20 Jahre Pi-Radio – Kein Grußwort.

Alles war genauso, alles war ganz anders. (David Wagner)

Solange es Pi-Radio in Berlin gibt, solange lebe ich auch hier. Mir ist das erst jetzt aufgefallen. Irgendwann hört man auf zu zählen oder fühlt sich so, als hätte man schon immer hier gelebt. Zumindest mir geht das so.

Gekommen war ich, um irgendwas mit Film zu machen, wie die meisten Schwuchteln, die in den 90igern nach Berlin gezogen sind. Gelandet bin ich beim Radio, was vermutlich an meiner Hackfresse liegt, die kann man dort wenigstens nicht sehen.

Jetzt also, 20 Jahre später, die Anfrage, ein Grußwort zu verfassen, im Namen von jemandem, der seit acht Jahren tot ist. Nicht, dass es Stein gestört hätte, wenn ich Texte unter seinem Namen veröffentlichen würde – es gibt kein geistiges Eigentum, pflegte er zu sagen – aber mich, mich stört es schon. Man soll die Toten ruhen lassen, alles andere kann üble Konsequenzen haben, wie man an der Zombieepidemie 2010 sehen konnte. Von den Medien natürlich vertuscht, gedeckelt, totgeschwiegen. Die Eingeweihten wissen, wovon ich rede, alle anderen sollten den Zombie Survival Guide lesen. Ich meine Ebola – glaubt irgendwer diesen Scheiß?

Stein jedenfalls, maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich heute mein Geld im Radio, genauer, mit Hörspielen verdiene, Stein lernte ich bei der Reformbühne kennen, die damals noch im Schokoladen gastierte. In den ersten Monaten, in denen ich dort regelmäßig aufschlug, hielt ihn für einen Running Gag, ein Phantom, ein Hirngespinst, denn er war nie da aber es wurde ständig von ihm geredet und als er eines Tages tatsächlich vor mir stand, war es Liebe auf den ersten Blick.

0214vodoo_07So moderiert man Freies Radio.

Wir hatten die gleichen Interessen – Alkohol und Kiff, wir hatten die gleiche Vorliebe für psychisch gestörte Mädchen und wir liebten es beide, Leute vor den Kopf zu stoßen und das unglaublich witzig zu finden. So dauerte es auch nicht lange, bis Stein im Schokoladen Hausverbot erhielt, weil er die weiblichen Tresenkräfte als frigide Kampflesben bezeichnete, vielleicht auch als etwas anderes, aber es ging in die Richtung. Danach trug er seine Texte vor der Tür vor. Man reichte ihm das Mikro durch einen Fensterspalt nach draußen und fortan konnte man ihn nur noch hören, aber nicht mehr sehen. Radio eben.

IMG_0540So wäre Stein beim Bachmannpreis aufgetreten, vermutlich.

Ähnlich erging es ihm bei der Radio Fritz Sendung Blue Moon, die er mit Wiglaf Droste moderierte. Er hatte den Chefredakteur als Schwuchtel, Nazischwuchtel oder Judenfotze beschimpft, On Air natürlich, und das war dann seine letzte Sendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Vielleicht hat er auch jemand ganz anderen beschimpft, vielleicht auch mit anderen Worten, aber es ging in die Richtung. (Wer es ganz genau wissen will: http://blogs.taz.de/schroederkalender/2007/10/30/michael-steins-rote-raupen/)

Stein war das egal. Er war ein Radiomann durch und durch, Old-School, nicht so wie heute, wo sich jeder an seinen jämmerlichen Posten klammert oder nur noch auf die Pension wartet, was im Übrigen der wahre Grund für die Zwangsabgabe ist, die Scheiß-Pensionen. Stein jedenfalls war der Rauswurf egal. Ohnehin war ihm alles suspekt, was ihm Geld brachte, weil das an Bedingungen geknüpft war und an Verhaltensregeln, Höflichkeitsfloskeln.

