Raketenautos und Tulpenzwiebeln #27 und Schluss.

30.04.2016

16:38 Uhr.

Wie konnte es einem Mann mit derart überragenden, intellektuellen Fähigkeiten wie den meinen passieren, die Hinterlist und Heimtücke, die Durchtriebenheit und niederträchtige Bösartigkeit des albanischen Regenten, meines Widersachers, zu unterschätzen? Einem Kuhhirten, der sich vermutlich einst mit einer Ziege entjungfert hat, bin ich auf dem Leim gegangen, habe mich leichtgläubig an den Verhandlungstisch gesetzt, um die Bedingungen seiner Kapitulation auszuhandeln, doch noch ehe ich das von mir vorbereitete Dokument aus der Tasche ziehen konnte, war ich umringt von Söldnern aus CIA-Beständen und starrte in den Lauf eines Sturmgewehrs.

Ich hätte es wissen müssen: Stets wenn sich in einem unterdrückten Lande das zarte Pflänzchen der Freiheit erhob, waren die Amerikaner zur Stelle, um es in ihrer grobschlächtigen Art gewaltsam niederzutrampeln. Mandela, Che Guevara, Mossadegh, Guzmàn, Allende – die Liste der von der CIA gestürzten Volkshelden ist endlos und nun würde sich auch Heribert Günzelsau darin einreihen. Man steckte mir eine gefälschten, deutschen Pass in die Westentasche und zwang mich, unter Waffengewalt, in ein Flugzeug, das mich zurück in die inzwischen ungeliebte Heimat verbrachte. Trotz meiner lautstarken Proteste, ich sei gar nicht jener, dessen Name in den Papieren Erwähnung fand, mich auf meine Abschiebung nach Albanien berufend, zerrten mich, der ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, zwei Bundespolizisten mit Gewalt aus dem Kontrollbereich in die Eingangshalle des Tegeler Flughafens und warfen mich dann, wie einen Sack nasser Kartoffeln, vor die Tür, wo ich unsanft auf deutschem Boden landete.

Und so geschah es, dass ich, Revolutionsheld und Großwesir von Albanien, mich plötzlich wieder wie ein geprügelter Hund in den nasskalten Straßen des tristen Berlins wieder fand, mit nichts als den Kleidern, die ich am Leibe trug und dem zerfledderten Manuskript von „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ in der Tasche. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, was denn nun zu tun sei oder wie ich meine Zukunft in die Hände nehmen könne, irrte ich durch die Straßen einer Stadt, die mir fremd geworden war, und abermals lenkte die göttliche Vorsehung meine Füße an einen Ort, der mein Leben erneut aufs Radikalste verändern sollte.

Nachwort von Robert Weber

Als ich Heribert zum ersten Mal begegnete, ich saß, wie üblich, in meiner Stammkneipe, der Baiz, da hielt ich ihn für einen dieser Verrückten, die, vor sich hinbrabbelnd, die Straßen Berlins bevölkerten, aber irgendwie tat er mir in seinem abgerissenen Zustand leid. Ich hatte genügend Geld von meinem letzten Hörspielmanuskript in der Tasche, und so gab es eigentlich keinen Grund, den alten Mann, der sich neben mich an den Tresen stellte und und um ein Glas Leitungswasser bat, nicht zu einem Bier einzuladen, was Heribert dankbar annahm, obschon er, wie er betonte, Retsina und Ouzo bevorzugen würde, aber derartige Kulturgetränke wären in einem solchen Saftladen wohl kaum zu erwarten.

Er käme gerade aus Albanien, wo man ihn gewaltsam zurück nach Deutschland verschleppt hätte um einen Volksaufstand zu zerstreuen, dessen Anführer er gewesen war, und tatsächlich fächerte er vor mir einige zerfledderte Zeitungsartikel auf, die ich zwar nicht lesen konnte, da sie offenbar aus Albanien stammten, aber auf den Fotos war eindeutig Heribert zu sehen und die Schlagzeilen der Artikel beinhalteten stets das Wort „revolucion“.

Wie gesagt, zunächst dachte ich, ich hätte es mit einem Verrückten zu tun, aber das Kneipengespräch nahm eine unerwartet interessante Wendung. Heribert erzählte mir von den abenteuerlichen Umständen, aufgrund derer er nach Albanien gelangt war und schob mir dann einen zerfledderten Packen Papier herüber, das Manuskript seines „Jahrhundertwerkes“, wie er sich ausdrückte und das den absurden Titel „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ trug.

