Raketenautos und Tulpenzwiebeln #7

27.01.2016 – 10:25 Uhr

Gramgebeugt quäle ich mich mit ächzenden Knochen aus meiner durchgelegenen Matraze, die ich in jungen Jahren von der Straße aufgelesen und seither nicht mehr weggegeben habe. Ich kann mich überhaupt schwer von etwas trennen, was meine Wohnung nicht gerade geräumig gestaltet. Als wären die niederschmetternden Nachrichten der letzten Tage nicht schon schlimm genug, quält mich nun auch noch eine verdalemeite Grippe, aber eins nach dem anderen.

Zum Frühstück gönne ich mir Haferflocken, aus denen ich mühsam die Lebensmittelmotten herausklaube und die dazugehörige Milch schmeckt auch schon leicht säuerlich, doch sind das derzeit meine geringsten Sorgen. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat mein Stipendium für „Widerstand im Dritten Reich am Beispiel von Hermann Göring“ nicht nur abgelehnt, sondern dem Schreiben auch gleich eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung beigefügt. Volksverhetzung! Das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das ausgerechnet mir! Pazifist der ersten Stunde, Kämpfer wider das Vergessen, aktiver Unterstützer der bolschewistischen Volksfront, es ist einfach nicht zu glauben.

11:02 Uhr

Habe mich einigermaßen gesammelt und die Niedergeschlagenheit ist dem Zorn gewichen. Was bitteschön ist denn die Aufgabe des seriösen Journalisten? Die Thesen zweifelhafter Historiker wie Knopp und Fest nachzuplappern? Beileibe nicht. Es geht doch nicht um moralische Zuordnung, sondern um Fakten.

Fakt ist, dass Göring mit der Einberufung der Münchner Konferenz den 2. Weltkrieg um ein Jahr verzögert hat, und damit tausenden das Leben rettete. Fakt ist, dass er über 4000 Kunstwerke aus den besetzten Gebieten in Sicherheit hat bringen lassen und damit vor der Verschleppung und Zerstörung bewahrte. Fakt ist, dass er beim Angriff der alliierten Luftstreitkräfte auf deutsche Städte die Luftwaffe bewusst am Boden gelassen hat und damit Hitlers erfolgsversprechende Verteidigungsstrategie aktiv sabotierte. Fakt ist, dass er die Wende im Russlandfeldzug einleitete, letztlich auch das Ende des 2. Weltkrieges, indem er sich weigerte, eine Luftbrücke einzurichten, um die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee zu versorgen. Sicher, letztgenannte Beispiele haben Zig-Tausenden das Leben gekostet, aber wie Göring bei den Nürnberger Prozessen selbst sagte: „Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit Blut begossen werden.“ Fakt ist schlussendlich auch, dass er eine Woche vor Kriegsende versucht hat, Hitler zu entmachten und dafür auf dem Obersalzberg unter Arrest gestellt worden ist.

Für seinen Widerstand im Dritten Reich hat Göring mit seinem Leben, mehr noch, mit seinem Ansehen bezahlt. Wurden nach dem Krieg Schulen, Straßen oder Plätze nach ihm benannt? Nein. Aber einen Geschwister-Scholl-Platz gibt es, nur, weil zwei Hippies ein paar lausige Handzettel verteilt haben. Was für ein Hohn.

12:33 Uhr

Wage einen Blick in den Spiegel. Mir bietet sich ein erschreckender Anblick. Mein einst so wallendes, blondes Haupt ist über Nacht schütter und weiß geworden. Jedes graue Haar heißt Rosa Luxemburg.

12:55 Uhr

Der Deutsche Schriftstellerverband, bei dem ich seit meiner ersten, geschriebenen Zeile Mitglied bin, lehnt es ab, mir einen Anwalt zu stellen. Die Begründung: Bei vorsätzlich begangenen Straftaten greife die Rechtschutzversicherung des DSV nicht.

12:58 Uhr

Ich sollte es nehmen wir Göring, der bei seiner Verurteilung zum Tode gesagt hat: „Wenigstens hatte ich zwölf gute Jahre.“

17:50 Uhr

Vergeblich den Nachmittag über versucht, ein weiteres Kapitel für „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ zu verfassen, aber nicht eine vernünftige Zeile will mir gelingen. Der Dolchstoß der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Verflucht seien sie bis ans Ende ihrer Tage. Auch der erneut gefasste Vorsatz, einen hitlerfreien Tag einzulegen, war einfach nicht umzusetzen.

5 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

5 Antworten zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #7

  1. @Robert Weber: Wie stehst du eigentlich zu Thor Kunkel, der ja seit neuestem (?) für die rechtsintellektuelle „Sezession“ (=PEgIdA-Redner Götz Kubitschek und andere) schreibt?

    http://www.sezession.de/52734/koeln-und-die-deutschen-maenner.html

  2. @Robert: Äh,war das jetzt schon die Antwort auf meine Frage?

    • robertweber

      Eigentlich schon. Ich hab mich für Kunkel nie interessiert und weiß nur, dass er irgendwann mal eine Art Naziporno veröffentlicht hat. Also für mich existiert diese Person gar nicht.

  3. @Robert: Danke, das wollte ich wissen.

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