Stein hatte immer die verrücktesten Projekte im Kopf, für die er mich zu gewinnen suchte. Meistens schaffte er es. Ladendetektive in einer Biogenossenschaft sollten wir sein, leider ist nichts draus geworden. Oder Qualitätskontrolleure beim Job-Center, auch das kam nicht über die Planungsphase hinaus. Eine Zaubershow – immerhin, die hatten wir tatsächlich. Und Radio natürlich, Piratenradio, mit dem Fernsehturm als Sendemast, dafür brauchten wir Jero, der sollte uns den Sender zusammenbauen und die Technik schmeißen. Muss ich erwähnen, dass auch dieses Projekt scheiterte?

IMG_3899Jero, eines der wenigen, existierenden Fotos von Bigfoot.

Radio sollten wir dennoch machen. Ein Titel für unsere Sendung war schnell gefunden, Radio Voodoo, weil Stein sich gerade mit schwarzer Magie und eben auch Voodoo beschäftigte. Pi-Radio hatte damals begonnen, sich um Sendefrequenzen zu bemühen. Das ging nur über den sogenannten Veranstaltungsfunk, also immer auf einen bestimmten Zeitraum befristet und unter dem Deckmantel irgendeines soziokulturellen Projektes. Hip-Hop-Sommerradio sollte das erste sein, es wäre, dank Stein, auch beinahe das letzte gewesen. Das Hip-Hop-Sommerradio sollte eine Art Werkstatt darstellen, mit der man Jugendlichen das Radiomachen nahebringen wollte, das war zumindest der Vorwand um an eine Frequenz und Fördergelder zu kommen. Mit an Bord auch die Volksbühne, die einen Raum für das Studio stellte. Es war einer der ersten Sendungen und Stein beschimpfte den Intendanten, also Frank Castorf, als kinderfickenden Juden oder jüdischen Kinderficker, On Air natürlich und die Volksbühne wollte uns den Laden sofort dichtmachen. Das konnten wir nur verhindern, indem wir uns im Studio verrammelten bis es irgendjemand schaffte, die Sache wieder gradezubiegen. Vielleicht war aber auch alles ganz anders, aber es ging in die Richtung.

hörfoto3-1Juniradio, Votzentelekom.

Das zweite Mal, als Stein beinahe ein ganzes Veranstaltungsradio zum Platzen brachte, war das Projekt Juniradio. Wir saßen in irgendeinem Backsteingebäude unweit des Straßenstriches und Stein beschimpfte die Telekom als Votzenverein. Vielleicht kamen auch Nazischwuchteln und Kinderficker in seiner Tirade vor, jedenfalls klingelte sofort das Studiotelefon und irgendein hohes Tier der Telekom war in der Leitung. Die Telekom war Sponsor von Juniradio, in welcher Form weiß ich nicht mehr so genau. Irgendwas mit Technik, ohne die es nicht ging. Jedenfalls konnten sie uns abschalten, was sie auch wollten. Keine Ahnung, wie ich das hingebogen habe, wahrscheinlich durch Arschkriecherei.

Es folgten Reboot FM, Funkwelle, Herbstradio, Radio Einheit und wie die Reihen sonst noch alle hießen. Am Schluss einfach nur noch Pi-Radio. Stein war der Aufwand, jedes mal für eine Sendung ins Studio zu kommen, zumal noch Sonntags Mittag, zu groß geworden. Wir vereinbarten also Telefonreportagen. Legendär sind seine Kommentare zum Spiel BFC-Dynamo gegen Türkieymspor. Die Spieler des türkischen Vereins trugen natürlich grüne Trikots, damit man sie auf dem Rasen nicht so gut sehen konnte und wurden, als Quittung für diese Heimtücke, von den Dynamofans mit Dönern bombardiert. Ein einziges, radiophones Schlachtfeld.

