Dann doch jemand da, aber später. Erika Demenet, die sagenumwobene Institutsleiterin der Elsässischen Metropole. Eine kleine, dicke, alte Frau mit einem ruinierten Gebiss, dass sie leider nicht vom Reden abhielt. Sie redete ununterbrochen und eigentlich nur wirres Zeug, Zeug, dass einen nicht interessierte, wenn man gerade eine siebenstündige Zugfahrt hinter sich hatte, aber auch sonst nicht: Da das europäische Parlament, da die Kirche, hier ein Monument, ihr müsst schon hinsehen, sonst sieht man’s nicht, ach ja und hier und da und dort – und so weiter und so fort – endlich waren wir beim Hotelschiff angelangt. Duschen war so gut wie unmöglich, es sei denn, man wäre auf dem Klo gesessen. Schlafen würde schwierig werden, zumindest für Spider, der ja schon jetzt an die Decke stieß, und die Kojen waren kurz wie -, also um einiges kürzer jedenfalls als Spider. Der Auftrittsort, Cafe Plunder – Trocé-Café entschädigte dann aber für alles, auch wenn um halb zehn Sperrzeit war (Danke an Alex). Sogar ein Geistesverwandter von Tarzan war da und jede Menge schöner Mädchen, mit denen wir hinterher noch einen Trinken gingen – gangen, gegangen sind? Ach egal. Ihr merkt schon, ich bin immer noch fix und alle von dem Generalstreik. Das muss man sich mal vorstellen: Wir lösen ein morphisches Feld aus und am nächsten Tag fahren keine Züge mehr. Arbeit, Geißel der Menschheit, aber wenn man sie mal braucht, dann ist sie nicht da.

Am nächsten Tag ging es jedenfalls weiter nach Nancy, von dem uns Erika Demenet nur das Schlechteste zu berichten wusste, total chaotisch und überkompliziert seien da alle, im Gegensatz zu ihr. Und wir dachten: um Gottes Willen und erwarteten alles, außer das, was dann kam. Außerdem meinte sie, dass Spider total verpeilt wäre. Ausgerechnet Spider. Das Gehirn auf dieser Reise. Spider, The Brain, wie wir ihn nannten. Wenn jemand hier einen Durchblick hatte, dann war das Spider. Und wenn jemand verpeilt war, dann war das Erika. Oh Erika. Allein wenn man die Blicke der Kollegen bei der Erwähnung deines Namens sah, war alles klar.

Nancy jedenfalls. Der Workshop. Also der Workshop war ja das Erste, und das Letzte war die Pizza, die man uns vorher servierte. Eine Pizza! Und das in Frankreich. Mit Schinken oder ohne. Später wolle man uns etwas vom Chinesen kommen lassen. Frankreich, deine Küche. Frankreich, deine Studenten. Dumm wie Brote und stumm wie Fische. Die wussten gar nichts. Die sprachen nicht, sie saßen nur da und sahen uns an wie als wenn wir, waren wir ja auch, von einem fremden Planeten kämen. Ahne oder Spider haben da sicherlich mehr zu zu sagen, ich möchte über dieses dunkle Kapitel meiner Vergangenheit aber lieber den Mantel des Schweigens werfen. Der Workshop. Ach ja, der Workshop. Nancy und deine Studenten – armes Deutschland.

Abends jedenfalls Nancy, na, ich weiß nicht. Das Hotel war toll. Altes Ding in einer engen Straße. Der Auftritt dann etwas steif vielleicht. Aber erinnere ich mich überhaupt an Nancy? Ich erinnere mich, mit einer Praktikantin getanzt zu haben, die das gar nicht gut fand. Und an eine Techno-Mieze, die aussah wie die Karo Dame in Robert Naumanns speckigem Skatspiel, die uns dann noch in eine Kneipe führte, die ihr nicht fein genug war, uns hat es allemal gereicht, und dann in eine Disko mit zwei Türstehern, die aussahen, als wären sie mal als Sparringspartner von Mike Thysen missbraucht worden. Sie kam natürlich rein, wir mussten draußen bleiben. Und sonst, Nancy? Ich kann mich eigentlich nicht erinnern. Nicht wirklich. (Aber Danke an Jaques, dem tollen Techniker).

Lyon jedenfalls, eine tolle Stadt, Frankreich, ein tolles Land, die Franzosen, alles andere als wie man denkt, wenn man noch nie in da war, oder schon mal da war und einen schlechten Eindruck hatte. Frankreich – ganz anders als deine Studenten. Jeder hat einen Kollaborateur in der Familie, allein das macht Frankreich sympathisch. Aber Lyon? Lyon die zweitgrößte Stadt Frankreichs mit dem größten Bahnhof Europas? Lyon? Ich sage nur: Lyon und seine Taxis. Reisender, kommst du nach Lyon, versuche niemals ein Taxi zu ergattern. Wir winkten, wir hüpften, wir machten Kopfstände und schlugen Räder, dachten wir doch, es gäbe einen geheimnisvollen Code, der die Taxifahrer Lyons zum Anhalten bewegen könnte, doch alles half nichts. Sie sahen uns, sie fuhren weiter. Wir irrten durch die Straßen auf der Suche nach einem Stück Deutschland, Deutschland, seine Taxis, Deutschland, deine Taximisere (also die der Taxifahrer, die nichts mehr verdienen, weswegen sie auch halten).  Lyon, deine Taxistände, an denen niemals nur ein Taxi steht. Lyon, deine Taxifahrer, die nicht wissen, wo man hinwill, wenn man sie gefunden. Lyon. Lyon.

