Raketenautos und Tulpenzwiebeln #8

29.01.2016 – 14:15 Uhr

Meine ukrainische Putzfrau, die mir von einem russischen Kollegen vermittelt wurde, hat sich seit zwei Wochen nicht mehr blicken lassen, und alleine werde ich dem Chaos nicht mehr Herr. Betrete ich die Küche, steigen Wolken von Fruchtfliegen auf. In, um und auf der Spüle hat sich eine veritable Pilzkultur auf den Geschirrbergen entwickelt, der Wäschekorb quillt über vor dreckigen Kleidungsstücken. Ich versuche daraus noch eine halbwegs saubere Unterhose zu extrahieren und ein paar Socken, die man noch nicht durch das Schuhwerk riechen kann. Meine Anrufe werden von Olga, so der Name der ukrainischen Perle, nicht entgegengenommen, so dass ich mich zu Fuß auf den Weg zu ihrer Wohnung mache. Ich klingle, sie öffnet.

Olgas Schimpfkanonade würde selbst einen hartgesottenen, fronterfahrenen Landser in die Flucht schlagen, ich jedoch widerstehe dem unwillkürlichen Reflex und gebe Olga mit Händen und Füßen zu verstehen, dass ich zwar Aristoteles und Plinius im Original lesen könne, mir aber das Ukrainische stets fremd geblieben sei. Schließlich erbarmt sich ihre pubertierende Tochter Alena und übersetzt mir das slawische Kauderwelch, das ungebrochen aus Olgas mächtigen Resonanzkörper hervorquillt.

Sie, Olga, weigere sich, noch einmal meine Wohnung zu betreten. Es ekele sie bereits, die Klinke meiner Wohnungstür durch die Putzhandschuhe hindurch anzufassen, vom Gestank meiner Behausung ganz zu schweigen. Die hygienischen Zustände meiner Wohnung seien zudem ihrer Gesundheit abträglich, so habe sie jedesmal mit einem juckenden Hautausschlag zu kämpfen, nachdem sie diese verlassen habe, hinzu kämen Atemwegsprobleme und der Stundenlohn, den ich ihr bezahlt hätte, entspräche mit fünf Euro wohl längst nicht mehr den aktuellen Standards. Mindestlohn, höre ich immer wieder. Kurz, ich solle mein Glück in einer der Flüchtlingsunterkünfte suchen, die derzeit wie die Pilze in meiner Küche aus dem Boden sprössen, sie jedenfalls werde meinen Saustall nicht mehr beseitigen, und ich könne froh sein, dass sie mir nicht das Gesundheitsamt oder das für Schwarzarbeit zuständige Hauptzollamt auf den Hals hetze. Mit einem lauten Knall der Wohnungstür verabschiedet sie sich auf ukrainisch von ihrem einstigen Arbeitgeber, der völlig verdaddert zurückbleibt.

 

14:41 Uhr

Was bildet sich diese fette Matrone aus den Ostgebieten eigentlich ein? In der Ukraine könnte sie sich mit den fünf Euro, die ich ihr die Stunde bezahlt habe, einen Monat über Wasser halten, aber kaum sind sie in Deutschland, stellen sie Ansprüche. Mindestlohn, Sozialversicherung! Was glaubt sie, wo sie hier ist? Im Schlaraffenland? Dankbar bin Olga allerdings für den Tip mit den Flüchtlingsheimen. Werde am Montag mal mein Glück in der Schlange vor dem Amt für Gesundheit und Soziales versuchen. Die syrischen Frauen sind vermutlich von den Segnungen der sozialen Hängematte Deutschland noch nicht so verzogen. Eine leichte Haushaltstätigkeit für drei Euro die Stunde, danach lecken sie sich dort doch die Finger. Möglicherweise gelingt es mir sogar, eine gebildete Akademikerin an Land zu ziehen, jemand mit Esprit und Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt eines Künstlers, eine Philosophin gar.

 

15:05 Uhr

Erhalte erfreulichen Anruf von meinem Anwalt. Er habe bewirkt, dass die Anzeige wegen Volksverhetzung zurückgezogen werde. Meine Theorien zu Göring seien derart krude, dass sie weder die Staatsanwaltschaft noch sonst jemand ernst nehmen könne. Zudem hätte ich mich ja einsichtig gezeigt, indem ich die entsprechenden Passagen aus meinem Blog gelöscht hätte.

15:10 Uhr

Erst jetzt dämmert es mir, was mir mein Anwalt gerade mitgeteilt hat. Was soll das eigentlich heißen, krude Theorien? Rufe noch mal meinen Anwalt an und lasse mir den Namen des zuständigen Staatsanwaltes geben, den ich auch prompt am Telefon habe. Was er denn unter kruden Theorien verstünde, frage ich? Ich sei ein seriöser Schriftsteller der sich auf seriöse Quellen stütze und er habe die Anzeige gefälligst weiter zu verfolgen, allein schon um der Wahrheit willen, auf die das deutsche Volk ein Recht habe. Diese Geschichtsklitterung sogenannter Historiker sei doch unerträglich, ob er mir da nicht zustimme? Die Antwort erfolgt umgehend in Form eines Freizeichens. So nicht, mein Freund und Kupferstecher. Ich werde mich selbst anzeigen. Das letzte Wort in der Akte Göring ist noch nicht gesprochen.

18:12 Uhr

Jetzt aber flugs weiter an die Vorbereitungen zu meinem morgigen Geburtstag. Immerhin gilt es noch 28 Ein-Terrabyte-Platen mit Fotos aus meinem Leben zu sichten. Eine schier übermenschliche Aufgabe, aber wenn sie von jemandem zu meistern ist, dann von mir. Im Fernsehen laufen die Simpsons.

2 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

2 Antworten zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #8

  1. @Robert: Ok, jetzt nimmt die Angelegenheit langsam Fahrt auf :-)

  2. robertweber

    Oh, das wollte ich nicht ;-)

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