Raketenautos und Tulpenzwiebeln

Raketenautos und Tulpenzwiebeln

Von Heribert Günzelsau

Zusammenfassung

Heribert Günzelsau ist beruflich und finanziell ruiniert. Als Autor bekommt er keinen Fuß mehr auf den Boden, die letzte Veröffentlichung ist Jahre her und wurde aufgrund weitreichender Plagiate eingestampft. Mit der Monographie „Widerstand im Dritten Reich am Beispiel Hermann Görings“, die ihm eine Anzeige wegen Volksverhetzung einbringt, versetzt er sich den endgültigen Todesstoß. Doch Heribert wäre nicht Günzelsau, ließe er sich davon beeindrucken und so plant er einen letzten, großen Wurf, ein „Jahrhundertwerk von Mannschem Ausmaß, ein neuer Zauberberg“, das ihn wieder in den Schriftstellerolymp katapultieren soll. Während der Arbeit an „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ gerät Günzelsau immer tiefer in einen Strudel aus Verwahrlosung und Wahnvorstellungen, die er auf seinem Blog dokumentiert.

Schließlich kommt es, wie es kommen muss und er wird in die Psychiatrie eingewiesen, wo man ihm weiszumachen versucht, er habe nie auch nur eine einzige Zeile veröffentlicht, ja, eine Person seines Namens existiere überhaupt nicht. Und tatsächlich, als Günzelsau im Internet Nachforschungen über sich selbst anstellt, scheinen seine Existenz und sein Werk aus dem digitalen Gedächtnis der Menschheit gelöscht, was ihn nur in der Annahme bestärkt, es sei eine großangelegte Verschwörung des Literaturbetriebes gegen ihn im Gange.

Als es Günzelsau gelingt, aus der Anstalt zu entkommen, stürzt er in noch größere Verwirrung. In seiner Wohnung lebt ein Fremder, seine alte Freundin Inge will ihn nie gekannt haben, ebenso seine Ex-Frau Hanna. Heimat- und Namenlos, ohne Papiere und Obdach weiß er sich nicht anders zu helfen, als sich als Flüchtling auszugeben, um wenigstens ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben. Ein fataler Fehler, denn er landet in einem Abschiebelager und sitzt alsbald in einem Flugzeug nach Albanien. Dort steigt er zum Volksredner auf und entfacht eine Revolution, in deren Wirren er, mithilfe einer Schlepperbande, zurück nach Deutschland gelangt.

Durch Zufall lernt er kurz darauf in Berlin den Autoren Robert Weber in dessen Stammkneipe am Tresen kennen, der sich sofort für seinen abseitigen Roman begeistert und ihn überredet, einen Auszug sowohl in der „Nacht der schlechten Texte“ als auch beim „Ingeborg-Bachmann-Wettlesen“ einzureichen

Unerwartet gewinnt Günzelsau beide Preise und er wird als Enfant terrible der deutschsprachigen Literatur gefeiert. Das macht auch einen Verleger auf ihn aufmerksam, der ihm anbietet, seine im Blog dokumentierten Erlebnisse in Verbindung mit „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ zu veröffentlichen. Ein Roman im Roman entsteht und wird zum Beststeller.

Ausgezeichnet mit zahlreichen Literaturpreisen ist Heribert Günzelsau rehabilitiert und wird von der Kritik frenetisch gefeiert.

Erste Lesung am 24.03.16 um 20 Uhr in der Baiz. Mit Robert Weber und Karsten Krampitz. Um pünktliches Erscheinen und gepflegte Kleidung wird gebeten. Die Lesung wird kurz und knackig, der Eintritt ist frei. Lesung Teil 2 am 30.06.2016, um 19 Uhr in der Baiz. Das Finale dann im Herbst.

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Karsten Krampitz, Robert Weber

Nachwort von Robert Weber

Als ich Heribert zum ersten Mal begegnete, ich saß, wie üblich, in meiner Stammkneipe, der Baiz, da hielt ich ihn für einen dieser Verrückten, die, vor sich hinbrabbelnd, die Straßen Berlins bevölkerten, aber irgendwie tat er mir in seinem abgerissenen Zustand leid. Ich hatte genügend Geld von meinem letzten Hörspielmanuskript in der Tasche, und so gab es eigentlich keinen Grund, den alten Mann, der sich neben mich an den Tresen stellte und und um ein Glas Leitungswasser bat, nicht zu einem Bier einzuladen, was Heribert dankbar annahm, obschon er, wie er betonte, Retsina und Ouzo bevorzugen würde, aber derartige Kulturgetränke wären in einem solchen Saftladen wohl kaum zu erwarten.

