Monatsarchiv: Februar 2016

Raketenautos und Tulpenzwiebeln #17

25.02.16 – 13:43

Lange werde auch ich mich nicht mehr mit dieser grotesken, irdischen Existenz abmühen müssen und den Weg alles Sterblichen gehen, auch, wenn das von mir geschaffene Werk durch Unsterblichkeit geadelt ist. Die ersten Vorboten eines viel zu frühen Todes lugen bereits heimtückisch um die Ecke und verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Haare wachsen mir büschelweise aus Ohren und Nase, die mit jedem Tag größer zu werden scheint, oder ist es nur mein Kopf, der schrumpft, wie der eines auf den Fidschi-Inseln eingepökelten Missionars? Mein linker, großer Zeh schmerzt mir seit Wochen, sicheres Anzeichen einer Diabetes, wie ich aus dem Internet erfahren habe, das mir immer mehr zum engsten Freunde wird. Mein Hämorrhoiden konkurrieren inzwischen in ihren Ausmaßen mit denen meiner Hoden, ein Zahn nach dem anderen beginnt zu bröckeln, das Zahnfleisch zieht sich zurück und beginnt sich an den Rändern schwärzlich zu verfärben, was wiederum auf Skorbut schließen lässt, eine Krankheit, die eigentlich als ausgestorben gilt, die Tränensäcke unter den blutunterlaufenen Augen gleichen halb verfaulten Mandarinenhälften, der Schmerz in meiner linken Brust rührt vermutlich von einem Schlaganfall, der mich  unbemerkt im Schlaf heimgesucht haben muss und wenn ich mein einst wohlgestaltetes Genmächt so ansehe, dann deucht mir, es wird bald eine Geschlechtskrankheit nach mir benannt (Günzelsau-Syndrom). Um es kurz zu machen: Es geht zu Ende. Meine „Kollegen“ von der Schmierenpresse haben vermutlich schon vorgefertigte Nachrufe über mich in ihren Schubladen liegen. Aasgeier, allesamt. Ich sollte, nein, ich muss testamentarisch verfügen, solange mir noch die Zeit dazu bleibt, dass nur einer legitimiert sein kann, sich nach meinem Tode in der Presse über mich zu äußern, und das bin ich selbst!

Also flugs ans Werk, bevor die Kraft mich verlässt, obwohl ich mich nur widerwillig des Schrotthaufens von ausgemusterten Laptops bediene, den mir Inge in ihrer heuchlerischen Art „dankenswerterweise“ überlassen hat. Aus einem Rest von „Mitgefühl“, das sie für mich hege, wie sie sagte. Ich sage nur: Windows! Eine Zumutung für einen weltmännischen Schöngeist wie mich, eine Demütigung sondergleichen, und das weiß Inge ganz genau. Glaubt sie etwa, meinem scharfen Adlerblick sei ihr nagelneues MacBook Pro mit Sonderausstattung auf ihrem Schreibtisch entgangen? Nein, sie hat es vermutlich extra so positioniert, dass es mir ins Auge stechen musste. Vermutlich lacht sie sich jetzt ins Fäustchen. Sei’s drum. Hochmut kommt vor dem Fall. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Also Nachruf, solange noch nicht irgendwelche Würmer und Viren die Kontrolle über dieses Drecksteil übernommen haben.

