Raketenautos und Tulpenzwiebeln #17

25.02.16 – 13:43

Lange werde auch ich mich nicht mehr mit dieser grotesken, irdischen Existenz abmühen müssen und den Weg alles Sterblichen gehen, auch, wenn das von mir geschaffene Werk durch Unsterblichkeit geadelt ist. Die ersten Vorboten eines viel zu frühen Todes lugen bereits heimtückisch um die Ecke und verfolgen mich auf Schritt und Tritt. Haare wachsen mir büschelweise aus Ohren und Nase, die mit jedem Tag größer zu werden scheint, oder ist es nur mein Kopf, der schrumpft, wie der eines auf den Fidschi-Inseln eingepökelten Missionars? Mein linker, großer Zeh schmerzt mir seit Wochen, sicheres Anzeichen einer Diabetes, wie ich aus dem Internet erfahren habe, das mir immer mehr zum engsten Freunde wird. Mein Hämorrhoiden konkurrieren inzwischen in ihren Ausmaßen mit denen meiner Hoden, ein Zahn nach dem anderen beginnt zu bröckeln, das Zahnfleisch zieht sich zurück und beginnt sich an den Rändern schwärzlich zu verfärben, was wiederum auf Skorbut schließen lässt, eine Krankheit, die eigentlich als ausgestorben gilt, die Tränensäcke unter den blutunterlaufenen Augen gleichen halb verfaulten Mandarinenhälften, der Schmerz in meiner linken Brust rührt vermutlich von einem Schlaganfall, der mich  unbemerkt im Schlaf heimgesucht haben muss und wenn ich mein einst wohlgestaltetes Genmächt so ansehe, dann deucht mir, es wird bald eine Geschlechtskrankheit nach mir benannt (Günzelsau-Syndrom). Um es kurz zu machen: Es geht zu Ende. Meine „Kollegen“ von der Schmierenpresse haben vermutlich schon vorgefertigte Nachrufe über mich in ihren Schubladen liegen. Aasgeier, allesamt. Ich sollte, nein, ich muss testamentarisch verfügen, solange mir noch die Zeit dazu bleibt, dass nur einer legitimiert sein kann, sich nach meinem Tode in der Presse über mich zu äußern, und das bin ich selbst!

Also flugs ans Werk, bevor die Kraft mich verlässt, obwohl ich mich nur widerwillig des Schrotthaufens von ausgemusterten Laptops bediene, den mir Inge in ihrer heuchlerischen Art „dankenswerterweise“ überlassen hat. Aus einem Rest von „Mitgefühl“, das sie für mich hege, wie sie sagte. Ich sage nur: Windows! Eine Zumutung für einen weltmännischen Schöngeist wie mich, eine Demütigung sondergleichen, und das weiß Inge ganz genau. Glaubt sie etwa, meinem scharfen Adlerblick sei ihr nagelneues MacBook Pro mit Sonderausstattung auf ihrem Schreibtisch entgangen? Nein, sie hat es vermutlich extra so positioniert, dass es mir ins Auge stechen musste. Vermutlich lacht sie sich jetzt ins Fäustchen. Sei’s drum. Hochmut kommt vor dem Fall. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Also Nachruf, solange noch nicht irgendwelche Würmer und Viren die Kontrolle über dieses Drecksteil übernommen haben.

Heribert Günzelsau, 1961 – 2016, liebender Vater, warmherziger Freund, getreuer  Gatte dreier Frauen ist, wie wir soeben mit Erschütterung erfuhren, im Kreise seiner Lieben nach langem Leiden entschlafen. Gestorben an Weltschmerz, an Ignoranz, seine künstlerische Leistung betreffend, an der Missgunst seiner sogenannter „Kollegen“, die sich vermutlich wie Schmeißfliegen aus seinem geistigen Nachlass bedienen werden. Gestorben auch an der Last des Lebens, an der Lieblosigkeit seiner Mitmenschen, an den Anforderungen eines Systems, das von perfiden Schweinen eigens dazu geschaffen wurde, dass Genie eines großen Mannes zu vernichten. Schöpfer zahlreicher, formidabler Werke, von denen wir nur einige nennen können, wie seine Autobiographie  „Ich, Heribert Günzelsau – Ein Leben in Fragmenten“, die Essaysammlung „Heribert Günzelsau – Gedanken eines unsteten Geistes“, die Romane „Wartburgisnacht“ und „Alles ist versaut“,  „Berlin, eine Großstadtetüde“, sein Erfahrungsbericht „Der Pinguin in der Psychiatrie“, die unter Historikern nicht ganz unumstrittene Monographie „Widerstand im Dritten Reich am Beispiel von Hermann Göring“ und schließlich „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“, sein noch kurz vor dem Tode verfasstes Hauptwerk, mit dem er der Nachwelt vor Augen führt, zu welchen literarischen Leistungen dieser viel zu früh Verstorbene noch fähig gewesen wäre, wäre er nicht so grausam und viel zu früh aus unserer Mitte gerissen worden. Unvergesslich selbst einzelne Sätze wie „Tränen sind der Schweiß der Seele“, „Spare in der Not, so hast du vorgesorgt fürs Elend“ oder „Wo ich bin, ist Deutschland“, ein Zitat, das immer wieder irrtümlich Thomas Mann zugeordnet wird, Thomas Mann, dessen Elaborate im Nachhinein wirken wie die Deutscharbeiten eines Sekundarschülers, vergleicht man sie mit den Werken eines Heribert Günzelsau, Sätze wie jene also, die längst in den Volksmund eingegangen sind und von einer geistigen Tiefe Zeugnis ablegen, deren Auslotung die Literaturwissenschaft noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte beschäftigen wird. Ruhe in Frieden, Heribert Günzelsau, Großmeister der deutschen Sprache, bedeutendster Autor der Gegenwart, unereichbarer Quell der Inspiration für alle, die seinen Pfaden folgen werden, der aber vor allem jenen, die das Glück hatten, ihn einmal persönlich kennenzulernen, und sei es nur kurz, durch seinen allzu bescheidenen Charakter den größten Respekt einflößte.

Wenn ich das so lese, bedaure ich fast, noch am Leben zu sein, oder zumindest nicht meiner eigenen Beerdigung bewohnen zu können. Tatsächlich gibt mir nur noch eines die Kraft, an dieser kümmerlichen Existenz festzuhalten: Die Beendigung meines Hauptwerkes „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“, die Essenz meines literarischen Schaffens. Das bin ich der Nachwelt einfach schuldig, selbst, wenn diese mir an Mühsal und Gram nichts schuldig geblieben ist.

Einmal noch stürme voran, Heribert, nur einmal noch, mein lieber Freund! Ahm den Tiger nach in seinem Tun, spann deine Sehnen, ruf das Blut herbei, entstell deine liebliche Natur mit Wut, leih dem Auge einen Schreckensblick, knirsch die Zähne, schwelle die Nüstern, spann alle Lebensgeister. Nur einmal noch stürme voran, Heribert Günzelsau, und dann sei es wohlgetan, dann kannst Du ruhen in des Erde modrigem Schoße.

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