Raketenautos und Tulpenzwiebeln #13

10.02.2016 – 14:53 Uhr.

Diese ganze Aufregung. Wie soll ein Mensch so arbeiten? Schmerzlich vermisse ich meine Armbanduhr. Die Nachbarin ständig nach der Zeit zu fragen, erscheint mir doch mehr als unwürdig. Aber Geld für eine Uhr, und sei sie noch so billig, kann ich mir nicht aus den Rippen schneiden. Katzenfutter und Reis steht auf meinem heutigen Speiseplan. Muss ich mehr dazu sagen? Auch ist mir ein Minimum an täglicher Körperpflege nicht mehr möglich. Aus den Hähnen kommt nur kaltes, rostiges Wasser und vor den Fußpilzkulturen in der Duschwanne graut sogar mir. Hinzu kommt die verstopfte Toilette, die mich dazu nötigt, mein tägliches Geschäft im Café gegenüber zu verrichten, was mich jedesmal den schmerzhaften Obolus von 50 Cent kostet. Hanna hat mir den Umgang mit den Kindern bis auf weiteres verboten, mir sogar den entsprechenden Gerichtsbeschluss unter die Nase gerieben. Inge will mir nichts mehr leihen, solange sie die 2000 Euro nicht zurück hat, ein sogenannter „Kollege“, den ich zufällig auf dem Bahnsteig getroffen und in einem spontanen Reflex um 500 Euro angepumpt habe, mit dem Hinweis, dass ich mir nicht einmal mehr Brot leisten könne, redete sich damit heraus, dass er so viel gerade nicht einstecken habe, aber die 50 Euro, die er bei sich trüge, würde er mir nötigenfalls auch schenken. 50 Euro! Was bildet dieser Tropf sich ein? Sehe ich aus wie ein zurückgebliebener Schuljunge, der sich ein paar Lutscher kaufen will? Ich habe natürlich wutschnaubend abgelehnt. Auch meine Selbstanzeige wegen Volksverhetzung wurde vom zuständigen Staatsanwalt nicht weiter zur Kenntnis genommen. Er habe Wichtigeres zu tun, als einem, so wortwörtlich, verwahrlosten Spinner der um ein bisschen Aufmerksamkeit bettelt, zu Diensten zu sein, aber er könne mir versprechen, dass er mich, sollte ich noch einmal bei ihm auftauchen oder ihn weiterhin mit Anrufen belästigen, in die Geschlossene einweisen lassen würde. Die Krönung der vergangenen Tage jedoch war mein erneutes Bemühen, eine Putzhilfe in der Lageso-Schlange anzuheuern, das heißt, zur Schlange bin ich gar nicht erst vorgedrungen, weil zwei vierschrötige Polizeibeamte mich mit dem Hinweis daran hinderten, mein letzter Auftritt hätte dazu geführt, dass die Behörde von ihrem Hausrecht Gebrauch mache, um weitere Unruhen zu vermeiden. Daher habe man mich zur Persona non grata erklärt, die unverzüglich zu entfernen sei. Ich dürfe mich auf unabsehbare Zeit bis auf Sichtweite nicht mehr blicken lassen. Ich tobte, ich zeterte, ich geiferte, ob sie denn nicht wüssten, wer da vor ihnen stünde? Als Antwort bekam ich eine Ladung Pfefferspray in mein edles Antlitz, begleitet vom Johlen und Applaus der fremdländischen Menge. Faschisten allesamt. Wen wundert es also, dass ich mit der Arbeit an meinem literarischen Hauptwerk „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ kein Stück weiter gekommen bin? Mich nicht.

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