Heribert Günzelsau, 1961 – 2016, liebender Vater, warmherziger Freund, getreuer  Gatte dreier Frauen ist, wie wir soeben mit Erschütterung erfuhren, im Kreise seiner Lieben nach langem Leiden entschlafen. Gestorben an Weltschmerz, an Ignoranz, seine künstlerische Leistung betreffend, an der Missgunst seiner sogenannter „Kollegen“, die sich vermutlich wie Schmeißfliegen aus seinem geistigen Nachlass bedienen werden. Gestorben auch an der Last des Lebens, an der Lieblosigkeit seiner Mitmenschen, an den Anforderungen eines Systems, das von perfiden Schweinen eigens dazu geschaffen wurde, dass Genie eines großen Mannes zu vernichten. Schöpfer zahlreicher, formidabler Werke, von denen wir nur einige nennen können, wie seine Autobiographie  „Ich, Heribert Günzelsau – Ein Leben in Fragmenten“, die Essaysammlung „Heribert Günzelsau – Gedanken eines unsteten Geistes“, die Romane „Wartburgisnacht“ und „Alles ist versaut“,  „Berlin, eine Großstadtetüde“, sein Erfahrungsbericht „Der Pinguin in der Psychiatrie“, die unter Historikern nicht ganz unumstrittene Monographie „Widerstand im Dritten Reich am Beispiel von Hermann Göring“ und schließlich „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“, sein noch kurz vor dem Tode verfasstes Hauptwerk, mit dem er der Nachwelt vor Augen führt, zu welchen literarischen Leistungen dieser viel zu früh Verstorbene noch fähig gewesen wäre, wäre er nicht so grausam und viel zu früh aus unserer Mitte gerissen worden. Unvergesslich selbst einzelne Sätze wie „Tränen sind der Schweiß der Seele“, „Spare in der Not, so hast du vorgesorgt fürs Elend“ oder „Wo ich bin, ist Deutschland“, ein Zitat, das immer wieder irrtümlich Thomas Mann zugeordnet wird, Thomas Mann, dessen Elaborate im Nachhinein wirken wie die Deutscharbeiten eines Sekundarschülers, vergleicht man sie mit den Werken eines Heribert Günzelsau, Sätze wie jene also, die längst in den Volksmund eingegangen sind und von einer geistigen Tiefe Zeugnis ablegen, deren Auslotung die Literaturwissenschaft noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte beschäftigen wird. Ruhe in Frieden, Heribert Günzelsau, Großmeister der deutschen Sprache, bedeutendster Autor der Gegenwart, unereichbarer Quell der Inspiration für alle, die seinen Pfaden folgen werden, der aber vor allem jenen, die das Glück hatten, ihn einmal persönlich kennenzulernen, und sei es nur kurz, durch seinen allzu bescheidenen Charakter den größten Respekt einflößte.

Wenn ich das so lese, bedaure ich fast, noch am Leben zu sein, oder zumindest nicht meiner eigenen Beerdigung bewohnen zu können. Tatsächlich gibt mir nur noch eines die Kraft, an dieser kümmerlichen Existenz festzuhalten: Die Beendigung meines Hauptwerkes „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“, die Essenz meines literarischen Schaffens. Das bin ich der Nachwelt einfach schuldig, selbst, wenn diese mir an Mühsal und Gram nichts schuldig geblieben ist.

Einmal noch stürme voran, Heribert, nur einmal noch, mein lieber Freund! Ahm den Tiger nach in seinem Tun, spann deine Sehnen, ruf das Blut herbei, entstell deine liebliche Natur mit Wut, leih dem Auge einen Schreckensblick, knirsch die Zähne, schwelle die Nüstern, spann alle Lebensgeister. Nur einmal noch stürme voran, Heribert Günzelsau, und dann sei es wohlgetan, dann kannst Du ruhen in des Erde modrigem Schoße.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #16

24.02.16 – 14:48 Uhr.

