Die alte Frau und das Meer

Ich treffe Mutter bei einer Ansammlung von Fischbuden am Strand. Sie fragt mich, wie spät es sei, denn wenn es so und so spät sei, sei es Zeit für Ihre Spritze. Sie tupft die Einstichwunde mit einem Papiertaschentuch ab. Eine Fliege setzt sich auf den roten, noch feuchten Punkt und nuckelt an dem Cocktail aus Insulin, Hämoglobin, Hämatokrit, Plasma, Wasser und den noch nicht abgebauten Substanzen der letzten Chemotherapie. Die Haare gingen ihr aus von dieser Drecks-Chemo, und Geld für eine vernünftige Perücke – dafür reiche ihre mickrige Rente nicht aus –  und mit einer Drecks-AOK-Perücke* – da laufe sie lieber mit einem Kopftuch herum.

Ich trinke Bier, sie eine Weißweinschorle. Ich esse geräucherten Aal, sie eine halbe Portion Matjes. Soviel bekommt sie hinunter. Wir rauchen, es beginnt zu regnen. Noch hat sie keine Schmerzen. Manchmal entwischt ihr ein Lächeln. Meine Schwester sei immer auf Bäume geklettert. Kaum war ein Baum in Sicht, schon sah man meine Schwester in den Zweigen turnen. Dabei habe sie einmal ihr nietennagelneues Kleid zerrissen und in der Mülltonne entsorgt, in der Hoffnung, so einer Ohrfeige zu entgehen. Sie habe natürlich gemerkt, dass das Kleid fehle, so was falle auf, wenn eine ihr neues Kleid nicht mehr trage, und weil ich ihr beim Schwindeln behilflich gewesen sei, setzte es Backpfeifen für beide, erzählt sie, lachend. Ich sei ohnehin ein Sonderling gewesen, habe mich immer abgesondert von allen, so, als wäre die Gesellschaft von Menschen ein Krebsgeschwür. Nur zu meiner Schwester habe ich gehalten wie Pech und Schwefel. Habe ihr Anziehsachen vom Fenster herunter geworfen, nachdem das nietennagelneue Kleid zerrissen sei. Das schöne Kleid, das man sicher noch hätte flicken können.

Das Meer habe immer eine beruhigende Wirkung auf sie gehabt. Aber ihrer Tischnachbarin mit der dämlichen Töle, der würde sie am liebsten eines überziehen, mit der Krücke, wenn sie nicht schon so gebrechlich wäre, hätte sie das sicher getan. So eine unverschämte Person. Dass sie im Rollstuhl säße und daher etwas Platz brauche, hier, unter der regentriefenden Plane, sei doch offensichtlich. Aber Hauptsache, der Köter bleibt trocken. Die nächste Runde gehe auf sie. Und ich hole noch ein Bier und eine Weißweinschorle.

Jedes Kind kostet ein Leben, sagt sie. Und: Sie erinnern mich an meinen Sohn. Der war auch immer so schweigsam.

 

*Kunsthaar, waschmaschinenfest bis 30 Grad, aber nicht schleudern und bügeln.

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11 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

11 Antworten zu “Die alte Frau und das Meer

  1. Böse Menschen haben meinem Blog Leid zugefügt, weswegen er jetzt erst einmal geschlossen bleiben muss. Ich hoffe mein Technik-Beauftragter kommt bald aus seinem wohlverdienten Urlaub zurück um ihn zu reparieren.

    • robertweber

      Das habe ich mir schon fast gedacht, wollte Dich aber dennoch darauf hinweisen, weil, man selber merkt das evtl. nicht. Liebe Grüße auch an Katja. Robert.

  2. oz

    Weber, granatenstark!!!

  3. Ich erhöhe. Schööön mit drei ö!

  4. robertweber

    Ich danke Euch drei, wirklich. Mehr möchte ich aber nicht dazu sagen. Mir geht es grade nicht so gut.

  5. Shit. Aber ich sende Dir trotzdem ein gedankliches Kraftpaket! Ganz viele liebe Grüße!

  6. UNBEDINGT! Wer zuerst in der Nähe ist, meldet sich!

  7. „Halt die Ohren steif!“
    Gruesse von der Strasse!

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