Stein starb, ich machte weiter. Neue Leute kamen an Bord: Karsten Krampitz, Claudia Mair, Helene Hecke, Ahne, Oz, Taxi Berlin und Dietrich Werneburg. Die beiden Letzteren standen eines Sonntags mit einem Fass Bier, einer Schinkenplatte und Soleiern vor der Tür – ich hatte jede Sendung die Hörer dazu aufgerufen, Bier und Brotzeit vorbeizubringen – und von da an kamen sie jede Woche.

IMG_4105Radiobrunch bei Radio Voodoo.

Auch Dietrich ist inzwischen gestorben, freiwillig, 2011, und mit zwei Toten wollte ich die Sendung nicht mehr fortführen. Ohnehin war der Termin, der mir auf der inzwischen fest eingerichteten Frequenz 88,4 von Pi-Radio angeboten wurde, für das Format Radio Voodoo nicht mehr geeignet, und ich schlug eine Filmsendung vor, was dankbar angenommen wurde.

IMG_7086Das letzte Radio-Voodoo-Team. Mittig Dietrich Werneburg.

Trashfilm – Die Radioshow hatte mehr Tiefen als Höhen. Ich verschliss meine Co-Moderatoren zu gefühlten Dutzenden. Zuletzt Karsten Krampitz, weil ich darauf beharrte, dass Leni Riefenstahl Kunst gemacht hätte und sie mit Erich Kästner verglich, der ja auch unter den Nazis Drehbücher verfasst hatte, Baron von Münchhausen war wohl sein bekanntestes aus der Zeit. Karsten jedenfalls. Er schrie, er geiferte, Schaum stand ihm vor dem Mund. Unter den Nazis sei niemals Kunst entstanden und das mit Erich Kästner sei ja wohl etwas völlig anderes gewesen, der hätte ja von irgendwas leben müssen und dies sei seine letzte Sendung mit mir gewesen, weil, wir seien ja wohl alle Nazis, Oz mal ausgenommen, und das war’s dann.

IMG_4061Karsten Krampitz. Krüppel aus dem Sack.

Heute mache ich die Sendung mit Dirk Knieriem und wechselnden Gästen. Freies Radio macht mir immer noch Spaß, wenn auch die wilden Zeiten von früher vorbei sind. Radio Voodoo im Rahmen des Verantaltungsfunks war immer mein persönlicher Höhepunkt des Jahres. Ich erinnere mich gerne daran, wenn auch nicht immer richtig. Der Eine oder Andere wird’s gemerkt haben.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum. Wir sehen uns auf der Party.

zirkus

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4 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

4 Antworten zu “20 Jahre Pi-Radio – Kein Grußwort.

  1. @Robert: Schöner (und trauriger) Text, danke :-) Deine Tätigkeit beim Freien Radio in Berlin habe ich in meinem Artikel für das Würzburger „KulturGut“ letztes Jahr glatt unterschlagen, wofür ich mich hiermit selbst tadele (Die Zeitschrift wurde übrigens mittlerweile eingestellt).

    So wie du ihn darstellst, scheint „Stein“ ja unter einer Art Tourette-Syndrom gelitten zu haben (was ich als reichlich mit nervösen Tics und gelegentlichem Stottern … äh … „Gesegneter“ recht gut nachvollziehen kann).

    Beste Grüße nach Berlin sendet

    Stefan

  2. robertweber

    Danke Dir, Stefan. Das Du das unterschlagen hast, ist überhaupt nicht schlimm und erst recht nicht wichtig. Stein litt nicht unter Tourette, er war nur oft betrunken.

  3. Marcel

    schönes bild von karsten. text gefällt mir auch.

  4. @Robert: Schon klar – aber das Eine schließt das Andere nicht aus. Es soll ja vorkommen, dass der Suff andere, vermeintlich „peinlichere“ Probleme unkenntlich machen soll. Ich kannte „Stein“ nicht. Einiges an seinem anarchischen und erratischen Verhalten erinnert mich allerdings von Ferne an Martin Kippenberger selig (den ich auch nur aus zweiter Hand kenne).

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