Holzfällen

Holzfällen

Wir sitzen am Feuer, für dessen Unterhalt wir einige Stunden vorher mit Äxten in den Wald gezogen sind. Auf den Holzspießen Bratwürste, aus dem Kassettenrekorder Frank Rennicke. Er sei Holzfäller gewesen, bis er wegen den Pollacken seinen Job verloren habe. Die Pollacken seien wieder gegangen, arbeitslos ist er trotzdem geblieben, und ob ich wüsste, dass Hitler beinahe den Krieg gewonnen hätte. Das sei mir neu, meine ich, und beiße ein Stück Wurst ab. Wenn Heß mit Hitlers Geheimauftrag erfolgreich gewesen wäre, hätte sich Amerika mit Deutschland gegen die Bolschewisten verbündet. Doch Churchill wollte einfach keinen Frieden. Dieser verfluchte Churchill. Ob Heß nicht vielmehr Hitler verraten und auf eigene Faust gehandelt habe, meine ich kauend. Britische Propaganda, sagt er mit vollem Mund. Hess sei Hitler immer treu ergeben gewesen, bis zum Schluss, habe Kopf und Kragen für Deutschland riskiert und ich solle nicht alles glauben, was mir diese Geschichtsfälscher vom Schlage Knopp auftischen. Ob ich noch ein Bier haben wolle? Er öffnet die Flasche mit einem Bajonett aus dem 2. Weltkrieg, das er zurück in den Boden rammt. Ich kann grad nicht, sage ich zu meiner Süßen, als das Handy klingelt. Ich sitze grade mit meinem Nazikumpel am Lagerfeuer. Mein Nazikumpel verschluckt sich und ringt nach Luft. Er könne es nicht fassen, wie ich ihn gerade genannt habe. Er nenne mich Bulette, ich nenne ihn eben Nazikumpel, das müsse er ihn Kauf nehmen, wenn er mich Bulette nenne. Er sei vielleicht Deutschnational, aber doch kein Nazi, und ob ich ein Problem damit habe, dass er stolz darauf sei, ein Deutscher zu sein? Er könne sein, was er wolle, sage ich. Dies sei ein freies Land, was es unter Hitler nicht gewesen wäre. Ob ich denn etwa denke, dass auch Hitler ein Nazi gewesen sei, fragt er mich, und jetzt ist es an mir, ein Stück Wurst aus der Luftröhre hervorzuhusten. Hitler sei ein großer Staatsmann gewesen, und als solcher wäre er auch in die Geschichte eingegangen, hätte er den Krieg gewonnen, was er beinahe auch habe. Sicher, er hätte auch menschliche Schwächen gehabt, was man ihm aber nicht verdenken könne. Er habe schließlich die Last eines ganzen Volkes auf seinen Schultern getragen, und wenn dieser verfluchte Churchill nicht gewesen wäre, sähe es heute anders aus. Wie er denn darauf käme, dass er unter Hitler morgens um neun sein zweites Bier auf Staatskosten hätte trinken können? Er wäre doch einer der Ersten gewesen, den man in ein Arbeitslager verfrachtet hätte, so, wie er jetzt lebe. Er köpft sich ein Bier, dass 18te heute. Unter Hitler hätte er Arbeit gehabt, sagt er, und wäre deshalb auch nicht in ein Arbeitlsager gekommen. Aber vielleicht an die Ostfront, sage ich rülpsend. Ohne Churchill hätten wir den Krieg gewonnen, und dann wäre die Ostfront keine Front mehr gewesen, sagt er, und ob ich denn nicht wüsste, dass selbst die Rotarmisten scharenweise zur Wehrmacht übergelaufen seien, weil sie lieber für Hitler und gegen Stalin gekämpft hätten? Verfluchter Churchill. Fast hätten wir den Krieg gewonnen, aber bald sei die Zeit wieder reif, für eine Veränderung. Ich werde schon sehen. Das bliebe jetzt aber unter uns, sage ich, aber ob er mich nicht eine Pistole besorgen könne, etwas zuverlässiges, für das man auch ausreichend Munition bekäme? Wozu ich denn eine Pistole brauche, fragt er mich, und wie ich darauf käme, dass er mir eine solche besorgen könnte. Ihr Deutschnationalen habt doch überall eure Waffenlager, meine ich, und im Falle eines Falles wolle ich vorbereitet sein. Da habe ich auch wieder recht, sagt er kauend. und er werde mal sehen, was er für mich tun kann; aber zunächst müsse er erstmal genügend Holz für den Winter fällen, damit die Frau und das Kind nicht frieren.

P.S. Der Holzfäller arbeitet heute wieder als Waldarbeiter. Er hat sich, zusammen mit einem Polen, selbstständig gemacht.

Der Humor in Brandenburg ist eher bodenständig.

Die Jugend übt sich in Toleranz.

Die Kinder werden mehr so traditionell erzogen.

Dennoch ist man international.

Den Alten ist das wurscht, solange nur die Kneipe früh genug aufmacht.

Glaubts mir oder nicht, ich hab trotzdem Sehnsucht nach dem Dorf in Brandenburg, in dem ich vier Wochen verbracht habe, dank eines privaten Stipendiums (Wohnen frei, Rest selber zu zahlen).

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