Raketenautos und Tulpenzwiebeln #10

01.02.2016 – 14:24 Uhr

Trotz des niederschmetternden Wochenendes an meinem Plan festgehalten und heute morgen zur Lageso marschiert. Zurück kam ich mit einem blauschillernden Auge, das ich jetzt mit einem blutigen Rindersteak kühle, um das die Fruchtfliegen aus meiner Küche einen tollkühnen Tanz aufführen. Was war geschehen?

Zunächst einmal haben mich die Zustände vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales mehr als erschüttert. Man ist ja nicht nur Chronist, man ist ja auch Christenmensch. Die Schlange der Verzweifelten, die hier um ihre tägliche Ration Bananen anstehen (oder was immer sie sonst dort zu essen bekommen mögen), reicht drei Mal um den Häuserblock. Frierend, durchnässt, aphatisch wie Schlachtvieh harren sie dort ihres ungewissen Schicksales. Ich kann natürlich nicht allen helfen, aber wenn es mir gelingt, auch nur das Los eines Einzelnen etwas zu mildern, ist doch etwas erreicht. Spontan überreiche ich dem Nächstbesten eine etwas ranzig gewordene Butterstulle, die ich aus einer meiner Manteltaschen hervorkrame. Hier meine erste, herbe Enttäuschung. Nach ein paar Schritten luge ich verstohlen zu dem so reich Beschenkten zurück und traue kaum meinen Augen. Nachdem er das Brot mit seinem gewaltigen Riechkolben beschnüffelt hat, wirft der Unsägliche es einfach in den Matsch und versenkt es mit seinen zerrissenen Latschen. So wird einem also das Mitgefühl vergolten. Das wird mir eine Lehre sein. Aber sei’s drum, auch, wenn es mich wurmt. Ich bin hier, um jemanden in Lohn und Brot zu stellen und nicht, um Almosen zu verteilen.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt schreite ich, jedes Gesicht gewissenhaft prüfend, die Reihe der Entrechteten ab. Mein Blick bleibt an einer intelligent aussehenden, jungen Dame hängen, trotz ihrer misslichen Lage durchaus sauber gekleidet, insgesamt eine gepflegte Erscheinung. Die stünde mir als Puthilfe gut an und über das Kopftuch ließe sich angesichts meiner Großzügigkeit sicher noch diskutieren. Ich trete auf sie zu und versuche zunächst auf Deutsch mein Ansinnen vorzutragen, obwohl ich mir dabei närrisch vorkomme, denn wie auch sollte sie meiner Landessprache mächtig sein? Sie hebt mit einer entzückenden Geste die Hände und schüttelt den Kopf zum Zeichen des Nichtverstehens. Nun gut, vielleicht komme ich mit Altgriechisch oder Latein weiter, aber auch damit ist mir kein Erfolg beschieden. Ich greife zur universellsten aller Sprachen, zücke mein Taschentuch, simuliere das Polieren einer Gardinenstange und wedle dabei mit einem fünf Euro Schein vor ihrem Gesicht herum, eindeutiger geht es kaum.

Was dann geschieht, lässt sich kaum in Worte fassen. Sogleich stürzen sich drei, nein vier dunkelhäutige Vollbartträger mit gutturalem Gegrunze auf mich und ich weiß nicht, was geschehen wäre, wären nicht zufällig ein paar Polizeibeamte in meiner Nähe gestanden. Diesem glücklichen Umstand verdanke ich es, dass ich mit dem bereits erwähnten blauen Auge davongekommen bin. Offenbar hat sich auch bei den Flüchtlingen der deutsche Mindestlohn herumgesprochen, aber deshalb gleich derart ausfällig zu reagieren? Skandalös, sich in einem fremden Land, welches sie mit den offenen Armen der Gastfreundschaft empfängt, derart aufzuführen. Integrationswille sieht anders aus. Aber ich will nicht alle über einen Kamm scheren. In jeder schlechten Ernte finden sich auch ein paar unverdorbene Getreidekörner, die die Saat für den nächsten Frühling bilden. Morgen werde ich einen zweiten Anlauf wagen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter scheinwelt

Eine Antwort zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #10

  1. @Robert: Sehr unterhaltsam, danke :-)

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