Julius verfluchte seinen Entschluss, auf russische Raketentechnik und einen amerikanischen Mechaniker namens Onethumb-Lefthand-Foureye vertraut zu haben. Onethumb-Lefthand-Foureye – was war das überhaupt für ein Name? Wer sich so nannte, brauchte sich nicht zu wundern, eines Tages von einem Sputnik getriebenen Lada ins Jenseits befördert zu werden. Tatjana hatte sich wohl bei der Zusammensetzung des Raketentreibstoffes vertan. „War wohl etwas viel Wodka im Tank“, war ihr augenzwinkernder Kommentar zum Tode des unglückseligen Mechanikers. Julius indessen hegte den nicht unbegründeten Verdacht, dass Tatjana absichtlich die Formel, die einst die Hündin Laika ins All katapultierte, zu ihren Gunsten verändert hatte, lag sie ihm doch seit Beginn ihrer „Geschäftsbeziehung“ in den Ohren, dass sich ihr Cousin Wasiliwitsch Grosny Jerofejew, kurz Stalingrad genannt, für den Umbau und die Optimierung eines 76er Ladas zum Raketenauto weit besser eigne, als ein hinterwäldlischer Cowboy, der doch bestenfalls etwas von den Darmwinden eines Gaules verstünde. Im Vergleich zu dem vierschrötigen Bullen aus dem Kaukasus jedoch, dessen hervorstechendste Eigenschaft sein  überdimensionierter Glockenturm von Nase war, die gezeichnet von den Jahrzehnten überschwenglichen Alkohlgenusses mehr einer Runkelrübe als einem menschlichen Körperteil ähnelte und in der er gerne mal eine seiner gewaltigen Wurstfinger nach Öl bohren ließ, im Vergleich zu jenem also erschien Julius rückblickend Onethumb-Lefthand-Foureye wie ein Ausbund an Kompetenz. Aber was blieb ihm übrig? Angesichts der unwirtlichen Einöde und dem bescheidenen Salär, das er aufzubringen imstande war, kamen eigentlich nur Russen und Mexikaner infrage, und in diesem Fall war seinen Wahl natürlich klar, hatten die Russen doch zumindest Tolstoi und Dostojewski hervorgerbracht, wohingegen die Mexikaner offenbar zu nichts anderem imstande waren, als ihr Leben in einer endlosen Siesta zu verplempern. Wieso sich Onethum-Lefthand-Foureye überhaupt von ihm in diese Wüste hat locken lassen, war Julius stets ein Rätsel gewesen, aber wer händeringend nach Mitstreitern für ein aberwitziges Vorhaben wie das seine suchte, vermeidet allzu intime Fragen nach Herkunft und Vergangenheit des Personals.

Onethumb-Lefthand-Foureyes Beerdigung verlief weitgehend wie sein Leben. Sie suchten eine Stelle in der Wüste und harkten sich durch die Salzkruste. Neben zwei kopulierenden Hunden, einem dutzend Geiern und ihm selbst waren nur noch Tatjana und ihr gerade eben erst eingetroffener Cousin anwesend, mit dem sie, unbeeindruckt von seinen scharfen Bemerkungen über Pietät und Respekt vor dem Toten, hemmungslos schäkerte.

Der Wind pfiff die Melodie des Todes, die Sonne brannte, als gäbe es kein Morgen, Julius warf ein paar Tulpenzwiebeln in das Loch, dass die Geier nicht lange fernhalten würde, sofern sie schneller als die Hunde waren, Tatjana ließ einen ohrenbetäubenden Furz fahren, begleitet von einem alkoholgeschwängerten Rülpser ihres Cousins, und das wars dann für Onethumb-Lefthand-Foureye, von dem bald nichts anderes mehr übrig sein würde, als ein paar abgenagte Knochen.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #15

23.02.16 – 11:01 Uhr.

Petunia stemmte sich mit all der ihr innewohnenden Kraft gegen den brüchigen Damm, der das Meer der Tränen zurückhielt, das sie jeden Augenblick hinwegzuspülen drohte, während sie eine weitere Tulpenzwiebel in den unfruchtbaren Boden unter ihren Füßen versenkte. Waren Tulpen nicht die unheilsschwangeren Vorboten des Todes oder zumindest der Trauer? Jetzt nur nicht den schwermütigen, düsteren Gedanken erliegen. Stark musste sie sein, stark für den teuren Julius, dessen Leidenschaften sie sich seit Beginn ihrer Verbindung willig unterordnete, so, wie es einst Katrin für ihren geliebten Mann getan hatte, nur waren die Leidenschaften eines Thomas Mann nicht tödlicher Natur, zumindest nicht für ihn selbst. Oh, nur allzu gerne würde sie den Suizid zweier Kinder für ein gefahrloses Leben an Julius Seite in Kauf nehmen, dessen fatales Verlangen nach dem Weltrekord ihm eines Tages das Leben kosten würde, und damit auch das ihrige, das spürte sie mit jeder Faser ihres zerbrechlich wirkenden Körpers, der von den Jahren der Todesangst um den geliebten Gefährten gezeichnet war. Aber war es nicht gerade jene Todesverachtung, gepaart mit seinem makellosen Körper, der unbezwingbaren Löwenmähne, die jedem Haarschnitt trotzte, den stahlblau blitzenden Augen, die sie stets anfunkelten wie Polarsterne in einer wolkenlosen Nacht, den strahlend weißen Zähnen, die sie jedesmal zu blenden vermochten, wenn er sie anlächelte, war es nicht das, was sie einst hatte dahinschmelzen lassen wie Eis in der Wüste? Reiß dich zusammen, Petunia, sagte sie mit einem aufbäumenden Ruck der Entschlossenheit zu sich selbst, sei jetzt stark, für ihn … für ihn, der dich gerade jetzt braucht mehr denn je.

