Raketenautos und Tulpenzwiebeln #26

25.04.2016

14:12 Uhr

Wenige Tage später war das Dorf von einer ausgedehnten Zeltstadt umgeben. Dem Aufruf, den Ausführungen jenes heldenhaften EU-Komissars namens Günzelsau ihre Zukunft betreffend, zu lauschen, schienen wahrhaftig alle Griechen in Albanien nachgekommen zu sein, denn ihre Zahl war unüberschaubar, wenn nicht gar Legion und von mir nicht einmal ansatzweise einzuschätzen. So stand ich nun, das Dach ein Hütte als Podium nutzend, vor Tausenden und Abertausenden, die begierig darauf warteten, mir jede Silbe von den Lippen zu reißen. Über das ganze Gelände waren blecherne Lautsprecher verteilt, die wohl noch aus Beständen der Sowjetunion stammten, und deren Kabel in dem, ebenso historisch anmutenden Relikt von Mikrophon, vor mir zusammenliefen. Nur Gott alleine weiß, wie der Älteste es geschafft hatte, dieses Sammelsurium von Stimmverstärkern aus vergangenen Zeiten zusammenzuklamüsern.

Über dem Areal herrschte eine erwartungsvolle Totenstelle, in der man selbst den Aufprall einer Hühnerfeder auf den Boden hätte hören können, und nachdem ich, das Ausmaß dieser Stille bis aufs unerträglichste ausgedehnt hatte, setzte ich an zu meiner Rede, die ich in den vergangenen Tagen verfasst und vor dem Spiegel eingeübt hatte.

Edle Griechen! [Tosender Applaus] Ich stehe heute nicht als Fremder vor euch, nicht als ein Abgesandter einer menschenfernen, ja menschenfeindlichen Organisation, die für eure Sorgen und Nöte in der Vergangenheit nicht als Missachtung und Ignoranz übrig hatte, nein, ich stehe vor euch als Mensch unter Menschen, ich stehe vor euch als Heribert Günzelsau, ich stehe vor euch als einer der euren, die ihr mich mit so unglaublicher Herzenswärme aufgenommen habt, als wäre ich selbst ein Grieche, und fürwahr, ein Grieche bin ich, nicht im Blute, aber umso mehr im Geiste, denn alles was mein Sein ausmacht, alles, was ich bin, meine gesamte Existenz habe ich nur der glorreichen, griechischen Vergangenheit zu verdanken und nicht nur ich, das gesamte Abendland steht in der Schuld eurer Ahnen. [Frenetischer Beifall, erste, epileptische Anfälle in der Menge.]

Wo wäre denn die Zivilisation ohne die Rechenkünste eines Pythagoras, dessen Formeln damals wie heute unter den Schülern Angst und Schrecken verbreiten? Wo wären wir ohne die Erzählungen eins Homer, die den Grundstock einer jeglichen Geschichte bilden, die nach ihm geschrieben wurde? Was wären wir ohne die philosophischen Erkenntnisse von Platon und Aristoteles? Nichts als Würmer, Amöben, Halbaffen, die unter der Erde hausen und ihr Dasein mit Kopulation und dem Verzehr von halb verwesten Fleisches fristen. [Tobende Zustimmung.]

Doch nicht nur hehre Dichter und Denker hat das griechische Volk hervorgebracht, auch unvergessene Helden, wie Achilles, den Kühnen, Herakles, den Starken, Odysseus, den Listigen oder Theseus, Bezwinger des schrecklichen Minotaueren. Das Blut jener Heroen fließt auch heute noch durch eure Adern, ja, das Blut von Zeus selbst, der sich, als Schwan getarnt unter die Menschen mischte und zahlreiche Nachkommen zeugte. [Johlen, Brüllen, Stampfen.]

Was aber hat Albanien vorzuweisen? Welchen Künstler, welchen Denker, welchen Krieger oder Staatsmann? Ein Albaner hat niemals etwas anderes hervorgebracht, als seine Ausscheidungen. Albanien, ein Land, von dem vor nicht allzu langer Zeit noch keine Menschenseele etwas gehört hat und dessen Existenz generell bezweifelt werden muss.

Wie lange schon hat dieses nichtswürdige Volk eure edle Abstammung mit Füßen getreten? Wie lange schon musstet ihr die Demütigungen dieser inzestuösen Sippe von Höhlenmenschen ertragen? Und wie lange noch wollt ihr unter der Knute eines Despoten leben, der behauptet, lediglich den Volkswillen zu erfüllen, von dem er vorgibt, rechtmäßig gewählt worden zu sein? Gewählt vielleicht, aber gewählt von einem Volk von Analphabeten die ihr Gesicht nicht von ihrem Arsch zu unterscheiden vermögen. Wie lange noch, frage ich euch? [Etliche Herzanfälle unter den Zuschauern, der Rest hat Schaum vor dem Mund.]

Deshalb sage ich: Lasst uns gen Tirana marschieren, lasst uns jenem Tyrannen die Ohren abschneiden und die Nase, die Zunge herausreißen und die Augen ausbrennen, auf dass er, für alle Ewigkeit verdammt, als Gesichts- und Namenloser, als Aussätziger im Hades umherirren möge. [Zustimmendes Gebrüll.]

Eure Waffen mögen stumpf sein vom Gebrauch in vergangenen Kriegen, eure Körper gebrechlich, eure Jugend mag sich feige ins Ausland abgesetzt haben, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ihr aber seid von anderem Schrot und Korn, in euren Adern fließt das Blut von Ajax dem Großen, von Perseus, von Leonidas, der einst mit seinen 300 tapferen Mannen der 100.000fachen persischen Übermacht in der Enge der Thermopylen trotzte, so wie auch wir jedem trotzen werden, der es wagt, uns aufzuhalten. [Johlen, Geschrei, Schüsse.]

Und wenn ihr am Morgen nach der Schlacht erwacht und euch auf dem Rücken eines Pferdes wieder findet, über grüne Wiesen und Auen reitend, dann wundert euch nicht, denn dann seid ihr im Elysium. [Gelächter.]

Was sagt ihr, Männer? Was wollt ihr tun?

Das darauf folgende dampfende, brodelnde, fiebrig ohrenbetäubende Getose der Masse lässt sich wahrlich nicht in Worte fassen. Ein infernalisches Gebrüll umbrandete mich, flankiert von Maschinengewehrsalven, Karabiner- und Pistolenschüssen und den Explosionen von versehentlich gezündeten Handgranaten, die nicht wenige ins Jenseits beförderten. Was ein Triumph, was ein Erfolg. Nie hatte ich mir erträumt, derartiges allein mit der Macht meiner Worte zu erreichen.

Und so kam es, dass ich am folgenden Morgen an der Spitze eines dementen, sklerösen, rheumatischen und von Herzschrittmachern angetriebenen Heeres gen Tirana marschierte, um meine Rückkehr nach Deutschland zu erzwingen.

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