Raketenautos und Tulpenzwiebeln #1

Chronik

02.01.2016.

13:12 Uhr. Und noch mal: Ich bin Schriftsteller, ich bin Vortragskünstler, Autobiograph, Fotograf, Workshopleiter, Journalist, Stadtführer und Weihnachtsmann. Die Künstlersozialkasse hat einfach überhaupt keinen Begriff von dem, was ich hier leiste, und das Jobcenter schon gar nicht. Die einen feuern, die andern wollen vermitteln. Was glauben die, wen sie vor sich haben?

04.01.2016

10:02 Uhr. Mist, schon wieder den Schädel an der Decke angeschlagen. Ich könnte heulen vor Wut, nein, ich heule sogar vor Wut. Wie oft muss mir das noch passieren? Warum habe ich das verfluchte Hochbett 1991 nicht 5 cm tiefer gelegt? Setze mich frustriert an den Frühstückstisch. Es gibt Kartoffelsalat von vorgestern, dazu aufgewärmten Coffee to go. Entsetzliche Armut, die mich sogar privat betrifft.

11:37 Uhr. Setze mich an mein Stehpult und beginne das 1. Kapitel meines neuen Romans: „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“. Gucke dabei „Im Tal der wilden Rosen, Prüfung des Herzens“ auf ZDF, telefoniere gleichzeitig mit einem potentiellen Verleger für das neue Projekt und twittere nebenher diesen Post. Was bin ich doch für ein Tausendsassa. Fleißig wie eine Biene, das kann ich sogar belegen. Mir völlig unverständlich, weshalb sich kein Verleger mehr bereit findet, etwas von mir zu veröffentlichen. Das letzte Mal vor einem halben Jahrzehnt. Die Chronik der Vivantes-Kliniken. Das wurde gedruckt, in 10.000er Auflage, leider kurz danach wieder eingstampft. Diese Faschisten haben mich vor Gericht gezerrt, dabei konnte ich eindeutig belegen, dass kein einziges Wort von mir stammt. Außerdem, was glauben die eigentlich, woher meine Motivation kommen soll? Als ich drei Monate vor dem Abgabetermin mit der Arbeit begonnen habe, waren die 20.000 Vorschuss doch schon längst verbraten. Ich sag’s noch mal: Faschisten, allesamt.

11:40

Das erste Kapitel ist fertig. Äußerst vielversprechend: „Die Tulpe ist von der Form her eher rundlich, das Raketenauto sieht aus, wie eine Mohrrübe, bloß in Silber.“ Na, wenn das kein Burner wird. Jetzt aber los, habe um 11:50 einen Termin in Oranienburg.

15:10

Mein Interviewpartner zum Thema „Gaskammern in der DDR“ war natürlich schon weg. Auf dem Rückweg in der S-Bahn angerempelt worden. Schon wieder ein Mordversuch. Hört das denn nie auf?

21:30

Auf einer Skala von 1 bis 10 geht es mir einfach beschissen. Habe wieder angefangen, zu rauchen. Wenigstens bin ich diszipliniert genug, das nur im Kühlschrank zu tun, wegen der Kinder.

10.01.2016, 13:33 Uhr.

Mein 28igster Spendenaufruf hatte nicht den gewünschten Erfolg. Das reicht grade mal für ein Essen im Borchardts. Ich muss meine hoffnungslose Situation noch mehr dramatisieren.

18:02 Uhr

Ich hab nur noch verschimmeltes Toastbrot und grünstichigen Bierschinken im Kühlschrank und nachher kommen die Kinder. Kann man das noch essen? Für die Kinder wird es reichen. Die sind in dem Alter noch nicht so anspruchsvoll und der Rauchgeschmack wird’s schon überdecken. Schabe alles ab, so gut es geht. Leben ist das nicht.

20:13

Mein Hodenbruch macht mir zu schaffen. Immerhin.Volleyball geht noch.

 

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter scheinwelt

Eine Antwort zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #1

  1. Klingt irgendwie zu ausgedacht.

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