Tränen tropfen auf die abgewetzte Tastatur meines MacBooks, während ich dies niederschreibe. Hat es je ein bewegenderes Stück Poesie gegeben? Warum steht nicht auch mir in den Stunden der dunkelster Not eine Petunia zur Seite? Wo bist Du, treues, bedingungsloses, selbstaufopferndes Weib? Werde ich je eine Gefährtin wie sie mein Eigen nennen können? Und schon bricht es hervor, das angestaute Leid der letzten Monate und ich überschwemme das Schreibgerät mit dem Schweiß der Seele.

11:32 Uhr

Diese armselige Gefühlsduselei. Das habe ich nun davon. Mein MacBook ist hinüber. Beim Versuch, die Tastatur mit dem monströsen Heißluftgebläse zu trocknen, ist der Grundstock der Sprache, sind die 30 Buchstaben des Alphabets zu einem einzigen, schwarzen Klumpen zusammengeschmolzen. Woher nur das Geld nehmen für ein neues Arbeitsgerät? Ich kann doch den Höhepunkt meines schriftstellerischen Schaffens nicht in einem Internetcafe beenden? Oh grausiges Schicksal, oh wankelmütiges Leben, oh unstetes Sein … Aber was lamentiere ich? Reiß dich zusammen, Heribert. Noch ist nichts verloren. Wo du bist, ist Deutschland!

11:42 Uhr

Ich muss Inge noch einmal erweichen, sie anrufen, um ein weiteres Darlehen bitten, aber wie? Das Telefon ist ja abgestellt und Münzfernsprecher sind so rar geworden wie kaukasische Tiger, davon abgesehen ließen sich diese auch nicht mit Hosenknöpfen übertölpeln. Nicht mal Geld für einen lausigen Fahrschein habe ich. Es hilft alles nichts, ich muss mich eben zu Fuß auf den Weg nach Tempelhof machen. Etwas Bewegung soll ja nicht schaden.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #14

20.02.16 – 13:39

Acht durchnässte Tage lang lag ich mit einer fürchterlichen, um nicht zu sagen exorbitanten Grippe darnieder. Unfähig, die Wohnung für einen Einkauf zu verlassen, ernährte ich mich von dem Getier, das sich häuslich in meiner Bettstatt eingenistet hatte. Anrufen konnte ich keinen, das Telefon wurde, oh welch Zufall, exakt zu dem Zeitpunkt abgestellt, als mich der erste Anginaschub zurück auf meine durchgelegene Matraze zwang. Auch Morsesignale mit Hilfe eines Lichtschalters an die Außenwelt zu senden, war mir nicht möglich, da mir der Strom schon seit längerem abgeklemmt worden ist. Wäre der Gerichtsvollzieher nicht so hartnäckig gewesen, ich wäre wohl verhungert. Statt zu pfänden, was nicht zu pfänden war, überließ er mir, angsichts meines erbarmungswürdigen Zustandes seine Brotzeitstulle und einen Apfel. Rettung in letzter Minute durch den Kuckucksmann – welche Ironie, welche Tragik.

