Raketenautos und Tulpenzwiebeln #23

20.04.2016, 13:31 Uhr

Julius spürte es an den Vibrationen des Ladas, lange bevor er den so lange ersehnten Knall hörte. Er hatte den Schall überholt und das Tosen der Welt hinter sich gelassen. Mit 1237 Kilometern die Stunde fuhr er dem infernalischen Gebrüll der Sojus-Raketenstufen davon und war von einer nahezu überirdischen Stille umgeben. Julius fiel in einen Zustand der Trance, er hätte bis ans Ende der Zeit weiterfahren können. Wie weit mochte er inzwischen von der Startlinie entfernt sein? 80, 100 Kilometer? Nur der reine Überlebensinstinkt brachte ihn schließlich dazu, den Hebel für den Bremsfallschirm zu ziehen und die Treibstoffzufuhr zu den Raketen zu kappen, doch, welcher Schrecken, nichts geschah! Ungebremst und unverdrossen schoss der Lada weiterhin durch die Wüste und erst 15 Minuten später, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, stellte der Antrieb seinen Betrieb ein und das Gefährt begann langsam an Geschwindigkeit zu verlieren, bis es schließlich ausrollte.

Tatjana und Stalingrad hatten ganze Arbeit geleistet. Julius überschlug schnell, wie weit er von seinem Ausgangspunkt entfernt sein mochte. Bei gut 1200 Kilometern die Stunde und einer 20minütigen Fahrt etwa 400 Kilometer, umgeben von nichts als einer ebenen Salzfläche und einer mörderischen Hitze, die selbst das Blut von Skorpionen zum Kochen brachte. Er bezweifelte, das Stalingrad seiner Anweisung Folge leisten würde, die besagte, dass er ihn mit dem Trabanten auflesen solle. Der Russe und seine Gefährtin würden zweifellos seine Abwesenheit dazu nutzen, die von ihm requirierten Wodkabestände zu plündern. Julius gab sich keinen Illusionen hin, Treibstoffzufuhr und Bremsfallschirm waren manipuliert worden, man wollte sich seiner auf perfideste Weise entledigen. Ohne einen Tropfen Wasser und fernab jeglicher Zivilisation war er dem Tode geweiht. Er würde vertrocknen wie eine Meeresschildkröte in der Wüste Sinai. Niemand würde je erfahren, dass er der schnellste Mensch auf vier Rädern gewesen war.

Und so bettete Julius ergeben sein Haupt in das Salz der Wüste, bereit, mit seiner geliebten Petunia im Jenseits wieder vereinigt zu werden.

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