Raketenautos und Tulpenzwiebeln #15

23.02.16 – 11:01 Uhr.

Petunia stemmte sich mit all der ihr innewohnenden Kraft gegen den brüchigen Damm, der das Meer der Tränen zurückhielt, das sie jeden Augenblick hinwegzuspülen drohte, während sie eine weitere Tulpenzwiebel in den unfruchtbaren Boden unter ihren Füßen versenkte. Waren Tulpen nicht die unheilsschwangeren Vorboten des Todes oder zumindest der Trauer? Jetzt nur nicht den schwermütigen, düsteren Gedanken erliegen. Stark musste sie sein, stark für den teuren Julius, dessen Leidenschaften sie sich seit Beginn ihrer Verbindung willig unterordnete, so, wie es einst Katrin für ihren geliebten Mann getan hatte, nur waren die Leidenschaften eines Thomas Mann nicht tödlicher Natur, zumindest nicht für ihn selbst. Oh, nur allzu gerne würde sie den Suizid zweier Kinder für ein gefahrloses Leben an Julius Seite in Kauf nehmen, dessen fatales Verlangen nach dem Weltrekord ihm eines Tages das Leben kosten würde, und damit auch das ihrige, das spürte sie mit jeder Faser ihres zerbrechlich wirkenden Körpers, der von den Jahren der Todesangst um den geliebten Gefährten gezeichnet war. Aber war es nicht gerade jene Todesverachtung, gepaart mit seinem makellosen Körper, der unbezwingbaren Löwenmähne, die jedem Haarschnitt trotzte, den stahlblau blitzenden Augen, die sie stets anfunkelten wie Polarsterne in einer wolkenlosen Nacht, den strahlend weißen Zähnen, die sie jedesmal zu blenden vermochten, wenn er sie anlächelte, war es nicht das, was sie einst hatte dahinschmelzen lassen wie Eis in der Wüste? Reiß dich zusammen, Petunia, sagte sie mit einem aufbäumenden Ruck der Entschlossenheit zu sich selbst, sei jetzt stark, für ihn … für ihn, der dich gerade jetzt braucht mehr denn je.

Tränen tropfen auf die abgewetzte Tastatur meines MacBooks, während ich dies niederschreibe. Hat es je ein bewegenderes Stück Poesie gegeben? Warum steht nicht auch mir in den Stunden der dunkelster Not eine Petunia zur Seite? Wo bist Du, treues, bedingungsloses, selbstaufopferndes Weib? Werde ich je eine Gefährtin wie sie mein Eigen nennen können? Und schon bricht es hervor, das angestaute Leid der letzten Monate und ich überschwemme das Schreibgerät mit dem Schweiß der Seele.

11:32 Uhr

Diese armselige Gefühlsduselei. Das habe ich nun davon. Mein MacBook ist hinüber. Beim Versuch, die Tastatur mit dem monströsen Heißluftgebläse zu trocknen, ist der Grundstock der Sprache, sind die 30 Buchstaben des Alphabets zu einem einzigen, schwarzen Klumpen zusammengeschmolzen. Woher nur das Geld nehmen für ein neues Arbeitsgerät? Ich kann doch den Höhepunkt meines schriftstellerischen Schaffens nicht in einem Internetcafe beenden? Oh grausiges Schicksal, oh wankelmütiges Leben, oh unstetes Sein … Aber was lamentiere ich? Reiß dich zusammen, Heribert. Noch ist nichts verloren. Wo du bist, ist Deutschland!

11:42 Uhr

Ich muss Inge noch einmal erweichen, sie anrufen, um ein weiteres Darlehen bitten, aber wie? Das Telefon ist ja abgestellt und Münzfernsprecher sind so rar geworden wie kaukasische Tiger, davon abgesehen ließen sich diese auch nicht mit Hosenknöpfen übertölpeln. Nicht mal Geld für einen lausigen Fahrschein habe ich. Es hilft alles nichts, ich muss mich eben zu Fuß auf den Weg nach Tempelhof machen. Etwas Bewegung soll ja nicht schaden.

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