Seit vorgestern habe ich nun auch noch die Handwerker im Hause, die den Schimmel von den Wänden kratzen, und kaum dass sie sich in den Feierabend begeben, springt das Heißluftgebläse zum Trocknen der Wände an. Der Strom dafür kommt aus dem Hausflur, weshalb Tag und Nacht meine Tür offen steht. Mit dem schwarzen Schimmel konnte ich mich arrangieren, nicht aber mit dem infernalischen Lärm des überdimensionalen Föns und dem Verlust völliger Intimität, diesem ständigen kommen und gehen. Finstere Mächte haben gegen mich einen Bund geschlossen, um mein fulminantes Lebenswerk mit aller Kraft zu verhindern.

Auch mit den Nachbarn stehe ich seitdem in permanentem Kriegszustand. Kann ich etwa das Verhalten von Kakerlaken steuern, die sich, angesichts der Unwirtlichkeit meiner Behausung, dazu entschlossen haben, freundlichere Gefilde aufzusuchen? Ebenso die Ameisen, Schmeißfliegen und Bettwanzen? Wer kann ihnen das schon verdenken? Oh, wie glücklich wäre ich, könnte ich es ihnen nachtun, einfach gehen, und mich in einem anderen, frisch gemachten Bette häuslich einrichten. Montag soll der Kammerjäger das Mietshaus von dem Ungeziefer befreien. Ungeziefer, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Man füge noch das Wort Endlösung hinzu und jeder weiß, was gemeint ist. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Wären diese possierlichen Tierchen nicht gewesen, Protein- und Eiweißspender in höchster Not, ich könnte Bertolt Brecht im Jenseits die Hand schütteln.

Rückblickend betrachtet bin ich, wenn auch nur zum geringsten Teil, auch ein wenig selbst schuld an meiner derzeitigen Misere. Ich hätte in den Tagen meines längst vergangenen Ruhmes doch hin und wieder die eine oder andere Münze unters Kopfkissen packen oder die, wegen des Plagiatsverfahrens zumindest anfänglich wohlwollend geflossenen Spenden von Freunden und Kollegen, nicht in einer dreimonatigen Asienrundreise verprassen sollen.

Wie heißt es so schön: Spare in der Not, dann hast Du vorgesorgt fürs Elend. Diese Weisheit der Altvorderen werde ich mir künftig auf die Fahnen schreiben.

 

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #13

10.02.2016 – 14:53 Uhr.

Diese ganze Aufregung. Wie soll ein Mensch so arbeiten? Schmerzlich vermisse ich meine Armbanduhr. Die Nachbarin ständig nach der Zeit zu fragen, erscheint mir doch mehr als unwürdig. Aber Geld für eine Uhr, und sei sie noch so billig, kann ich mir nicht aus den Rippen schneiden. Katzenfutter und Reis steht auf meinem heutigen Speiseplan. Muss ich mehr dazu sagen? Auch ist mir ein Minimum an täglicher Körperpflege nicht mehr möglich. Aus den Hähnen kommt nur kaltes, rostiges Wasser und vor den Fußpilzkulturen in der Duschwanne graut sogar mir. Hinzu kommt die verstopfte Toilette, die mich dazu nötigt, mein tägliches Geschäft im Café gegenüber zu verrichten, was mich jedesmal den schmerzhaften Obolus von 50 Cent kostet. Hanna hat mir den Umgang mit den Kindern bis auf weiteres verboten, mir sogar den entsprechenden Gerichtsbeschluss unter die Nase gerieben. Inge will mir nichts mehr leihen, solange sie die 2000 Euro nicht zurück hat, ein sogenannter „Kollege“, den ich zufällig auf dem Bahnsteig getroffen und in einem spontanen Reflex um 500 Euro angepumpt habe, mit dem Hinweis, dass ich mir nicht einmal mehr Brot leisten könne, redete sich damit heraus, dass er so viel gerade nicht einstecken habe, aber die 50 Euro, die er bei sich trüge, würde er mir nötigenfalls auch schenken. 50 Euro! Was bildet dieser Tropf sich ein? Sehe ich aus wie ein zurückgebliebener Schuljunge, der sich ein paar Lutscher kaufen will? Ich habe natürlich wutschnaubend abgelehnt. Auch meine Selbstanzeige wegen Volksverhetzung wurde vom zuständigen Staatsanwalt nicht weiter zur Kenntnis genommen. Er habe Wichtigeres zu tun, als einem, so wortwörtlich, verwahrlosten Spinner der um ein bisschen Aufmerksamkeit bettelt, zu Diensten zu sein, aber er könne mir versprechen, dass er mich, sollte ich noch einmal bei ihm auftauchen oder ihn weiterhin mit Anrufen belästigen, in die Geschlossene einweisen lassen würde. Die Krönung der vergangenen Tage jedoch war mein erneutes Bemühen, eine Putzhilfe in der Lageso-Schlange anzuheuern, das heißt, zur Schlange bin ich gar nicht erst vorgedrungen, weil zwei vierschrötige Polizeibeamte mich mit dem Hinweis daran hinderten, mein letzter Auftritt hätte dazu geführt, dass die Behörde von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, um weitere Unruhen zu vermeiden. Daher habe man mich zur Persona non grata erklärt, die unverzüglich zu entfernen sei. Ich dürfe mich auf unabsehbare Zeit bis auf Sichtweite nicht mehr blicken lassen. Ich tobte, ich zeterte, ich geiferte, ob sie denn nicht wüssten, wer da vor ihnen stünde? Als Antwort bekam ich eine Ladung Pfefferspray in mein edles Antlitz, begleitet vom Johlen und Applaus der fremdländischen Menge. Faschisten allesamt. Wen wundert es also, dass ich mit der Arbeit an meinem literarischen Hauptwerk „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ kein Stück weiter gekommen bin? Mich nicht.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #12

