Raketenautos und Tulpenzwiebeln #18

05.04.16, 12:57 Uhr.

Julius und Stalingrad umkreisten sich knurrend wie zwei hungrige Tiger um ein Stück wohlfeiles Aas. Stalingrads linkes Augenlied flatterte in einem verstörenden Rhytmus, dem Flügelschlag eines Kolibris gleich, während seine rechte Gesichtshälfte von spastischen Zuckungen perforiert wurde. Julius dagegen lauerte kaltblütig, die stahlblauen Augen unverwandt auf des Russen verunstaltete Nase gerichtet, den durchtrainierten Körper zum Sprung bereit, jede Faser seiner eisenharten Muskeln zum zerreißen gespannt, auf seine Chance, den kaukasischen Bären mit einem Fausthieb, Thors Hammer gleich, niederzustrecken. Tatjana wand sich, im Staub der Salzwüste wälzend, der Körper von grotesken Spasmen geschüttelt, am Rande der Kampfzone. Einen Moment der Unachtsamkeit nutzend, stürzte sich Stalingrad mit furchtbarem Gebrüll, das von keinem menschlichen Wesen hervorgebracht zu sein schien, auf Julius, den Tapfersten unter den Tapferen, und begrub ihn unter seinem stinkenden und von Läusen zerfressenen Körper. Zähflüssiger, gelblicher Speichel tropfte auf Julius edles Antlitz, gefolgt von einem Pesthauch, der des Russen von Fäulnis zersetztem Munde entströmte. Julius kämpfte gegen den Drang an, sich zu übergeben, während der Russe nochmals jenes unmenschliche Gebrüll ausstieß, aus dem man, mit viel Wohlwollen, das Wort Wodka herausdestillieren konnte. Julius hämmerte ihm, in unermüdlichen Stakkati, seine Fäuste in die speckige Seiten und versuchte, sich aus der tödlichen Umklammerung des aufgeschwemmten, kaum mehr menschenähnlichen Leibes, zu befreien. Da, plötzlich, wälzte sich Stalingrad von ihm herunter, presste seine affenartig behaarten Hände auf die rotgeäderten Triefaugen und begann zu greinen wie ein ausgesetztes Waisenkind. „Wodka, Wodka“, quoll es immer wieder aus seinem verfilzten Bart hervor, in dem die Speisereste der vergangenen Wochen eine friedliche Symbiose mit den Maden zahlreicher Schmeißfliegen eingegangen waren. Julius erhob sich federnd und klopfte sich die Salzkristale aus dem Asbestanzug. Vor wenigen Stunden hatte er, um Tatjana und Stalingrad zu disziplinieren, deren Alkoholvorräte requiriert und er war erst dann bereit, diese wieder auszuhändigen, wenn die Beiden sich anschickten, den zum Raketenauto umgebauten Lada wieder auf Vordermann zu bringen, statt unentwegt auf dessen Motorhaube zu kopulieren, er sah aber ein, dass es ihnen in ihrer derzeitigen Verfassung unmöglich sein würde, auch nur den Stand des Öles zu messen und so erbarmte er sich und warf eine Flasche des selbstgebrannten Gesöffes zwischen die von Krämpfen geschüttelten Leiber, auf das sie sich, den wilden, ausgehungerten Hunden gleich, die in der radioaktiv verseuchten Zone von Tschernobyl zu Skeletten abgemagert umhertaumelten, stürzten und in zwei Zügen leerten, um daraufhin auf ihn zu zukriechen, seine Füße zu umklammern und nach mehr zu wimmern. Julius offenbarte ihnen mit kristallklarer Stimme, der die Anstrengung des mörderischen Kampfes nicht anzumerken war, dass dies erst geschehen würde, wenn sie sich verdammt noch Mal an die Arbeit machten, für die er sie bezahle, sodann wandte er sich ab von jenen Unseligen und ging gemäßigten Schrittes dem Wohnmobile entgegen, das seit Monaten seine und Petunias Heimstätte darstellte, um letzterer, die von einem heimtückischen Fieber ans Bett gefesselt ward, von den Vorfällen des heutigen Tages zu berichten.

Seit über sechs Wochen war es mir nicht möglich gewesen, aufgrund von Umständen, von denen noch zu berichten sein wird, sobald ich wieder zu Kräften gekommen bin, auch nur eine einzige Zeile zu Papier zu bringen, doch nun hat sich die angestaute, kreative Schöpfungskraft wie von selbst ihren Weg gebahnt, scheinbar ohne meine bewusstes Zutun. Oh Rätsel des menschlichen Geistes. Ob es wohl einem Rilke, einem Goethe, einem Schiller, einem Mann ähnlich gegangen ist? Dieses unstillbare Verlangen, dieser nicht mehr zu bändigende Ausdruckswille der sich, aller Widrigkeiten zum Trotze, scheinbar selbst zu seinem Rechte verhilft? Ist es nicht das, was man gemeinhin als Genius bezeichnet? Ist es nicht das, was mich letztlich unter den normalen Sterblichen emporragen lässt, wie den Kirschbaum auf einer Wiese? Ja, sage ich, und nochmals: Ja! Jedes Volk bekommt die Schriftsteller, die es verdient, und kein Volk hat Heribert Günzelsau mehr verdient, als dieses.

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