Er käme gerade aus Albanien, wo man ihn gewaltsam zurück nach Deutschland verschleppt hätte um einen Volksaufstand zu zerstreuen, dessen Anführer er gewesen war, und tatsächlich fächerte er vor mir einige zerfledderte Zeitungsartikel auf, die ich zwar nicht lesen konnte, da sie offenbar aus Albanien stammten, aber auf den Fotos war eindeutig Heribert zu sehen und die Schlagzeilen der Artikel beinhalteten stets das Wort „revolucion“.

Wie gesagt, zunächst dachte ich, ich hätte es mit einem Verrückten zu tun, aber das Kneipengespräch nahm eine unerwartet interessante Wendung. Heribert erzählte mir von den abenteuerlichen Umständen, aufgrund derer er nach Albanien gelangt war und schob mir dann einen zerfledderten Packen Papier herüber, das Manuskript seines „Jahrhundertwerkes“, wie er sich ausdrückte und das den absurden Titel „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ trug.

Nach einigen, überflogenen Seiten war mir klar, dass ich nie etwas Schlechteres gelesen hatte, was mich auf Anhieb begeisterte. Ob er nicht Lust habe, einen Auszug davon in der „Nacht der schlechten Texte“ einzureichen, einem jährlich stattfindenden Wettbewerb, der gerade ausgeschrieben war, fragte ich ihn, was Heribert jedoch empört zurückwies. Doch schließlich konnte ich ihn, nach einigen weiteren Bieren, davon überzeugen, dass, sollte er diese fragwürdige Trophäe tatsächlich gewinnen, er zumindest etwas Aufmerksamkeit für sein Manuskript bekommen würde, was für eine Veröffentlichung in der heutigen Zeit unabdingbar wäre, zudem könnte man seine Blog- und Tagebucheinträge überarbeiten und im folgenden Jahr zum Ingeborg-Bachmann-Preis einreichen. Die dazu nötige Verlagsempfehlung wäre nach „Der Nacht der schlechten Texte“ sicherlich kein Problem, und dann wäre ihm eine Veröffentlichung gewiss, trotz dass er nicht über Schönheit und Jugend einer Nachwuchsschriftstellerin verfüge, die in der Verlagslandschaft bevorzugt gehandelt wurden.

Was soll ich sagen? Heribert gewann den Preis für den schlechtesten Text des Jahres und er wurde zum Bachmann-Wettlesen eingeladen, aus dem er als Sieger hervorging. „Raketenautos und Tulpenzwiebeln“ fand einen, wenn auch kleinen Verlag und wurde unerwartet zum Bestseller, der zudem noch verfilmt werden sollte.

Auch heute noch pflege ich mit Heribert, der mich zum Dank zu seinem Agenten ernannte und mit der Ausübung seiner Rechte beauftragte, einen regelmäßigen Briefverkehr, wenn auch das albanische Postwesen nicht sonderlich zuverlässig ist.

Seinem letzten Schreiben zufolge sei er gerade mitten in der Vorbereitung eines groß angelegten Feldzuges. Beim letzten Mal sei er zu kleingeistig an die Sache herangegangen, diesmal werde er das Pferd jedoch von hinten aufzäumen und vor den Karren spannen, statt umgekehrt, also ohne Umschweife direkt nach Athen marschieren. Die finanziellen Mittel für ein modernes Waffenarsenal zur Ausrüstung seiner Truppen stünden ihm ja, aufgrund seiner Buchverkäufe und dem Erlös aus den Filmrechten, nun zur Verfügung und selbst die Beschaffung von Panzern, ja Kampfhubschraubern und Kurzstreckenraketen seien in Albanien kein Problem. Zudem verfasse er gerade seine zweite Autobiographie mit dem Titel „Heribert der Große – Meine Kämpfe, meine Siege“ und ich, als sein Agent, solle mir keinen Zwang antun, mich bereits im Vorfeld nach einem renommierten Verlag umzusehen. Er denke da an Suhrkamp, Rowohlt oder Luchterhand. Auch wolle er mir den Posten des Großkonsuls in Deutschland ans Herz legen, sobald er sich zum Regenten des großgriechischen Reiches aufgeschwungen habe. Er erwarte und freue sich auf meine Anwesenheit zur Krönungszeremonie auf der Akropolis, die er im Anschluss restaurieren und wieder in alter Pracht erstrahlen lassen wolle.

Ich hatte keine Ahnung, ob Heribert nun völlig übergeschnappt oder an seinen Ausführungen tatsächlich etwas dran war. Beides wäre ihm zuzutrauen und die Zukunft wird es weisen. Letzten Endes ist es aber auch wurscht. Denn was wäre schon die Welt ohne Menschen wie Heribert Günzelsau? Ein trostloser, grauer und fantasieloser Ort, und egal, was er in Zukunft zu tun beabsichtigt oder in die Tat umsetzt, es kann eigentlich nur besser werden.