06.02.2016 – 14:09 Uhr

Weggeblasen ist die Trübsinnigkeit der vergangenen Wochen, wenn nicht Jahre. Ich fühle mich auf dem Höhepunkt meines literarischen Schaffens, auf meinem kreativen Zenit, der Literaturnobelpreis rückt in greifbare Nähe, mein Kopf überschlägt sich und die Finger wollen kaum hinterherkommen, die zahllosen, fantastischen Ideen, die ausgereiften Formulierungen, die sich mühelos wie von selbst ihren Weg bahnen, die grandiosen Metaphern, die sich mir ständig aufdrängen auf Papier bzw. auf die Festplatte meines MacBooks zu bannen. Ich fühle mich wieder wie 20, als ich meine ersten, noch zaghaften Schritte in die Welt der Geistesgrößen wagte, noch nicht ahnend, dass ich einst einer der ihren sein würde. Aber genug der eitlen Selbstbespiegelung, dass 4. Kapitel schreit, fleht, wimmert nach Vollendung.

In Bodennähe der Salzkruste, die die Wüste Nevadas überzog wie feiner Puderzucker den Gugelhupf (Googlehupf?), wetteiferten wie wilde Welpen flirrende Hitze und Staubschlieren, die der heiße Westwind vor sich hertrieb, miteinander um die Vorherrschaft über das unwirtliche Terrain, das, eben wie ein Spiegel, nur von Gottes mächtiger Hand eigens für den Zweck geschaffen schien, die Schallmauer auf vier Rädern zu durchbrechen.

Julius zurrte den Helm fest, der seine Löwenmähne kaum bändigen konnte, kontrollierte noch einmal den Sitz der Handschuhe und verfluchte zum wiederholten Male sein prächtiges Gehänge, oder vielmehr die im Schritt viel zu eng geschnittene Hose, die jedoch, wie er mit einem letzten, prüfenden Blick in den Spiegel seiner Garderobe bewundernd feststellte, seine durchtrainierten Hinterbacken mehr als vorteilhaft zur Geltung brachte. Ein Umstand, der auch Tatjana, der russischen Raketenexpertin, nicht zu entgehen schien, kniff und betatschte sie doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und davon gab es viele, sein muskulöses Hinterteil begleitet von einem wolllüstigen Grunzen, wie es nur die Frauen der slawischen Rasse zustande bringen.

