Raketenautos und Tulpenzwiebeln #22

19.04.2016, 13:46 Uhr.

Diese Trottel von der Schlossparkklinik. Haben diese mentalen Eunuchen in der Tat geglaubt, sie könnten einen Mann mit meinen geistigen Fähigkeiten und meines Formates in Ketten halten? Das wäre etwa so, als würde man einen Tiger Freigang in einem Schrebergarten gewähren und hoffen, die zurechtgestutzte Rosenhecke stelle ein ernsthaftes Hindernis dar. Natürlich nutzte ich die erstbeste, sich mir bietende Gelegenheit zur Flucht aus diesem „Etablissement“ der Minderbemittelten, der Brutstätte der Trugbilder, der Heimat der vom Verstand narreteiten, das heißt von Flucht konnte eigentlich nicht die Rede sein, ich spazierte einfach gemessenen Schrittes von dannen, ein leichtfüßiges Liedchen auf den Lippen, trällernd gewissermaßen, und niemand fühlte sich bemüßigt, jene scheinbar harmlose Figur, die doch innerlich brodelte wie einst der Vesuv vor der Vernichtung Pompejis, aufzuhalten. Glaubten jene Inspektoren der geistigen Unzulänglichkeiten in ihrer maßlosen Selbstüberschätzung etwa, ein Heribert Günzelsau würde anstandslos freiwillig in jene Herberge der Umnachteten zurückkehren? Ha, ha und nochmals: Ha!

Schnurstracks begab ich mich zu meinem Domizil, bemüht, dabei so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich zu erregen, indem ich einen Militärmarsch vor mich herschmetterte, denn, wie jeder weiß, ist auffälliges Verhalten ein Garant dafür, am wenigsten wahrgenommen oder am beflissensten ignoriert zu werden, und diese Technik der Camouflage beherrsche ich aus dem ff, hatte ich doch nicht umsonst in meiner Jugend das Verhalten des an Überlebenstüchtigkeit kaum zu überbietenden Pfaus studiert und mir zu eigen gemacht, ja, es war mir gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, mich über die Maßen aufzuplustern, um bescheidenere Geister als den meinen mit vermeintlicher Farbenpracht zu täuschen und Widersachern mit meiner, zu doppelter Größe aufgeblasenen Erscheinung, den Mund zu stopfen, noch bevor sie imstande waren, selbigen aufzutun.

Wie gesagt, ich begab mich stante pede zum meiner Heimstätte. Doch welcher Schrecken überfiel mich, als es mir nicht gelang, dass Schloss der Türe mit dem dazugehörigen Schlüssel zu öffnen, ein Schrecken, der sich noch potenzierte, als sich jene Türe plötzlich, von innen veranlasst, öffnete und sich ein hünenhafter Neger süffisant nach meinem Begehr erkundigte.

Was einer, offenbar vom Stamme der Massai abstammender, in dieser Wohnung zu suchen hätte, gab ich, die Technik des Pfaus imitierend, lauthals intonierend zurück, was jenen, dessen Charakter offenbar so schwarz wie seine Haut war, nur zu amüsieren schien. Er klopfte mir, in einem Versuch der Beruhigung, anbiedernd auf die Schulter und bat mich, mit der typisch heuchlerischen Art des Wilden, höflich auf eine Tasse Kaffee herein. Er freue sich, so der Mohr, einen Nachbarn kennenzulernen. Er sei erst vor wenigen Wochen eingezogen und ginge hier einer freiberuflichen, künstlerischen Tätigkeit nach. Einen abgesenkten Blutdruck vortäuschend, wohl wissend, dass ich hier nur mit List und Tücke weiterkommen würde, folgte ich seiner Offerte.

