Raketenautos und Tulpenzwiebeln #14

20.02.16 – 13:39

Acht durchnässte Tage lang lag ich mit einer fürchterlichen, um nicht zu sagen exorbitanten Grippe darnieder. Unfähig, die Wohnung für einen Einkauf zu verlassen, ernährte ich mich von dem Getier, das sich häuslich in meiner Bettstatt eingenistet hatte. Anrufen konnte ich keinen, das Telefon wurde, oh welch Zufall, exakt zu dem Zeitpunkt abgestellt, als mich der erste Anginaschub zurück auf meine durchgelegene Matraze zwang. Auch Morsesignale mit Hilfe eines Lichtschalters an die Außenwelt zu senden, war mir nicht möglich, da mir der Strom schon seit längerem abgeklemmt worden ist. Wäre der Gerichtsvollzieher nicht so hartnäckig gewesen, ich wäre wohl verhungert. Statt zu pfänden, was nicht zu pfänden war, überließ er mir, angsichts meines erbarmungswürdigen Zustandes seine Brotzeitstulle und einen Apfel. Rettung in letzter Minute durch den Kuckucksmann – welche Ironie, welche Tragik.

Seit vorgestern habe ich nun auch noch die Handwerker im Hause, die den Schimmel von den Wänden kratzen, und kaum dass sie sich in den Feierabend begeben, springt das Heißluftgebläse zum Trocknen der Wände an. Der Strom dafür kommt aus dem Hausflur, weshalb Tag und Nacht meine Tür offen steht. Mit dem schwarzen Schimmel konnte ich mich arrangieren, nicht aber mit dem infernalischen Lärm des überdimensionalen Föns und dem Verlust völliger Intimität, diesem ständigen kommen und gehen. Finstere Mächte haben gegen mich einen Bund geschlossen, um mein fulminantes Lebenswerk mit aller Kraft zu verhindern.

Auch mit den Nachbarn stehe ich seitdem in permanentem Kriegszustand. Kann ich etwa das Verhalten von Kakerlaken steuern, die sich, angesichts der Unwirtlichkeit meiner Behausung, dazu entschlossen haben, freundlichere Gefilde aufzusuchen? Ebenso die Ameisen, Schmeißfliegen und Bettwanzen? Wer kann ihnen das schon verdenken? Oh, wie glücklich wäre ich, könnte ich es ihnen nachtun, einfach gehen, und mich in einem anderen, frisch gemachten Bette häuslich einrichten. Montag soll der Kammerjäger das Mietshaus von dem Ungeziefer befreien. Ungeziefer, ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Man füge noch das Wort Endlösung hinzu und jeder weiß, was gemeint ist. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Wären diese possierlichen Tierchen nicht gewesen, Protein- und Eiweißspender in höchster Not, ich könnte Bertolt Brecht im Jenseits die Hand schütteln.

Rückblickend betrachtet bin ich, wenn auch nur zum geringsten Teil, auch ein wenig selbst schuld an meiner derzeitigen Misere. Ich hätte in den Tagen meines längst vergangenen Ruhmes doch hin und wieder die eine oder andere Münze unters Kopfkissen packen oder die, wegen des Plagiatsverfahrens zumindest anfänglich wohlwollend geflossenen Spenden von Freunden und Kollegen, nicht in einer dreimonatigen Asienrundreise verprassen sollen.

Wie heißt es so schön: Spare in der Not, dann hast Du vorgesorgt fürs Elend. Diese Weisheit der Altvorderen werde ich mir künftig auf die Fahnen schreiben.

 

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