Lefthand-Onethumb-Foureye, der bebrillte Mechaniker im Lada-Team, hob den Daumen seiner linken Hand, der einzige Finger, der ihm dort verblieben war, nachdem ihm einmal ein Motorblock um die Ohren geflogen war, zum Zeichen, dass das Lada-Raketenauto, vom Team mit dem geschichtsträchtigen Namen „Sojus 11“ getauft, startklar war.

Julius zwängte sich in die viel zu knapp bemessene Fahrerkabine, die für seinen Vorgänger, einem kleinwüchsigen Tartaren aus der Tundra, konstruiert worden war. Die Knie auf Tuchfühlung mit seinen ausgeprägten Schultern, die Arme 90 Grad angewinkelt, die Ellbogen an die Innendwand der Kabine gepresst, den Kopf zwischen den Oberschenkeln gebettet, drückte Julius den Knopf, der das Vorglühen der fünf Feststoffraketen einleiten würde, Restbestände aus dem Sputnik-Programm, baugleich mit jenen, welche bereits die Hündin Laika in den Weltraum befördert hatten, wie Tatjana immer wieder speckig-feixend betonte. Über den Helmfunk hörte er, wie in zähflüssiger Zeitlupe, die durch das Stundenglas des Lebens tropft, dass Herunterzählen des Countdowns, was diesmal, als Zugeständis an die Sponsoren, von einem Vertreter der Haribo-Werke übernommen wurde.

… Fünf kleine Goldbärlein, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.
 
Vier kleine Goldbärlein, die kochten einen Brei;
Der eine fiel zum Kessel rein, da blieben nur noch drei.
 
Drei kleine Goldbärlein spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.
 
Zwei kleine Goldbärlein, die wuschen am Nil sich reine;
Den einen fraß ein Krokodil – da blieb nur noch der eine.
 
Und als auch der letzte der Haribo-Goldbären unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommen war, trat Julius das Gaspedal durch bis zum stahlverstärkten Bodenblech des Lada-Raketenautos. Die fünf Sputnik-Feststoffraketen begannen zu fauchen wie einst Fafnir, als ihm Siegfried das vom Zwergenkönig Regin geschmiedete Schwert tief ins Herz rammte. Der Wagen vibrierte wie eine unausgewuchtete Waschmaschinentrommel im Schleudergang und schien jeden Augenblick dem Zerbersten nahe, Julius krallte seine Hände in das mit dem Fell eines sibirischen Tigers überzogene Lenkrad, Sojus 11 machte einen Satz nach vorne und blieb etwa einen Meter hinter der Startlinie sprotzend liegen. Onethumb-Lefthand-Foureyes Daumen erschien wieder vor dem Bullauge, das anstelle der Windschutzscheibe eingesetzt worden war, nur diesmal war der Daumen nach unten gerichtet, begleitet von einem schiefen Grinsen und einem bedauernden Achselzucken. Sojus 11 machte überraschend noch einen Satz vorwärts, dem letzten Aufbäumen eines waidwunden Tieres gleich, und erstarb dann vollständig.

Jäh wurde es totenstill in der Wüste von Nevada. Nichts mehr war zu vernehmen, bis auf das Röcheln des sterbenden Mechanikers, das sich verband mit den irrwitzigen Pirouetten der Staubschlieren und dem hallizunogenen Flimmern der glühenden Sonne, deren Strahlen vom weißen Salz potentiert wurden. Schließlich verstarb auch das Röcheln von Onethumb-Lefthand-Foureye und zu hören war nur noch der kalte Hauch des Todes, der schlussendlich jedem von uns ins Ohr blasen würde.

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Raketenautos und Tulpenzwiebeln #11

04.02.2016 – 14:10 Uhr

Endlich komme ich dazu, weiter an meinem vielversprechenden Buchprojekt zu arbeiten. Die Aufregungen der letzten Tage haben mich doch zu sehr von meinem eigentlichen Ziel abgelenkt und tatsächlich komme ich ein gutes Stück voran.

Raketenautos und Tulpenzwiebeln, Kapitel 4.

