Raketenautos und Tulpenzwiebeln #26

30.04.2016

17:19 Uhr

Bereits auf den ersten 50 Kilometern des langen Marsches nach Tirana musste ich unter meinem Tross zahlreiche Todesfälle, verursacht durch Herz- und Schlaganfälle, Hirnschläge, Nierenversagen und Thrombosen verzeichnen, und das, bevor auch nur einziger Schuss abgegeben worden war, und ich begann mich zu fragen, ob überhaupt noch jemand am Leben sein würde, wenn ich die Grenze der albanischen Hauptstadt erreicht hätte, doch waren meine Sorgen völlig unbegründet, denn je weiter wir voranschritten, desto größer wurde die Zahl derer, die sich uns anschlossen, was die Verluste mehr als ausglich, hatte sich doch wie ein Lauffeuer herumgesprochen, was das scheinbare Ziel unseres Aufstandes war: Der Anschluss Albaniens an Griechenland und damit an die Europäische Union, wovon sich ein Großteil der einheimischen Volksgruppen, ob sie nun Griechen, Bosniaker, Balkanägypter, Aromuner oder Albaner waren, eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse versprach. Mir ging es natürlich nur um eines, aber ich ließ diese Narren in ihrem Glauben, sie schritten einer glorreichen Zukunft entgegen.

Doch merkwürdigerweise beschlichen mich, je näher wir Tirana kamen, immer größere Zweifel an meiner ursprünglichen Absicht. Was galt denn der Prophet im eigenen Lande? Man hat mich als Geisteskranken abgestempelt, mir jede Existenzgrundlage entzogen, mich wie einen Idioten behandelt und keine Gelegenheit ausgelassen, sich lächerlich über mich zu machen. Meinem literarischen Werk wurde mit Missachtung begegnet, die Mutter meiner Kinder ließ sich vor mir verleugnen, die wenigen Freunde, die ich hatte, bestritten vehement, jemals etwas mit mir zu tun gehabt zu haben und in meiner Wohnung hauste ein Mohr. Was also sollte ich eigentlich dort? Hier hingegen war ich der Anführer einer sich immer mehr ausweitenden Revolte. Man begegnete mir mit Respekt und Hochachtung, mein Wort war Gesetz und wenn ich es geschickt genug anstellte, konnte ich mich zum Staatsoberhaupt eines, wenn auch völlig verwahrlosten Landes aufschwingen. Meine Werke wären Pflichtlektüre in den Schulen und an den Universitäten, ich würde in die Geschichte eingehen … Nein, mein Entschluss stand fest! Die göttliche Vorsehung hatte mich zweifellos hierher geführt und ich wäre ein Narr, würde ich die sich mir bietende Gelegenheit nicht mit beiden Händen am Schopfe packen.

Als die albanische Regierung in ihrer geistigen Stumpfheit endlich zur Kenntnis nahm, dass das, was sich da auf sie zubewegte, sich inzwischen zu einem veritablen Volksaufstand ausgewachsen hatte, war es längst zu spät. Natürlich schickten sie ihre verlotterte Armee gegen uns zu Felde, doch die braven Soldaten weigerten sich, auf ihre Landsleute, ihre Brüder und Schwestern, ihre Väter und Mütter zu schießen, sie liefen in Scharen zu uns über und so hatte die albanische Staatsmacht uns schließlich, als wir die Stadtgrenze von Tirana überschritten, nichts weiter entgegenzusetzen als ein paar verlauste Polizisten und verwirrte Intellektuelle, die von dem Wahnsinnigen aus Deutschland orakelten, der, wie alles von dort, nur von Übel sein könne, wobei sie ausgerechnet bei meinem Erzfeinde, dem Sprachverweser Thomas Mann, eine Ausnahme in ihren Pamphleten machten.

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