Raketenautos und Tulpenzwiebeln #11

04.02.2016 – 14:10 Uhr

Endlich komme ich dazu, weiter an meinem vielversprechenden Buchprojekt zu arbeiten. Die Aufregungen der letzten Tage haben mich doch zu sehr von meinem eigentlichen Ziel abgelenkt und tatsächlich komme ich ein gutes Stück voran.

Raketenautos und Tulpenzwiebeln, Kapitel 4.

Julius erwachte mit einem unbestimmten Gefühl in der Magengegend, einem Gefühl, mit dem er seit seiner Kindheit vertraut war und dem er ebenso lange vertraute. Neben ihm drehte sich Petunia um die eigene Achse, eine entzückende Haarsträhne auf dem niedlichen Näschen. Behutsam, um sie nicht zu wecken, schälte sich Julius aus der gemeinsamen Bettdecke, tapste barfuß in die Küche und bereitete sein übliches Frühstück, bestehend aus zwölf rohen Eiern, im Mixer vor. Oh, wie er diesen Mixer liebte. Ein 68er Braun Atomic-Püree, Erbstück seines viel zu früh verschiedenen Vaters, und wie immer, wenn er an seinen Vater dachte, also jeden Morgen, stahl sich eine Träne aus dem Augenwinkel und suchte sich ihren Weg die stoppelige Wange entlang hinunter zu seinem energischen Kinn.

Julius kippte die Eier in einem Zug herunter und schüttelte die trübseligen Gedanken ab, wie eine naßgewordene Promenadenmischung, dann machte er sich an das Ritual der täglichen Körperertüchtigung, 20 Kniebeugen mit nacktem Oberkörper am offenen Fenster, wohl wissend, dass seine verwitwete Nachbarin ihn, wie jeden Morgen, verstohlen hinter der Gardine, die jetzt eine Spalt weit geöffnet war, dabei beobachete. Schweiß perlte auf seiner muskulösen Brust, die im Sonnenlicht des beginnenden Tages funkelte, wie die Rüstung eines urzeitlichen Ritters. Heute war der Tag, er wusste es, er spürte es, er fühlte es mit jeder Faser seines Seins. Heute würde er den Rekord seines erbitterten Widersachers Stan Barret, den sich dieser mit dem Budweiser Rocket 1979 erschlichen hatte, ins Reich der Fabeln und Legenden verweisen. Heute würde er als erster Mensch auf vier Rädern die Schallmauer durchbrechen, was der niederträchtige Barret bislang nur mit dreien erreicht hatte. Der Gedanke an das Röhren der Raketen, die Vibrationen, die sie unter dem Fahrersitz auslösten, die Beschleunigungskräfte, die seinen durchtrainierten Körper in den Hartschalensitz pressen würden, ließen sein mächtiges Glied anschwellen.

Das wird die weiblichen Leser entzücken. Jetzt nur nicht nachlassen.

Er fühlte, wie seine Hoden anfingen, eine überproportionale Menge Samen zu produzieren. Petunia wäre entzückt und für einen kurzen Moment dachte Julius daran, sie mit seiner Erektion zu beglücken, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Er hielt sich an die goldene Regel der Raketenautofahrer, so schwer es ihm fiel. Der Beischlaf würde nur seine Beine schwächen, Kraft, die er zum durchtreten des Gaspedals bitter benötigen würde. 19 … 20. Er warf sich in seinen hautengen Rennfahreranzug, umgab sich mit einer feuerfesten Schicht aus Asbest, die von den Logos altehrwürdiger Unternehmen geadelt wurde. Ritter Sport, Bahlsen, Toffifee und Haribo – ihr Engagement für die edelste aller Sportarten sollte nicht enttäuscht werden, heute würde er mit einem lauten Knall in die Geschichte eingehen.

Erschöpft sinke ich auf meinem Stehpult zusammen. Der Normalsterbliche hat ja keine Ahnung, welche übermenschliche Kraft es kostet, derartige Perlen zu Papier zu bringen. Außerdem – 14:49 Uhr – Zeit für mein Mittagsschläfchen. Danach notdürftiges Reinigen der Wohnung, was ich aufgrund des Desasters vor dem Lageso notgedrungen selbst übernehmen muss. Eine Zumutung, die mich von meiner eigentlichen Bestimmung ablenkt. Aber es hilft nichts, die Kinder kommen zu einem ihrer immer rarer gewordenen Besuche, angeblich wegen ihrer Mutter, die, so wortwörtlich am Telefon, keine Lust mehr habe, jedesmal die Läuse von den Köpfen ihrer Töchter zu klauben, nachdem sie bei mir waren.

2 Kommentare

Eingeordnet unter scheinwelt

2 Antworten zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #11

  1. Susi

    Sehr unterhaltsam! Sehr böse.
    Hier mal eine Kontaktaufnahme. Robert wollen wir uns mal treffen? Bist Du noch in der Baiz? Gruß Susi

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