Nach einigen, überflogenen Seiten war mir klar, dass ich nie etwas derart Miserables gelesen hatte, was mich auf Anhieb begeisterte. Ob er nicht Lust habe, einen Auszug davon in der „Nacht der schlechten Texte“ einzureichen, einem jährlich stattfindenden Wettbewerb, der gerade ausgeschrieben war, fragte ich ihn, was Heribert jedoch empört zurückwies. Doch schließlich konnte ich ihn, nach einigen weiteren Bieren, davon überzeugen, dass, sollte er diese fragwürdige Trophäe tatsächlich gewinnen, er zumindest etwas Aufmerksamkeit für sein Manuskript bekommen würde, was für eine Veröffentlichung in der heutigen Zeit unabdingbar wäre, zudem könnte man seine Blog- und Tagebucheinträge überarbeiten und im folgenden Jahr zum Ingeborg-Bachmann-Preis einreichen. Die dazu nötige Verlagsempfehlung wäre nach „Der Nacht der schlechten Texte“ sicherlich kein Problem, und dann wäre ihm eine Veröffentlichung gewiss, trotz dass er nicht über Schönheit und Jugend einer Nachwuchsschriftstellerin verfüge, die in der Verlagslandschaft bevorzugt gehandelt wurden.

Was soll ich sagen? Heribert gewann den Preis für den schlechtesten Text des Jahres und er wurde zum Bachmann-Wettlesen eingeladen, aus dem er als Sieger und Publikumsliebling hervorging. Gefeiert als Enfant terrible der deutschsprachigen Literatur fand „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ einen, wenn auch kleinen Verlag und wurde unerwartet zum Bestseller, der zudem noch verfilmt werden sollte.

Auch heute noch pflege ich mit Heribert, der mich zum Dank zu seinem Agenten ernannte und mit der Ausübung seiner Rechte beauftragte, einen regelmäßigen Briefverkehr, wenn auch das albanische Postwesen nicht sonderlich zuverlässig ist.

Seinem letzten Schreiben zufolge sei er gerade mitten in der Vorbereitung eines weiteren, groß angelegten Feldzuges. Beim letzten Mal sei er zu kleingeistig an die Sache herangegangen, diesmal werde er das Pferd jedoch von hinten aufzäumen und vor den Karren spannen, statt umgekehrt, also ohne Umschweife direkt nach Athen marschieren. Die finanziellen Mittel für ein modernes Waffenarsenal zur Ausrüstung seiner Truppen stünden ihm ja, aufgrund seiner Buchverkäufe und dem Erlös aus den Filmrechten, nun zur Verfügung und selbst die Beschaffung von Panzern, ja Kampfhubschraubern und Kurzstreckenraketen seien in Albanien kein Problem. Zudem verfasse er gerade seine zweite Autobiographie mit dem Titel „Heribert der Große – Meine Kämpfe, meine Siege“ und ich, als sein Agent, solle mir keinen Zwang antun, mich bereits im Vorfeld nach einem renommierten Verlag umzusehen. Er denke da an Suhrkamp, Rowohlt oder Luchterhand. Auch wolle er mir den Posten des Großkonsuls in Deutschland ans Herz legen, sobald er sich zum Regenten des großgriechischen Reiches aufgeschwungen habe. Er erwarte und freue sich auf meine Anwesenheit zur Krönungszeremonie auf der Akropolis, die er im Anschluss restaurieren und wieder in alter Pracht erstrahlen lassen wolle.

Ich hatte keine Ahnung, ob Heribert nun völlig übergeschnappt oder an seinen Ausführungen tatsächlich etwas dran war. Beides wäre ihm zuzutrauen und die Zeit wird es weisen. Letzten Endes ist es aber auch nebensächlich. Denn was wäre schon die Welt ohne Menschen wie Heribert Günzelsau? Ein trostloser, grauer und fantasieloser Ort, und egal, was er in Zukunft zu tun beabsichtigt oder in die Tat umsetzt, es kann eigentlich nur besser werden.

3 Kommentare

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3 Antworten zu “Raketenautos und Tulpenzwiebeln #27 und Schluss.

  1. Och, schade, dass schon Schluss sein soll. Das Lesen dieses Blogs war das Letzte, was mich noch am Leben hielt.

    • robertweber

      Komm doch zur Lesung am 30.06. um 19 Uhr in die Baiz, ich mach das zweistimmig, mit Karsten. Ansonsten habe ich das Ding auch mal Sebastian und Leif geschickt. Wenn die Interesse haben sollten, muss ich das ohnehin noch deutlich ausbauen.

    • robertweber

      Tja, Voland & Quist finden das Scheiße. Egal.

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