Lyon und deine Speckwurst.

(Ich möchte mich an dieser Stelle noch mal bei dem Lyoner bedanken, der uns zum fünf Minuten entfernten Goethe Institut gebracht hat.)

Und dann Constanze. Constanze, die keinen Ehering trug, als sie sich uns vorstellte, ihn dann aber schnell wieder auf den Finger steckte, nachdem sie ein paar Sätze mit uns gewechselt hatte. Constanze, ach du, holde Walküre und guter Geist von Lyon, die uns entrückt. Hochwangig, blauäugig, blond und deutsch. Constanze, Constanze, wenn ich ein Lied singen könnte, dann hieße es so. Constanze. Allein dein güldener Ring war‘s, der mich von weiteren Schandtaten abhielt. Constanze.

Habe ich euch eigentlich schon dem synthetischen THC erzählt, dass ich seit kurzem immer bei mir trage?

Und dann Lyon, der Auftritt. Wein in Flaschen und Bier aus Krügen. Tanzende Menschen zwischen den Texten. Nur Constanze war nirgends zu sehen. Und dann der krönende Abschluss: Eine Lyoner Speckwurst. Und davor: Ein kaltes Buffet in der Bücherei, von dem wir am nächsten Tag noch profitieren würden. Ein aufgeschnittener Tunfisch, Roastbeef und viele andere Leckereien. Und dann Brüno, noch so ein hilfsbereiter Lyoner, der uns zum Hotel begleitete und dessen Dienste wir am nächsten Tag noch sehr zu schätzen lernen würden. Der nächste Tag. Oh Lyon. Der nächste Tag. Am nächsten Tag war Generalstreik.

Genauer: Die öffentlichen Verkehrsmittel streikten. Busse, Metros, Trambans, Züge. Alles. Wir, die wir einen Auftritt in Speyer auf der Rückreise hatten, saßen plötzlich ganz schön dumm da. Das Hotel, in dem wir genächtigt hatten, war natürlich für diesen Tag schon ausgebucht, so dass wir mit Sack und Pack auf die Straße gestellt wurden. Was jetzt und vor allem – wohin?

Das Goethe Institut versprach Rettung und so war es dann ja auch. Man kann über das Goethe Institut ja sagen was man will, aber kümmern tun sie sich. Nachdem alle Möglichkeiten wie Schiffe, Flugzeuge, Taxis oder Mietwagen ausgeschöpft waren, bezahlte man uns noch ein Hotel und verköstigte uns mit dem Buffet vom Vortag. Perfektes Frankreich, perfektes Lyon. Das wir die Speyeraner damit in s Unglück stürzten – nun ja, ein Generalstreik läuft unter höherer Gewalt und da kann man einfach nichts machen. So verbrachten wir also noch einen Tag in Lyon, besichtigten die ehemalige TBC-Kolonie, welche jetzt eine touristische Attraktion darstellt, hingen in Kneipen herum, tranken Bier und aßen Speckwurst, Brüno, unser ortskundiger Führer, tat sein Bestes, um uns die Zeit nicht lang werden zu lassen (danke auch Dir, Brüno). Früh gingen wir zu Bett. Der nächste Tag sollte anstrengend werden.

Übrigens Reisender: Vergiss in Frankreich nie einen Reisewecker einzupacken. Weckrufe werden zwar freundlichst entgegengenommen, aber niemals ausgestoßen.

Zum nächsten Tag nur soviel: 22 Stunden Fahrt mit zahlreichen Aufenthalten und das mit ungültigen Zugtickets. Statt der Direktverbindung Lyon-Berlin fuhren wir zunächst nach Strasbourg, nachdem wir vohrher drei Stunden auf dem Bahnhof gewartet hatten, weil der Zug nicht um neun sondern doch erst um zwölf fuhr, weil der Generalstreik spontan verlängert wurde, von Strasbourg mit der S-Bahn nach Offenbach, wieder zwei Stunden Aufenthalt, von Offenbach gings nach Fulda, natürlich zwei Stunden Aufenthalt, und dann endlich, endlich nach Hause, wo wir früh um sieben ankamen. Überlebt habe ich nur mit synthetischem THC. Danke Pharmaindustrie. Danke Mareike. Danke Deutschland, dass ich wieder hier sein darf. Deutschland mit seinen Weckrufen, Deutschland mit seinen Zügen, Deutschland mit seinem Grundgesetz, welches einen Generalstreik verbietet. Trotzdem danke Frankreich, dass wir da sein durften. Jederzeit wieder. Avec Plessier.

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