Oh welcher Anblick, oh welches Entsetzen überfiel mich angesichts der makellos weißen Wände, der allgegenwärtigen Sauberkeit und widernatürlichen Aufgeräumtheit, die in meinen vormaligen Räumlichkeiten herrschte. Wo waren die Fruchtfliegen und Kakerlaken geblieben, wo der Schimmel, der sich hier einst so heimisch fühlte, wo der vertraute Geruch nach Vergorenem und verwesenden Lebensmitteln, wo das kreative Chaos, dass mir und meinen spärlichen Besuchern stets erschwert hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, geschweige denn, eine Gelegenheit zum Sitzen zu finden? Kaum getraute ich mich, auf einen der unnatürlich sauberen Stühle platz zu nehmen, aus Furcht, mir eine Allergie einzufangen, die Folge jeder übertriebenen Reinlichkeit. Selbst die Tasse, in welcher es sich der offerierte Kaffee gemütlich gemacht hatte, schien aufs penibelste gereinigt, so dass es mir nur unter Aufbietung all meiner Willenskraft gelang, meine Lippen zu einer Berührung mit dem Porzellan zu veranlassen und notgedrungen die, zugegebenermaßen köstliche, Brühe zu schlürfen.

Jener Barbar also, der meine Wohnung, seiner animalischen Natur gemäß, derart geschändet hatte, wusste zu berichten, dass der Vormieter (also ich!) monatelang seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sei, jedes Vermittlungsangebot der Hausverwaltung ignoriert habe und schließlich, so den Treppenhausgerüchten nach, völlig verwahrlost und verwirrt in die geschlossene Psychiatrie verfrachtet worden war. Ob ich jenen Unglücklichen kennen würde, wurde ich gefragt, was ich selbstredend verneinte um mich sodann, völlig erschüttert, zu verabschieden.

Meine Existenz war also von bösen Mächten vernichtet, all mein Hab und Gut der Müllverbrennung anheim gefallen. Ich hatte weder Geld noch Papiere und mein Name war, wie ich bereits vor einigen Tagen berichtete, im Zuge jener groß angelegten Verschwörung des Literaturbetriebes, aus sämtlichen Dateien gelöscht worden. Ich war ein Nichts, ein Niemand, ein herrenlos umherstreifender Hund, von der Welt vergessen, getilgt aus dem Gedächtnis der Menschheit. Als ich in meiner Not Hanna, die Mutter meiner Kinder, aufsuchte, öffnete mir ein völlig fremde Person, die niemals etwas von meiner ehemaligen Gattin gehört haben wollte. Ähnlich erging es mir bei Inge. Inge war zwar Inge, gab aber vor, Ines zu heißen und mich nie zuvor gesehen zu haben und die mir, als sei eine Leugnung unserer langjährigen Freundschaft nicht bereits genug, auch noch androhte, die Polizei zu verständigen, sollte ich mich nicht unverzüglich entfernen.

So stand ich nun alleine und verlassen, ohne Obdach und Aussicht auf eine warme Mahlzeit, auf der Straße. Der Weg zurück in die Psychiatrie erschien mir undenkbar und so fiel mir, gebeugt aber nicht gebrochen, nur eines ein: Ich musste mich, auf Mildtätigkeit hoffend, in die Schlange vor dem LaGeSo einreihen, mich einer anderen Identität bemächtigen, vielleicht der eines griechischstämmigen Albaners, der in den Wirren der Flucht seine Papiere verloren hatte und nun um eine flohverseuchte Pritsche, ein paar faulige Bananen und eine Aufenthaltsgenehmigung im gelobten Land ersuchte.

Hätte ich geahnt, welche fatalen Konsequenzen aus meinem voreiligen Entschluss erwachsen würden, ich wäre liebend gerne in die Gummizelle zurückgekehrt und hätte mich den zweifelhaften Vergnügungen einer Elektroschocktherapie hingegeben, sitze ich doch, nach einem kurzen Aufenthalt im Abschiebelager, in einem Flugzeug, welches mich in meine vorgetäuschte Heimat zurück verfrachten soll. Ich wage es kaum, dies mit zittrigen Fingern niederzuschreiben, doch meine mir selbst auferlegte Chronistenpflicht gemahnt mich, ja zwingt mich dazu: Ich, Heribert Günzelsau, befinde auf dem Weg nach Albanien.

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