Jäger und Sammler

Jäger und Sammler

Die Stadt ist leer, die Menschen sind ausgeflogen. Es ist August, als er an meine Tür klopft. Er sei der neue Nachbar, gerade eingezogen, ob ich ihm morgen früh um sieben helfen könne, die Schrankwand in seine Wohnung zu tragen? Die BSR liefere zwar bis zur Haustür, aber nicht bis zur Wohnungstür und schon gar nicht in diese hinein. Das meiste seiner Erstausstattung könne er selber bewältigen, aber die Schrankwand, das schaffe er einfach nicht. Wenn ich ihm morgen um sieben helfe, die Schrankwand in seine Wohnung zu tragen, so würde er mir das nicht vergessen. Wenn ich mal Hilfe bräuchte, beim Hoch- oder Runtertragen von irgendwas, könne ich auf ihn zählen. Eine Hand wäscht die andere, ist doch so.

Er habe mich durch sein vergittertes Küchenfenster im Parterre beobachtet, und ich schiene ihm ein netter Kerl zu sein, sonst wäre er mit seinem Anliegen nicht zu mir gekommen, wenn er auch nicht wüsste, zu wem er sonst hätte kommen können. Er kenne hier keinen, er käme gerade aus dem Männerwohnheim, wo er in einem Sechs-Bett-Zimmer zusammen mit fünf anderen gehaust habe, anders könne er das nicht bezeichnen. Wenn er sich dort ein paar Bockwürste auf der elektrischen Heizplatte heiß gemacht habe, und kurz auf die Toilette gegangen sei, sei die Wurst hinterher weg gewesen, und gewesen sei es hinterher niemand. Fünf Jahre habe er so gelebt, aber das wäre nun vorbei. Auf schlechte Zeiten folgen gute. Ist doch so.

Die Schrankwand kommt pünktlich, danach trinken wir Bier. Maurer sei er gewesen, in der DDR, nach dem Mauerfall habe man Maurer nicht mehr gebraucht, hinzu kamen Spielschulden und der Alkohol, aber er habe sich immer zu helfen gewusst. Das Geld läge auf der Straße, wenn auch nicht viel, man müsse es nur aufheben. Man müsse im Leben nehmen, was man kriegen kann. Geschenkt wird einem nichts. Ist doch so.

Als die Wohnung eingerichtet ist, hat er vier Fernseher, Elektroherd, Kühlschrank, Waschmaschine und Gefriertruhe doppelt, falls mal was kaputt geht. Das meiste auf der Straße gefunden. Was die Leute so wegwerfen … Alles einwandfrei, sagt er, und klopft auf die Anrichte.

Er kaufe alles auf Vorrat, man wisse schließlich nie, was kommt. Er öffnet einen Kühlschrank, voll gepackt mit Eiern in Zehnerkartons. Eier seien sein Leibgericht, früh, mittags, abends. Spiegelei, Rührei, Bratkartoffeln mit Ei – was wolle man mehr? Im anderen Kühlschrank ist Bier, im Hängeschrank stapeln sich die Kaffepackungen, falls mal jemand zu Besuch kommt. Auch die Kühltruhen habe er schon vollgemacht, voll mit Fleisch. Fleisch sei seine Leibspeise, morgens, mittags, abends, und er wisse schließlich aus Erfahrung, wie das ist, nichts im Kühlschrank zu haben. Im Wohnheim hätten sie einem immer alles weg gefressen, und ob ich mal seinen Vorrat an H-Milch sehen wolle? Man muss sehen, wo man bleibt. Ist doch so.

Zum Geldverdienen hat er sich einen Baumarkteinkaufswagen umgebaut. Einen Holzverschlag darauf gezimmert und schwarz-rot-gold angepinselt, wegen der WM. Er hätte sich nur vor die Fanmeile zu stellen gebraucht, und die Leute hätten ihm das Geld in den Verschlag geworfen, in Form von Flaschen. Während seine „Kollegen“ die Ausbeute eines Tages in mühevoller Kleinarbeit abstoßen müssten, habe er seine Geschäftsbeziehungen. Supermarkt, Liefereingang. Den Filialleiter begrüße er mit Handschlag. Ob ich mal sehen wolle, was er an einem Tag während der WM zusammengesammelt hätte? Und er zeigt mir Pfandquittungen über etwa 150 Euro. Ein guter Tag, aber das gäbe es selten, nur während der WM. 20 Euro, manchmal 50, das sei der Schnitt, im Winter gar nichts, aber Kleinvieh mache schließlich auch Mist. Ist doch so.

Jeden morgen um sechs steht er auf und bereitet sich auf seine Tour vor. Zeitung lesen, wo was geht, und dann los. Karneval der Kulturen, Berlin Marathon, solche Eckdaten habe er natürlich im Kopf, aber alles könne er sich auch nicht merken, und vieles bekommt man nicht mit. Früher Vogel fängt den Wurm. Ist doch so. Dafür habe dann am Nachmittag schon Feierabend.

Was er denn mit dem ganzen Geld anfange, frage ich, grob überschlagend und die Grundsicherung hinzuzählend. Er habe schließlich eine Frau zu versorgen, die Evelin, sagt er. Die habe er nachts betrunken auf einer Brücke kennen gelernt und mit nach Hause genommen, und dann sei sie nicht mehr gegangen. Evelin kommt aus Österreich, und ohne festen Wohnsitz kein Hartz IV. Anmelden ginge nicht, sonst würde ihm das seine gekürzt, also die Miete. Wissen dürfe das aber keiner vom Amt, und das mit den Flaschen sowieso nicht.

Wie sich das alles so fügt, sagt er. Noch vor zwei Jahren im Männerwohnheim, zu sechst auf einem Zimmer, immer die Bockwürste weg, wenn er mal kurz auf dem Klo war, und heute habe er eine eigene, voll ausgestattete Wohnung mit Frau darin.

Ach, haben wir’s nicht gut, sagt er. Jeden Tag ist Weihnachten. Ist doch so. Und er schenkt noch einen Schnaps nach.

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