Raketenautos und Tulpenzwiebeln #12

06.02.2016 – 14:09 Uhr

Weggeblasen ist die Trübsinnigkeit der vergangenen Wochen, wenn nicht Jahre. Ich fühle mich auf dem Höhepunkt meines literarischen Schaffens, auf meinem kreativen Zenit, der Literaturnobelpreis rückt in greifbare Nähe, mein Kopf überschlägt sich und die Finger wollen kaum hinterherkommen, die zahllosen, fantastischen Ideen, die ausgereiften Formulierungen, die sich mühelos wie von selbst ihren Weg bahnen, die grandiosen Metaphern, die sich mir ständig aufdrängen auf Papier bzw. auf die Festplatte meines MacBooks zu bannen. Ich fühle mich wieder wie 20, als ich meine ersten, noch zaghaften Schritte in die Welt der Geistesgrößen wagte, noch nicht ahnend, dass ich einst einer der ihren sein würde. Aber genug der eitlen Selbstbespiegelung, dass 4. Kapitel schreit, fleht, wimmert nach Vollendung.

In Bodennähe der Salzkruste, die die Wüste Nevadas überzog wie feiner Puderzucker den Gugelhupf (Googlehupf?), wetteiferten wie wilde Welpen flirrende Hitze und Staubschlieren, die der heiße Westwind vor sich hertrieb, miteinander um die Vorherrschaft über das unwirtliche Terrain, das, eben wie ein Spiegel, nur von Gottes mächtiger Hand eigens für den Zweck geschaffen schien, die Schallmauer auf vier Rädern zu durchbrechen.

Julius zurrte den Helm fest, der seine Löwenmähne kaum bändigen konnte, kontrollierte noch einmal den Sitz der Handschuhe und verfluchte zum wiederholten Male sein prächtiges Gehänge, oder vielmehr die im Schritt viel zu eng geschnittene Hose, die jedoch, wie er mit einem letzten, prüfenden Blick in den Spiegel seiner Garderobe bewundernd feststellte, seine durchtrainierten Hinterbacken mehr als vorteilhaft zur Geltung brachte. Ein Umstand, der auch Tatjana, der russischen Raketenexpertin, nicht zu entgehen schien, kniff und betatschte sie doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit, und davon gab es viele, sein muskulöses Hinterteil begleitet von einem wolllüstigen Grunzen, wie es nur die Frauen der slawischen Rasse zustande bringen.

Lefthand-Onethumb-Foureye, der bebrillte Mechaniker im Lada-Team, hob den Daumen seiner linken Hand, der einzige Finger, der ihm dort verblieben war, nachdem ihm einmal ein Motorblock um die Ohren geflogen war, zum Zeichen, dass das Lada-Raketenauto, vom Team mit dem geschichtsträchtigen Namen „Sojus 11“ getauft, startklar war.

Julius zwängte sich in die viel zu knapp bemessene Fahrerkabine, die für seinen Vorgänger, einem kleinwüchsigen Tartaren aus der Tundra, konstruiert worden war. Die Knie auf Tuchfühlung mit seinen ausgeprägten Schultern, die Arme 90 Grad angewinkelt, die Ellbogen an die Innendwand der Kabine gepresst, den Kopf zwischen den Oberschenkeln gebettet, drückte Julius den Knopf, der das Vorglühen der fünf Feststoffraketen einleiten würde, Restbestände aus dem Sputnik-Programm, baugleich mit jenen, welche bereits die Hündin Laika in den Weltraum befördert hatten, wie Tatjana immer wieder speckig-feixend betonte. Über den Helmfunk hörte er, wie in zähflüssiger Zeitlupe, die durch das Stundenglas des Lebens tropft, dass Herunterzählen des Countdowns, was diesmal, als Zugeständis an die Sponsoren, von einem Vertreter der Haribo-Werke übernommen wurde.

… Fünf kleine Goldbärlein, die tranken bayrisch’ Bier;
Der eine trank, bis dass er barst, da waren’s nur noch vier.
 
Vier kleine Goldbärlein, die kochten einen Brei;
Der eine fiel zum Kessel rein, da blieben nur noch drei.
 
Drei kleine Goldbärlein spazierten am Bau vorbei;
Ein Stein fiel einem auf den Kopf – da blieben nur noch zwei.
 
Zwei kleine Goldbärlein, die wuschen am Nil sich reine;
Den einen fraß ein Krokodil – da blieb nur noch der eine.
 
Und als auch der letzte der Haribo-Goldbären unter unglücklichen Umständen zu Tode gekommen war, trat Julius das Gaspedal durch bis zum stahlverstärkten Bodenblech des Lada-Raketenautos. Die fünf Sputnik-Feststoffraketen begannen zu fauchen wie einst Fafnir, als ihm Siegfried das vom Zwergenkönig Regin geschmiedete Schwert tief ins Herz rammte. Der Wagen vibrierte wie eine unausgewuchtete Waschmaschinentrommel im Schleudergang und schien jeden Augenblick dem Zerbersten nahe, Julius krallte seine Hände in das mit dem Fell eines sibirischen Tigers überzogene Lenkrad, Sojus 11 machte einen Satz nach vorne und blieb etwa einen Meter hinter der Startlinie sprotzend liegen. Onethumb-Lefthand-Foureyes Daumen erschien wieder vor dem Bullauge, das anstelle der Windschutzscheibe eingesetzt worden war, nur diesmal war der Daumen nach unten gerichtet, begleitet von einem schiefen Grinsen und einem bedauernden Achselzucken. Sojus 11 machte überraschend noch einen Satz vorwärts, dem letzten Aufbäumen eines waidwunden Tieres gleich, und erstarb dann vollständig.

Jäh wurde es totenstill in der Wüste von Nevada. Nichts mehr war zu vernehmen, bis auf das Röcheln des sterbenden Mechanikers, das sich verband mit den irrwitzigen Pirouetten der Staubschlieren und dem hallizunogenen Flimmern der glühenden Sonne, deren Strahlen vom weißen Salz potentiert wurden. Schließlich verstarb auch das Röcheln von Onethumb-Lefthand-Foureye und zu hören war nur noch der kalte Hauch des Todes, der schlussendlich jedem von uns ins Ohr blasen würde.

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