Verfluchte Hexen

Seit gestern habe ich einen Hexenschuss. Der zweite in meinem Leben. Der Erste war schlimmer, aber der hier ist schlimm genug. Mit einem Hexenschuss fühlt man sich so alt, wie man ist. Jammernd und ächzend fasst man sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit, am besten, wenn’s jemand sieht, ans Kreuz und verzieht schmerzhaft das Gesicht. Ein dezentes Humpeln macht sich dabei auch gut. Normalerweise müsste sofort ein leichtbekleidetes, junges Mädchen herbeieilen, mich unter den Arm nehmen und fragen, ob sie mich über die Straße bringen soll, oder besser noch, gleich nach Hause.

Früher war das gang und gäbe, da hätte man sich in solch einer Situation gar nicht mehr retten können, vor lauter jungen, leichtbekleideten Mädchen, die einen über die Straße bringen wollen, aber der Generationenvertrag ist aufgelöst, Rente mit 63, bitte sehr, dann seht aber auch selbst zu, wie ihr klar kommt.

Auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ächzt, unter den Pensionen seiner Angestellten. Mir wäre es ja lieber, er würde unter der Honorarlast der freien Autoren ächzen, oder zumindest etwas von dem Überschuss, erzielt durch die neue Gebürenverordnung, an sie verteilen. Gekürzt, und das nicht zu knapp, wurde schließlich, in Schmalhansens Zeiten, auch über Gebühr.

By the way: Ächzen ist ein komisches Wort. Es kommt von „Ach“ und ist die Steigerung von Seufzen, „das geräuschvolle, manchmal mit einem kehligen Knacklaut verbundene Ausatmen eines Menschen, wobei sich in der Regel die Frequenz des Tons etwas senkt. Diesem geht in der Regel ein tieferes Einatmen voraus.“ (Wikipedia)

Überhaupt läuft grade alles schief. Meine Anfragen werden totgeschwiegen, mein Kontostand sackt ins Bodenlose, mein Interesse an Frauen begnügt sich aufs anschauen und der einzig verbliebene Freund fällt mir fortwährend in den Rücken.

So seufze ich mich denn mit kehligen Knacklauten durchs Leben, ächze über Straßen, deren Ampeltaktung für Männer meines Alters zu kurz ist, um noch bei grün hinüber zu kommen, steige jammernd die vier Stockwerke zu meiner Einzimmerwohnung empor, in der ich zweifellos  sterben werde, um mich fluchend aufs Sofa zu werfen, welches den Hexenschuss, der Wahrscheinlichkeit halber, verursacht hat.

Aber ich will nicht klagen. Gott hasst Weicheier. Verfluchte Hexen.

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