Studentenfutter – Nichts für Weicheier

Du bist zu alt für Studentenfutter. Zumindest flüstert mir das mein derangierter Backenzahn mit einem hässlichen Knirschen zu. Es ist der rechts unten, ganz hinten, mal sehen, was Dr. Schneider dazu sagt. Der sieht mich auch nur, wenn wieder mal was abgebröckelt ist, aber Dr. Schneider ist cool. Der versteht das. Sagt schon seit Jahren, dass das alles nicht mehr lange gut geht, mit dem Uraltamalgam aus den Siebzigern, aber nie mit Vorwurf. Sagt auch nie, ich solle öfter zum Nachschauen kommen, prophylaktisch. Prophylaxe, macht er wahrscheinlich selbst nicht. Halst sich auch nicht mehr Patienten auf, als unbedingt nötig. Dr. Schneider legt Wert auf geregelte Arbeitszeiten für sich und seine Angestellten und er hält sich an seine Termine. Dr. Schneider. Guter Mann, sehr zu empfehlen. Auch Dr. Kromer (Haut), Dr. Kresse (Augen) sowieso, Dr. Golombek (Psyche) ist ok, Dr. Törne (Sonstiges) nur in Notfällen. Im Alter braucht man ja immer mehr Ärzte.

Ich bin zu alt, nicht nur für Studentenfutter, zu alt auch für für zerstrittene Paare. Ich finde das erschütternd. Man hat sich geliebt, geschwängert und jetzt nur noch fauchen. Beim kleinsten Anlass. Muss doch nicht sein, oder doch? Zu alt auch für das Kind, das sich schreiend auf den Boden wirft, weil man es kurz auf die Seite stellt, damit man durchkommt, mit der Leiter. Oder das sich hinter einem aufbaut und sich dann wundert, wenn man es umwirft, mit dem Arsch. Ist nichts passiert, geschrieen wird trotzdem. Die Kleine schreit wie Oskar, also noch etwas Übung und sie kann meine Brillengläser kaputtschreien, obwohl die mit dem Alter auch immer dicker werden. Vielleicht hat die Frequenz der Kinderschreie aber ausgereicht, um meinen Zahnschmelz zu schädigen, oder dem Amalgam aus den Siebzigern den Rest zu geben, wer weiß. Das sei die Trennung, und der Umzug, und das Neue, die noch nicht ausgepackten Kartons in der Wohnung, der Hustensaft, der auf der Zunge brennt, das hin- und her vom Vater zur Mutter und wieder zurück … Ich bin zu alt für eigene Kinder, aber auch für die der anderen. Wenigstens das.

Du siehst gar nicht so alt aus, wie du bist, sagen einige, andere dagegen: Schon. Dritte wiederum meinen, dass sei doch scheißegal, wie alt man aussehe, weil, da könne man eh nichts gegen machen. Auch wieder wahr. Wieso sehe ich in den Spiegel und frage mich: Bin ich so alt, wie ich aussehe oder werde ich so alt, wie ich mich fühle? Ich hoffe nicht. Anzeichen einer schweren Midlife-Krisis, wofür eigentlich schon zu alt bin. Vor zehn Jahren hätte ich das noch verstanden, aber jetzt? Im Herbst meines Lebens?

Und wieso will eigentlich plötzlich jeder mit mir Kaffee trinken gehen? Vermutlich liegt auch das am Alter. Mit dem Weber, da sollte man eigentlich noch mal Kaffee trinken gehen, bevor er unter der Erde, bevor es zu spät ist. Klar, sage ich. Jederzeit. Ich hab Zeit, im Alter hat man Zeit. Du bist ja noch jung, und dazu noch mit Kindern, beruflich eingebunden sowieso. Ich bin ja mehr oder weniger Teilzeitrentner, also jederzeit, was mich angeht, was Dich angeht, ist’s ja eng, mit der Zeit. Versteh ich. War früher nicht anders, bei mir, als ich noch jung war. Frauen, Termine, Zukunft, alles passé. Die Vergangenheit angefüllt mit verpatzten Gelegenheiten, zerbrochenen Freundschaften, nicht erwiederter Liebe und toten Weggefährten. Also ruf einfach an, wenn Du Zeit hast, locker einfach mal so quatschen, über dieses und jenes, einfach mal Spaß haben, klar, warum nicht – und ich weiß, der Anruf, der kommt nicht. So ein Anruf kommt nie.

Dabei hätte ich Zeit. Man braucht ja auch immer weniger Schlaf, mit dem Alter. Fünf Stunden, die reichen mir völlig. Ich geh um eins ins Bett und wache um sechs wieder auf. Warte, bis das Sonnenlicht die Schornsteine gegenüber erreicht hat und dann steh ich auf. Sitze meine Zeit ab, bis es dunkel wird. So ein Tag ist ja wie ein anderer. Man steht auf, wartet, bis es dunkel wird, bis es Nacht ist, hofft auf einen frühen Schlaf und darauf, dass der Zahn nicht anfängt, zu schmerzen. Am Samstag, da arbeitet auch ein Dr. Schneider nicht.

Antifaltencreme, Koffeinshampoo, Vitamine für Menschen ab 50, Schmerztabletten. Ein Steak sollte man essen, mit viel Vitaminen, stattdessen wird die Rinde vom Toastbrot geschnitten. Dosensuppe statt Bratkartoffeln. Rührei geht auch, und Bananen.

Ein weiterer Zahn, der mich verlässt. Und dann noch einer, bis keiner mehr übrig ist. Bis man sich zahnlos im Spiegel gegenüber steht, hineinstarrt in ein unreflektiertes, unerfülltes, nutzloses und vergeudetes Leben, auf einen Anruf wartet, der nie kommen wird, das Telefon nur noch für den Notruf Verwendung findet, das Fernsehen die sozialen Kontakte endgültig ersetzt und ein Sexualleben nur noch in einer immer weiter verblassenden Erinnerung stattfindet.

Über so was sinniert man nach, im Alter, wenn einem der Zahn abbricht, wegen eines unbedachten Griffes zum Studentenfutter, der Aufdruck eine Warnung an sich, eine Mahnung allemal. Studentenfutter ist nichts für Weicheier, auch nicht das Alter. Kein Wunder, wenn man darüber depressiv wird.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

2 Antworten zu “Studentenfutter – Nichts für Weicheier

  1. Sandra

    „Traurig wenn wir einsehen müssen, das unsre Jugend schal verfolg. Das alle Wünsche die uns keimten, die Ideale die wir träumten, der Reihe nach zerflattert sind, wie welkes Laub im Wirbelwind.“…..usw……
    -Alexander Puschkin-
    Is mir dazu mal eingefallen. Ich halt mich übrigens auch fern von Nüssen.
    Lieben Gruß und schönen Sonntag, Sandra

  2. Mehr Träume haben, als die Realität zerstören kann, das ist der Trick.

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