Julius erwachte mit einem unbestimmten Gefühl in der Magengegend, einem Gefühl, mit dem er seit seiner Kindheit vertraut war und dem er ebenso lange vertraute. Neben ihm drehte sich Petunia um die eigene Achse, eine entzückende Haarsträhne auf dem niedlichen Näschen. Behutsam, um sie nicht zu wecken, schälte sich Julius aus der gemeinsamen Bettdecke, tapste barfuß in die Küche und bereitete sein übliches Frühstück, bestehend aus zwölf rohen Eiern, im Mixer vor. Oh, wie er diesen Mixer liebte. Ein 68er Braun Atomic-Püree, Erbstück seines viel zu früh verschiedenen Vaters, und wie immer, wenn er an seinen Vater dachte, also jeden Morgen, stahl sich eine Träne aus dem Augenwinkel und suchte sich ihren Weg die stoppelige Wange entlang hinunter zu seinem energischen Kinn.

Julius kippte die Eier in einem Zug herunter und schüttelte die trübseligen Gedanken ab, wie eine naßgewordene Promenadenmischung, dann machte er sich an das Ritual der täglichen Körperertüchtigung, 20 Kniebeugen mit nacktem Oberkörper am offenen Fenster, wohl wissend, dass seine verwitwete Nachbarin ihn, wie jeden Morgen, verstohlen hinter der Gardine, die jetzt eine Spalt weit geöffnet war, dabei beobachete. Schweiß perlte auf seiner muskulösen Brust, die im Sonnenlicht des beginnenden Tages funkelte, wie die Rüstung eines urzeitlichen Ritters. Heute war der Tag, er wusste es, er spürte es, er fühlte es mit jeder Faser seines Seins. Heute würde er den Rekord seines erbitterten Widersachers Stan Barret, den sich dieser mit dem Budweiser Rocket 1979 erschlichen hatte, ins Reich der Fabeln und Legenden verweisen. Heute würde er als erster Mensch auf vier Rädern die Schallmauer durchbrechen, was der niederträchtige Barret bislang nur mit dreien erreicht hatte. Der Gedanke an das Röhren der Raketen, die Vibrationen, die sie unter dem Fahrersitz auslösten, die Beschleunigungskräfte, die seinen durchtrainierten Körper in den Hartschalensitz pressen würden, ließen sein mächtiges Glied anschwellen.

Das wird die weiblichen Leser entzücken. Jetzt nur nicht nachlassen.

Er fühlte, wie seine Hoden anfingen, eine überproportionale Menge Samen zu produzieren. Petunia wäre entzückt und für einen kurzen Moment dachte Julius daran, sie mit seiner Erektion zu beglücken, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Er hielt sich an die goldene Regel der Raketenautofahrer, so schwer es ihm fiel. Der Beischlaf würde nur seine Beine schwächen, Kraft, die er zum durchtreten des Gaspedals bitter benötigen würde. 19 … 20. Er warf sich in seinen hautengen Rennfahreranzug, umgab sich mit einer feuerfesten Schicht aus Asbest, die von den Logos altehrwürdiger Unternehmen geadelt wurde. Ritter Sport, Bahlsen, Toffifee und Haribo – ihr Engagement für die edelste aller Sportarten sollte nicht enttäuscht werden, heute würde er mit einem lauten Knall in die Geschichte eingehen.

Erschöpft sinke ich auf meinem Stehpult zusammen. Der Normalsterbliche hat ja keine Ahnung, welche übermenschliche Kraft es kostet, derartige Perlen zu Papier zu bringen. Außerdem – 14:49 Uhr – Zeit für mein Mittagsschläfchen. Danach notdürftiges Reinigen der Wohnung, was ich aufgrund des Desasters vor dem Lageso notgedrungen selbst übernehmen muss. Eine Zumutung, die mich von meiner eigentlichen Bestimmung ablenkt. Aber es hilft nichts, die Kinder kommen zu einem ihrer immer rarer gewordenen Besuche, angeblich wegen ihrer Mutter, die, so wortwörtlich am Telefon, keine Lust mehr habe, jedesmal die Läuse von den Köpfen ihrer Töchter zu klauben, nachdem sie bei mir waren.

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