R.I.P. 05.11.2011

Ich weiß gar nicht mehr, wann Dietrich in mein Leben getreten ist. Er kannte mich jedenfalls länger, als ich ihn, war er doch Stammgast bei den Surfpoeten, zu denen er auch irgendwann seinen Freund Taxi Berlin mitschleifte, der bald darauf am offenen Mikrophon auftrat. Zu der Zeit hatte ich auch noch meine regelmäßige Radio-Voodoo Sendung, und ob ich wollte oder nicht, Dietrich und Taxi Berlin standen jeden Sonntag mit Bier, Esswaren und einem Flachmann vor der Tür des Sendestudios in der Lottumstraße. Wehren wäre bei Dietrich vergeblich gewesen, Radio Voodoo hatte ich ohnehin immer als offen für alle propagiert, und so fügte ich mich in mein Schicksal, was dazu führte, dass ich plötzlich zwei Co-Moderatoren an der Backe hatte. Dietrich konnte anstrengend sein und was er über den Äther schickte, war meist unverständliches, wirres Zeug. Da jeder das tun sollte, was er am besten kann, machte ich seinerzeit den Vorschlag, genau diese Verquastheit als Kolumne zu kultivieren, ein Vorschlag, der von Dietrich sofort begeistert aufgegriffen wurde. „Das Wort zum Montag“ war geboren. Meine beiden neuen Mitstreiter und ich luden uns regelmäßig gegenseitig zum Essen ein und es dauerte nicht lange, da habe ich sie als Freunde bezeichnet. Vor etwa einem halben Jahr brach Dietrich auf der Straße zusammen und wurde ins Krankenhaus eingeliefert, Fettleber, angegriffene Bauchspeicheldrüse, seitdem war er trocken und konsumierte statt Schnaps Unmengen Cola. Bei unserem letzten Wiedersehen, wir trafen uns bei Taxi Berlin zu bulgarischer Küche, redete er davon, sich einweisen zu lassen. Seine Depressionen könne er, trotz Medikamente, nicht mehr in den Griff bekommen. Vor zwei Wochen war es dann soweit. Gestern wollten wir ihn in der Psychiatrie besuchen, erhielten aber unterwegs einen Anruf, Dietrich sei morgens in den Wald gegangen und seitdem nicht mehr aufgetaucht. Besuch von fünf Leuten bei einer schweren Depression zu bekommen, so meine Überlegung, wäre vielleicht doch etwas viel für ihn und vielleicht wolle er einfach nur seine Ruhe haben, so wäre es jedenfalls mir gegangen. Wir drehten um, ohne zu wissen, dass Dietrich bereits tot war. Er hat das Leben nicht mehr ausgehalten und sich entschieden. Wir werden ihn sehr vermissen.

Advertisements

14 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

14 Antworten zu “R.I.P. 05.11.2011

  1. Schade find ich Scheiße.

    • robertweber

      „Scheiße!“ wär besser gewesen.

      • Wenn jemand freiwillig aus dem Leben scheidet muss man das, meiner Meinung nach, auch akzeptieren. Ihm dann noch ein „Scheiße!“ hinterherzubrüllen klingt zwar vielleicht „härter“ aber…, obwohl, wenn es dir (euch) hilft damit klarzukommen, ist es natürlich auch okay. Schade ist übrigens ein Wort des Bedauerns aber das kann man natürlich auch Scheiße finden, dass das jemand bedauert.

  2. Ein Mensch ist zu Tode gekommen und unabhängig davon WIE ist SCHADE als Reaktion darauf unangemessen und Ausdruck schlechten Geschmacks.

  3. robertweber

    So, wie ich Ahne kenne, hat er es so oder so sicher ehrlich gemeint: Als Ausdruck des Bedauerns. Wir beide finden das sicher unangemessen, aber müssen das auch nicht anderen, die Dietrich nicht so gekannt haben, auch nicht vorwerfen. Andererseits: Ein Kommentar wie: Stein ist tot, das ist ja schade, wäre vielleicht selbst Ahne übel aufgestoßen, aber das muss er selbst wissen (ob dann „Scheisse“ angebracht wäre, eine andere Frage). Er hatte, wie gesagt, nicht den Bezug zu Dietrich. Lasst die Toten in Frieden ruhen und die Lebenden in Frieden leben.

    • a good friend

      dietrich war ein sehr feiner mensch und ich lasse nichts auf ihn kommen. ich selber kannte ihn mehr als fuenf jahre.
      wann immer ich jemanden zum zuehoeren brauchte, war er da.
      ich selber bin noch immer sprachlos und keiner kann es begreifen.
      wir haben uns in kleiner runde getroffen und darueber gesprochen. fuer alle ist es unvorstellbar, dass er gegangen ist.
      ich wuensche ihm von herzen, dass er da, wo er jetzt ist, seinen frieden gefunden hat.
      alkohol und zigretten, das war dietricht. wir waren so stolz auf ihn, dass er es geschafft hat, den alkohol hinter sich zu lassen.
      alter freund, ruhe in frieden.

  4. Pingback: Ahne » Blog Archive » Das geht uns alle an

  5. eine sehr traurige nachricht, auch wenn ich dietrich in den letzten jahren kaum noch gesehen habe – immerhin liegen hunderte von kilometern zwischen frankfurt und berlin – geht mir sein tod sehr nahe.

    machs gut

    • hanf

      Dietrich traf ich eines melancholischen Abends – Anfang der 1990er Jahre – „Schuld und Sühne“ lesend, ein Tierkopfskelett und eine Kerze auf dem Tisch stehend – in seinem Zimmer an. Uns entwuchs die Idee seinen Selbstmord zu fotografieren.
      Leider brach unser Kontakt ab.
      Mein Mitgefühl für alle seine Freunde!
      Ruhe in Frieden, lieber Freund Dietrich!

  6. Jörg Degenkolb-Degerli

    Habe gestern von Dietrichs Tod erfahren. Wir haben Mitte der Neunziger hier in Wuppertal das Abi nachgemacht. Auch gezecht haben wir zusammen. Nachdem er mir mal gesagt hatte, dass er unbedingt wissen wolle, wie es ist, einen Menschen zu töten, war er mir zu viel. Verblüfft hat er mich damit, als er innerhalb von ungefähr einer Woche einen kompletten Roman getippt hat. Ich glaub, in irgendwelchen Kartons hab ich sogar noch das Manuskript. Meine Meinung dazu war ihm wichtig. Die negativen Erinnerungen an ihn überwiegen aber leider. Dafür sind die positiven richtig klasse. Bei der Abi-Feier hat er in Strapsen zu Marlene Dietrich getanzt. Haha. Ich behalte ihn in Erinnerung.

  7. ein Freund

    Ich wünsche ihm einen ruhigen Frieden…
    Das tut mir wirklich sehr leid!

  8. Nicole M.

    Leider begegnete ich – eine ehemalige Freundin Ende der neunziger Jahre/Wuppertal – dieser Nachricht erst gestern.
    Und zuletzt besuchte ich Dietrich
    in Frankfurt Anfang 2000.
    Ich erinnere an vieles:
    beispielsweise an eine alte Kassette von der Band: „Automatic“ und dem Song „Half Way To Crazy“,
    an einen gemeinsamen Urlaub auf den Masuren und einer besonderen Kanufahrt
    und auch an ein gemaltes Bild aus Paris (Momatre) von ihm und mir.
    Hiermit tief bewegte, traurige und
    liebe Grüße, N.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s